das Reich der Geister herein; es kann beynahe alles, was in der Seele vorgeht, lesen. Das Schöne, das einen so vortheilhaften Eindruk auf die Seele macht, ist ihm fast in allen Gestalten sichtbar; (*) aber es entdeket auch das Vollkommene und das Gute. Was kann nicht ein geübtes Auge in den Gesichtern, in der Form, in der Stellung und Be- wegung des menschlichen Körpers lesen? Diesen Weg zur Seele nehmen die zeichnenden Künste, auf sehr mannichfaltige Art, wie hernach wird ge- zeiget werden.
Das Gesicht gränzet in vielen Stüken so nahe an das blos Geistige (intellektuelle), daß die Natur selbst keinen Mittelsinn zwischen dem Gesichte und den innern Vorstellungen geleget hat; oft sehen wir, wo wir blos zu denken glauben, ohne uns des Eindruks eines körperlichen Gefühls bewußt zu seyn. Also ist für die Künste kein Sinn mehr übrig. Aber das menschliche Genie, durch göttliche Vor- sehung geleitet, hat sich noch ein weit reichendes Mittel erdacht, in jeden Winkel der Seele hinein- zudringen. Es hat Begriffe und Gedanken, die nichts körperliches haben, in Formen gebildet, die sich durch die Sinnen durchschleichen, um wieder in andre Seelen zu dringen. Die Rede kann, ver- mittelst des Gehörs oder des Gesichts, jede Vor- stellung in die Seele bringen, ohne daß diese Sinnen sie verstellen, oder ihr die ihrem Baue eigene Gestalt geben. Weder in dem Klange eines Worts, noch in der Art, wie es durch die Schrift sichtbar wird, liegt die Kraft seiner Bedeutung. Also ist es etwas blos Geistiges in einer zufälligen körper- lichen Gestalt, um durch die Sinnen in die Seele zu dringen. Dieses bewundrungswürdigen Mit- tels bedienen sich die redenden Künste. An äußer- licher Kraft stehen sie den andern weit nach, weil sie, wo es nicht zufälliger Weise geschieht, daß sie das Gehör erschüttern, von der Rührung der körperli- chen Sinnen keine Kraft borgen. Aber sie gewin- nen an Ausdehnung, was ihnen an äußerer Kraft fehlet. Sie rühren alle Sayten der Einbildungs- kraft, und können dadurch jeden Eindruk der Sin- nen, selbst der gröbern, ohne Hülfe der Sinnen selbst fühlbar machen.
Darum erstrekt sich ihr Gebrauch viel weiter als der, den man von andern Künsten machen kann. Von allem, was uns bewußt, in der Seele vor- geht, können sie uns benachrichtigen. Von wel- [Spaltenumbruch]
Kün
cher Seite, mit welcher Art der Vorstellung oder Empfindung man die Seele anzugreifen habe, dazu reichen die redenden Künste allemal die Mittel dar. Dann haben sie noch über die andern Künste den Vortheil, daß man sich vermittelst der wunderbaren Zeichen, deren sie sich bedienen, jeder Vorstellung auf das leichteste und bestimmteste wieder erinnert. Darum sind sie zwar an Lebhaftigkeit der Vorstellun- gen die schwächesten, aber durch ihre Fähigkeit alle Arten der Vorstellungen zu erweken, die wichtigsten. Dieses sind die drey ursprünglichen Gattungen der Künste. Man hat aber Kunstwerke ausgedacht, in welchen zwey oder drey Gattungen vereiniget wer- den. Jm Tanze vereinigen sich die Künste, die durch Aug und Ohr zugleich rühren; in dem Ge- sange vereinigen sich die redenden Künste mit der Musik, und in dem Schauspiele können gar alle zu- gleich würken. Darum ist das Schauspiel die höchste Erfindung der Kunst, und kann von allen Mitteln die Gemüther der Menschen zu erhöhen, das vollkommenste werden. (*)
Jede Kunst hat wieder ihre vielfachen Neben- zweige, die vielleicht am füglichsten durch die Gat- tungen der darinn behandelten ästhetischen Kräfte könnten bestimmt werden. So giebt es besondere Nebenzweige in jeder Kunst, wo blos auf das Schöne gearbeitet wird. Dahin gehören alle Werke, die keine andere Absicht haben, als den Geschmak am Schönen zu ergötzen. Jn der Dichtkunst artige Kleinigkeiten, in der Mahlerey Blumen-Stücke, Landschaften, die blos schön, ohne bestimmten lei- denschaftlichen Charakter; in der Musik Stüke, worin außer Harmonie nnd Rhythmus wenig Be- stimmtes zu merken ist. Andre Nebenzweige ar- beiten fürnehmlich auf Vollkommenheit und Wahr- heit, wie in redenden Künsten die unterrichtende Rede, das Lehrgedicht, eine Art der Aesopischen Fabel und andere Arten. Noch andre Zweige bear- beiten fürnehmlich einen leidenschaftlichen Stoff, und bringen Leidenschaften in Bewegung. Dann giebt es noch Arten, wo alle Kräfte zugleich angewen- det werden, und diese sind alle mahl die wichtigsten.
