gung, aus Leichtsinn, Thorheiten und Vorurtheilen überlassen; kommt man ihm aber mit dem Lächer- lichen zuvor, so verwahrt er sich dagegen. Wie mancher verständige Gelehrte, würde nicht ein Pe- dant seyn, wenn nicht die Pedanterey wäre lächer- lich gemacht worden? Rousseau hat nicht bedacht, daß die Narrheit nicht blos den Narren eigen ist, sondern auch Verständige anstekt; so wie das Laster nicht blos den verworfenen Menschen, in deren Herzen es entspringt, eigen ist, sondern auch gute Menschen übereilen kann. Einen gebohruen Nar- ren von verkehrtem Sinne, kann man freylich nicht heilen; aber verständige Menschen sind von Thor- heiten und Vorurtheilen, die sie durch Anstekung gewonnen haben, zu befreyen, oder vor der künf- tigen Anstekung zu verwahren. Sollte dieses nicht weit leichter und natürlicher seyn, als daß sie davon angestekt werden? Ofte kommen Narrheiten eines gonzen Volks, von einem einzigen verwirrten Ko- pfe; warum sollten sie nicht auch, durch einen klu- gen Kopf vertrieben werden können? Hievon aber habe ich anderswo ausführlicher gesprochen. (+)
Wo man die Besserung zur Absicht hat, muß die Narrheit selbst, nicht die Person des Narren, den man bessern will, lächerlich gemacht werden. Man muß sich so gar in Acht nehmen, daß er sich nicht gleich persönlich getroffen glaube; er muß erst brav mitlachen, und erst am Ende muß man ihm sagen:
-- Quid rides? mutato nomine de te Fabula narratur.
Ueberhaupt aber muß man um Menschen von Thor- heiten zu heilen, oder dafür zu warnen, nie ganz verworfene und grobe Narren auf die Bühne brin- gen. Sie sind unheilbar und gehören ins Tollhaus; für andre sind sie unschädlich, weil sie nicht ansteken. Kein Mensch, der noch einigen Verstand hat, glaubt sich in dem Falle zu finden, äußerst lächerlich zu seyn, oder zu werden. Er macht also keine Anwendung auf sich, wenn ihm gar zu grobe Narrheiten vor- gehalten werden. Man muß da eben so behutsam verfahren, wie bey den Drohungen mit den Stra- fen der Vergehungen. Einen Menschen der noch Empfindung von Ehre hat, kann man nicht durch Galgen und Rad schrecken, sie liegen außer seinem [Spaltenumbruch]
Läch
Kreis; und so ist auch das Tollhaus keine Warnung, die man verständigen Menschen geben könnte. Wer in Molieres Tartüffe, oder Harpagon sich selbst er- kennt, wird dadurch nicht gebessert; denn er hat alle Scham bereits verlohren; ein feinerer Tartüffe und Harpagon aber, wendet dieses grobe Lächer- liche nicht auf sich an.
Darum soll der comische Dichter, der die Men- schen von Thorheiten befreyen, oder sie dafür war- nen will, sowol in der Wahl des Lächerlichen, als in der Schilderung desselben vorsichtig seyn. Er soll uns nicht grobe Narrheiten, die wir selbst auch hinlänglich bemerken, sondern unsre eigene Thorhei- ten, die wir aus Unachtsamkeit, oder aus Mangel des Scharfsinns nicht bemerkt haben, lebhaft füh- len lassen, um uns davon zu heilen. Entdeket er ausgebreitete Thorheiten, die wir übersehen könnten, die wir noch nicht haben, aber vielleicht annehmen würden, so warne er uns bey Zeiten dafür; vor groben Narrheiten halten wir uns durch uns selbst schon genug verwahret.