Wie nun zu jeder Gattung nicht nur ein eigenes Genie, sondern auch eine besondre Gemüthsfassung und eine eigene Stimmung der Seele erfordert wird; so könnte man vielleicht in dieser Stimmung, die der Künstler zu glüklichem Fortgange seiner Arbeit nöthig hat, die Nebenzweige jeder der schönen
Künste
(*) S. Ar- tikel Kraft. Schön.
(*) S. Schau- spiele.
[Spaltenumbruch]
Kuͤn
das Reich der Geiſter herein; es kann beynahe alles, was in der Seele vorgeht, leſen. Das Schoͤne, das einen ſo vortheilhaften Eindruk auf die Seele macht, iſt ihm faſt in allen Geſtalten ſichtbar; (*) aber es entdeket auch das Vollkommene und das Gute. Was kann nicht ein geuͤbtes Auge in den Geſichtern, in der Form, in der Stellung und Be- wegung des menſchlichen Koͤrpers leſen? Dieſen Weg zur Seele nehmen die zeichnenden Kuͤnſte, auf ſehr mannichfaltige Art, wie hernach wird ge- zeiget werden.
Das Geſicht graͤnzet in vielen Stuͤken ſo nahe an das blos Geiſtige (intellektuelle), daß die Natur ſelbſt keinen Mittelſinn zwiſchen dem Geſichte und den innern Vorſtellungen geleget hat; oft ſehen wir, wo wir blos zu denken glauben, ohne uns des Eindruks eines koͤrperlichen Gefuͤhls bewußt zu ſeyn. Alſo iſt fuͤr die Kuͤnſte kein Sinn mehr uͤbrig. Aber das menſchliche Genie, durch goͤttliche Vor- ſehung geleitet, hat ſich noch ein weit reichendes Mittel erdacht, in jeden Winkel der Seele hinein- zudringen. Es hat Begriffe und Gedanken, die nichts koͤrperliches haben, in Formen gebildet, die ſich durch die Sinnen durchſchleichen, um wieder in andre Seelen zu dringen. Die Rede kann, ver- mittelſt des Gehoͤrs oder des Geſichts, jede Vor- ſtellung in die Seele bringen, ohne daß dieſe Sinnen ſie verſtellen, oder ihr die ihrem Baue eigene Geſtalt geben. Weder in dem Klange eines Worts, noch in der Art, wie es durch die Schrift ſichtbar wird, liegt die Kraft ſeiner Bedeutung. Alſo iſt es etwas blos Geiſtiges in einer zufaͤlligen koͤrper- lichen Geſtalt, um durch die Sinnen in die Seele zu dringen. Dieſes bewundrungswuͤrdigen Mit- tels bedienen ſich die redenden Kuͤnſte. An aͤußer- licher Kraft ſtehen ſie den andern weit nach, weil ſie, wo es nicht zufaͤlliger Weiſe geſchieht, daß ſie das Gehoͤr erſchuͤttern, von der Ruͤhrung der koͤrperli- chen Sinnen keine Kraft borgen. Aber ſie gewin- nen an Ausdehnung, was ihnen an aͤußerer Kraft fehlet. Sie ruͤhren alle Sayten der Einbildungs- kraft, und koͤnnen dadurch jeden Eindruk der Sin- nen, ſelbſt der groͤbern, ohne Huͤlfe der Sinnen ſelbſt fuͤhlbar machen.