Hier ist leicht zu sehen, daß nur die scharfsinnig- sten Köpfe, die viel weiter, als andre, auch nicht un- verständige Menschen, sehen, zu diesem Werk auf- gelegt sind. Wer nicht über alle andre Menschen weg sieht, muß sich daran nicht wagen. Daher kommt es, daß comische Dichter dieser Art, so sehr selten sind. Wo es auf bloße Belustigung ankommt, wovon vorher gesprochen worden, da hat es so viel nicht auf sich; eine gute comische Laune ist dazu hinlänglich, wiewol auch diese schon eine ziemlich seltene Gab ist. Aber hier muß noch allgemeine, überwiegende Beurtheilung der Menschen und Sit- ten dazu kommen. Wir erinnern dieses, um junge comische Dichter zu warnen, daß sie sich nicht zu früh in dieses Feld wagen; sie mögen erst versuchen uns zu belustigen; aber ehe sie uns vom Lächerli- chen zu heilen versuchen, müssen sie sehr gewiß seyn, nicht, daß sie gemeine Narren, sondern auch klügere Menschen, übersehen. Dazu gehört eine ungemeine Kenntnis der Menschen und der Welt, von den tiefsten Einsichten der Philosophie unterstüzet. Die aber diese Kenntnis und Einsicht durch langes beob- achten und scharfes Nachdenken erlanget haben, be-
sizen
(+)[Spaltenumbruch] S. Reflexions philosophiques sur l'utilite de la poesie dramatique, in den Memoires der Preuß. [Spaltenumbruch]
Academie der Wissenschaften für das Jahr 1760. S. 337 u. f. f.
[Spaltenumbruch]
Laͤch
gung, aus Leichtſinn, Thorheiten und Vorurtheilen uͤberlaſſen; kommt man ihm aber mit dem Laͤcher- lichen zuvor, ſo verwahrt er ſich dagegen. Wie mancher verſtaͤndige Gelehrte, wuͤrde nicht ein Pe- dant ſeyn, wenn nicht die Pedanterey waͤre laͤcher- lich gemacht worden? Rouſſeau hat nicht bedacht, daß die Narrheit nicht blos den Narren eigen iſt, ſondern auch Verſtaͤndige anſtekt; ſo wie das Laſter nicht blos den verworfenen Menſchen, in deren Herzen es entſpringt, eigen iſt, ſondern auch gute Menſchen uͤbereilen kann. Einen gebohruen Nar- ren von verkehrtem Sinne, kann man freylich nicht heilen; aber verſtaͤndige Menſchen ſind von Thor- heiten und Vorurtheilen, die ſie durch Anſtekung gewonnen haben, zu befreyen, oder vor der kuͤnf- tigen Anſtekung zu verwahren. Sollte dieſes nicht weit leichter und natuͤrlicher ſeyn, als daß ſie davon angeſtekt werden? Ofte kommen Narrheiten eines gonzen Volks, von einem einzigen verwirrten Ko- pfe; warum ſollten ſie nicht auch, durch einen klu- gen Kopf vertrieben werden koͤnnen? Hievon aber habe ich anderswo ausfuͤhrlicher geſprochen. (†)
Wo man die Beſſerung zur Abſicht hat, muß die Narrheit ſelbſt, nicht die Perſon des Narren, den man beſſern will, laͤcherlich gemacht werden. Man muß ſich ſo gar in Acht nehmen, daß er ſich nicht gleich perſoͤnlich getroffen glaube; er muß erſt brav mitlachen, und erſt am Ende muß man ihm ſagen:
— Quid rides? mutato nomine de te Fabula narratur.
Ueberhaupt aber muß man um Menſchen von Thor- heiten zu heilen, oder dafuͤr zu warnen, nie ganz verworfene und grobe Narren auf die Buͤhne brin- gen. Sie ſind unheilbar und gehoͤren ins Tollhaus; fuͤr andre ſind ſie unſchaͤdlich, weil ſie nicht anſteken. Kein Menſch, der noch einigen Verſtand hat, glaubt ſich in dem Falle zu finden, aͤußerſt laͤcherlich zu ſeyn, oder zu werden. Er macht alſo keine Anwendung auf ſich, wenn ihm gar zu grobe Narrheiten vor- gehalten werden. Man muß da eben ſo behutſam verfahren, wie bey den Drohungen mit den Stra- fen der Vergehungen. Einen Menſchen der noch Empfindung von Ehre hat, kann man nicht durch Galgen und Rad ſchrecken, ſie liegen außer ſeinem [Spaltenumbruch]
Laͤch
Kreis; und ſo iſt auch das Tollhaus keine Warnung, die man verſtaͤndigen Menſchen geben koͤnnte. Wer in Molieres Tartuͤffe, oder Harpagon ſich ſelbſt er- kennt, wird dadurch nicht gebeſſert; denn er hat alle Scham bereits verlohren; ein feinerer Tartuͤffe und Harpagon aber, wendet dieſes grobe Laͤcher- liche nicht auf ſich an.