Darum erſtrekt ſich ihr Gebrauch viel weiter als der, den man von andern Kuͤnſten machen kann. Von allem, was uns bewußt, in der Seele vor- geht, koͤnnen ſie uns benachrichtigen. Von wel- [Spaltenumbruch]
Kuͤn
cher Seite, mit welcher Art der Vorſtellung oder Empfindung man die Seele anzugreifen habe, dazu reichen die redenden Kuͤnſte allemal die Mittel dar. Dann haben ſie noch uͤber die andern Kuͤnſte den Vortheil, daß man ſich vermittelſt der wunderbaren Zeichen, deren ſie ſich bedienen, jeder Vorſtellung auf das leichteſte und beſtimmteſte wieder erinnert. Darum ſind ſie zwar an Lebhaftigkeit der Vorſtellun- gen die ſchwaͤcheſten, aber durch ihre Faͤhigkeit alle Arten der Vorſtellungen zu erweken, die wichtigſten. Dieſes ſind die drey urſpruͤnglichen Gattungen der Kuͤnſte. Man hat aber Kunſtwerke ausgedacht, in welchen zwey oder drey Gattungen vereiniget wer- den. Jm Tanze vereinigen ſich die Kuͤnſte, die durch Aug und Ohr zugleich ruͤhren; in dem Ge- ſange vereinigen ſich die redenden Kuͤnſte mit der Muſik, und in dem Schauſpiele koͤnnen gar alle zu- gleich wuͤrken. Darum iſt das Schauſpiel die hoͤchſte Erfindung der Kunſt, und kann von allen Mitteln die Gemuͤther der Menſchen zu erhoͤhen, das vollkommenſte werden. (*)
Jede Kunſt hat wieder ihre vielfachen Neben- zweige, die vielleicht am fuͤglichſten durch die Gat- tungen der darinn behandelten aͤſthetiſchen Kraͤfte koͤnnten beſtimmt werden. So giebt es beſondere Nebenzweige in jeder Kunſt, wo blos auf das Schoͤne gearbeitet wird. Dahin gehoͤren alle Werke, die keine andere Abſicht haben, als den Geſchmak am Schoͤnen zu ergoͤtzen. Jn der Dichtkunſt artige Kleinigkeiten, in der Mahlerey Blumen-Stuͤcke, Landſchaften, die blos ſchoͤn, ohne beſtimmten lei- denſchaftlichen Charakter; in der Muſik Stuͤke, worin außer Harmonie nnd Rhythmus wenig Be- ſtimmtes zu merken iſt. Andre Nebenzweige ar- beiten fuͤrnehmlich auf Vollkommenheit und Wahr- heit, wie in redenden Kuͤnſten die unterrichtende Rede, das Lehrgedicht, eine Art der Aeſopiſchen Fabel und andere Arten. Noch andre Zweige bear- beiten fuͤrnehmlich einen leidenſchaftlichen Stoff, und bringen Leidenſchaften in Bewegung. Dann giebt es noch Arten, wo alle Kraͤfte zugleich angewen- det werden, und dieſe ſind alle mahl die wichtigſten.
Wie nun zu jeder Gattung nicht nur ein eigenes Genie, ſondern auch eine beſondre Gemuͤthsfaſſung und eine eigene Stimmung der Seele erfordert wird; ſo koͤnnte man vielleicht in dieſer Stimmung, die der Kuͤnſtler zu gluͤklichem Fortgange ſeiner Arbeit noͤthig hat, die Nebenzweige jeder der ſchoͤnen
Kuͤnſte
(*) S. Ar- tikel Kraft. Schoͤn.
(*) S. Schau- ſpiele.
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[624/0059]
Kuͤn
Kuͤn
das Reich der Geiſter herein; es kann beynahe alles,
was in der Seele vorgeht, leſen. Das Schoͤne,
das einen ſo vortheilhaften Eindruk auf die Seele
macht, iſt ihm faſt in allen Geſtalten ſichtbar; (*)
aber es entdeket auch das Vollkommene und das
Gute. Was kann nicht ein geuͤbtes Auge in den
Geſichtern, in der Form, in der Stellung und Be-
wegung des menſchlichen Koͤrpers leſen? Dieſen
Weg zur Seele nehmen die zeichnenden Kuͤnſte,
auf ſehr mannichfaltige Art, wie hernach wird ge-
zeiget werden.
Das Geſicht graͤnzet in vielen Stuͤken ſo nahe
an das blos Geiſtige (intellektuelle), daß die Natur
ſelbſt keinen Mittelſinn zwiſchen dem Geſichte und
den innern Vorſtellungen geleget hat; oft ſehen
wir, wo wir blos zu denken glauben, ohne uns des
Eindruks eines koͤrperlichen Gefuͤhls bewußt zu ſeyn.
Alſo iſt fuͤr die Kuͤnſte kein Sinn mehr uͤbrig.
Aber das menſchliche Genie, durch goͤttliche Vor-
ſehung geleitet, hat ſich noch ein weit reichendes
Mittel erdacht, in jeden Winkel der Seele hinein-
zudringen. Es hat Begriffe und Gedanken, die
nichts koͤrperliches haben, in Formen gebildet, die
ſich durch die Sinnen durchſchleichen, um wieder
in andre Seelen zu dringen. Die Rede kann, ver-
mittelſt des Gehoͤrs oder des Geſichts, jede Vor-
ſtellung in die Seele bringen, ohne daß dieſe Sinnen
ſie verſtellen, oder ihr die ihrem Baue eigene
Geſtalt geben. Weder in dem Klange eines Worts,
noch in der Art, wie es durch die Schrift ſichtbar
wird, liegt die Kraft ſeiner Bedeutung. Alſo iſt
es etwas blos Geiſtiges in einer zufaͤlligen koͤrper-
lichen Geſtalt, um durch die Sinnen in die Seele
zu dringen. Dieſes bewundrungswuͤrdigen Mit-
tels bedienen ſich die redenden Kuͤnſte. An aͤußer-
licher Kraft ſtehen ſie den andern weit nach, weil ſie,
wo es nicht zufaͤlliger Weiſe geſchieht, daß ſie das
Gehoͤr erſchuͤttern, von der Ruͤhrung der koͤrperli-
chen Sinnen keine Kraft borgen. Aber ſie gewin-
nen an Ausdehnung, was ihnen an aͤußerer Kraft
fehlet. Sie ruͤhren alle Sayten der Einbildungs-
kraft, und koͤnnen dadurch jeden Eindruk der Sin-
nen, ſelbſt der groͤbern, ohne Huͤlfe der Sinnen
ſelbſt fuͤhlbar machen.
Darum erſtrekt ſich ihr Gebrauch viel weiter als
der, den man von andern Kuͤnſten machen kann.
Von allem, was uns bewußt, in der Seele vor-
geht, koͤnnen ſie uns benachrichtigen. Von wel-
cher Seite, mit welcher Art der Vorſtellung oder
Empfindung man die Seele anzugreifen habe, dazu
reichen die redenden Kuͤnſte allemal die Mittel dar.
Dann haben ſie noch uͤber die andern Kuͤnſte den
Vortheil, daß man ſich vermittelſt der wunderbaren
Zeichen, deren ſie ſich bedienen, jeder Vorſtellung
auf das leichteſte und beſtimmteſte wieder erinnert.
Darum ſind ſie zwar an Lebhaftigkeit der Vorſtellun-
gen die ſchwaͤcheſten, aber durch ihre Faͤhigkeit alle
Arten der Vorſtellungen zu erweken, die wichtigſten.
Dieſes ſind die drey urſpruͤnglichen Gattungen der
Kuͤnſte. Man hat aber Kunſtwerke ausgedacht, in
welchen zwey oder drey Gattungen vereiniget wer-
den. Jm Tanze vereinigen ſich die Kuͤnſte, die
durch Aug und Ohr zugleich ruͤhren; in dem Ge-
ſange vereinigen ſich die redenden Kuͤnſte mit der
Muſik, und in dem Schauſpiele koͤnnen gar alle zu-
gleich wuͤrken. Darum iſt das Schauſpiel die
hoͤchſte Erfindung der Kunſt, und kann von allen
Mitteln die Gemuͤther der Menſchen zu erhoͤhen,
das vollkommenſte werden. (*)
Jede Kunſt hat wieder ihre vielfachen Neben-
zweige, die vielleicht am fuͤglichſten durch die Gat-
tungen der darinn behandelten aͤſthetiſchen Kraͤfte
koͤnnten beſtimmt werden. So giebt es beſondere
Nebenzweige in jeder Kunſt, wo blos auf das
Schoͤne gearbeitet wird. Dahin gehoͤren alle Werke,
die keine andere Abſicht haben, als den Geſchmak
am Schoͤnen zu ergoͤtzen. Jn der Dichtkunſt artige
Kleinigkeiten, in der Mahlerey Blumen-Stuͤcke,
Landſchaften, die blos ſchoͤn, ohne beſtimmten lei-
denſchaftlichen Charakter; in der Muſik Stuͤke,
worin außer Harmonie nnd Rhythmus wenig Be-
ſtimmtes zu merken iſt. Andre Nebenzweige ar-
beiten fuͤrnehmlich auf Vollkommenheit und Wahr-
heit, wie in redenden Kuͤnſten die unterrichtende
Rede, das Lehrgedicht, eine Art der Aeſopiſchen
Fabel und andere Arten. Noch andre Zweige bear-
beiten fuͤrnehmlich einen leidenſchaftlichen Stoff,
und bringen Leidenſchaften in Bewegung. Dann
giebt es noch Arten, wo alle Kraͤfte zugleich angewen-
det werden, und dieſe ſind alle mahl die wichtigſten.
Wie nun zu jeder Gattung nicht nur ein eigenes
Genie, ſondern auch eine beſondre Gemuͤthsfaſſung
und eine eigene Stimmung der Seele erfordert wird;
ſo koͤnnte man vielleicht in dieſer Stimmung, die
der Kuͤnſtler zu gluͤklichem Fortgange ſeiner Arbeit
noͤthig hat, die Nebenzweige jeder der ſchoͤnen
Kuͤnſte
(*) S. Ar-
tikel Kraft.
Schoͤn.
(*) S.
Schau-
ſpiele.
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Sulzer, Johann Georg: Allgemeine Theorie der Schönen Künste. Bd. 2. Leipzig, 1774, S. 624. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/sulzer_theorie02_1774/59>, abgerufen am 11.09.2024.
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