Darum ſoll der comiſche Dichter, der die Men- ſchen von Thorheiten befreyen, oder ſie dafuͤr war- nen will, ſowol in der Wahl des Laͤcherlichen, als in der Schilderung deſſelben vorſichtig ſeyn. Er ſoll uns nicht grobe Narrheiten, die wir ſelbſt auch hinlaͤnglich bemerken, ſondern unſre eigene Thorhei- ten, die wir aus Unachtſamkeit, oder aus Mangel des Scharfſinns nicht bemerkt haben, lebhaft fuͤh- len laſſen, um uns davon zu heilen. Entdeket er ausgebreitete Thorheiten, die wir uͤberſehen koͤnnten, die wir noch nicht haben, aber vielleicht annehmen wuͤrden, ſo warne er uns bey Zeiten dafuͤr; vor groben Narrheiten halten wir uns durch uns ſelbſt ſchon genug verwahret.
Hier iſt leicht zu ſehen, daß nur die ſcharfſinnig- ſten Koͤpfe, die viel weiter, als andre, auch nicht un- verſtaͤndige Menſchen, ſehen, zu dieſem Werk auf- gelegt ſind. Wer nicht uͤber alle andre Menſchen weg ſieht, muß ſich daran nicht wagen. Daher kommt es, daß comiſche Dichter dieſer Art, ſo ſehr ſelten ſind. Wo es auf bloße Beluſtigung ankommt, wovon vorher geſprochen worden, da hat es ſo viel nicht auf ſich; eine gute comiſche Laune iſt dazu hinlaͤnglich, wiewol auch dieſe ſchon eine ziemlich ſeltene Gab iſt. Aber hier muß noch allgemeine, uͤberwiegende Beurtheilung der Menſchen und Sit- ten dazu kommen. Wir erinnern dieſes, um junge comiſche Dichter zu warnen, daß ſie ſich nicht zu fruͤh in dieſes Feld wagen; ſie moͤgen erſt verſuchen uns zu beluſtigen; aber ehe ſie uns vom Laͤcherli- chen zu heilen verſuchen, muͤſſen ſie ſehr gewiß ſeyn, nicht, daß ſie gemeine Narren, ſondern auch kluͤgere Menſchen, uͤberſehen. Dazu gehoͤrt eine ungemeine Kenntnis der Menſchen und der Welt, von den tiefſten Einſichten der Philoſophie unterſtuͤzet. Die aber dieſe Kenntnis und Einſicht durch langes beob- achten und ſcharfes Nachdenken erlanget haben, be-
ſizen
(†)[Spaltenumbruch] S. Reflexions philoſophiques ſur l’utilité de la poeſie dramatique, in den Memoires der Preuß. [Spaltenumbruch]
Academie der Wiſſenſchaften fuͤr das Jahr 1760. S. 337 u. f. f.
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[648/0083]
Laͤch
Laͤch
gung, aus Leichtſinn, Thorheiten und Vorurtheilen
uͤberlaſſen; kommt man ihm aber mit dem Laͤcher-
lichen zuvor, ſo verwahrt er ſich dagegen. Wie
mancher verſtaͤndige Gelehrte, wuͤrde nicht ein Pe-
dant ſeyn, wenn nicht die Pedanterey waͤre laͤcher-
lich gemacht worden? Rouſſeau hat nicht bedacht,
daß die Narrheit nicht blos den Narren eigen iſt,
ſondern auch Verſtaͤndige anſtekt; ſo wie das Laſter
nicht blos den verworfenen Menſchen, in deren
Herzen es entſpringt, eigen iſt, ſondern auch gute
Menſchen uͤbereilen kann. Einen gebohruen Nar-
ren von verkehrtem Sinne, kann man freylich nicht
heilen; aber verſtaͤndige Menſchen ſind von Thor-
heiten und Vorurtheilen, die ſie durch Anſtekung
gewonnen haben, zu befreyen, oder vor der kuͤnf-
tigen Anſtekung zu verwahren. Sollte dieſes nicht
weit leichter und natuͤrlicher ſeyn, als daß ſie davon
angeſtekt werden? Ofte kommen Narrheiten eines
gonzen Volks, von einem einzigen verwirrten Ko-
pfe; warum ſollten ſie nicht auch, durch einen klu-
gen Kopf vertrieben werden koͤnnen? Hievon aber
habe ich anderswo ausfuͤhrlicher geſprochen. (†)
Wo man die Beſſerung zur Abſicht hat, muß
die Narrheit ſelbſt, nicht die Perſon des Narren,
den man beſſern will, laͤcherlich gemacht werden.
Man muß ſich ſo gar in Acht nehmen, daß er ſich
nicht gleich perſoͤnlich getroffen glaube; er muß erſt
brav mitlachen, und erſt am Ende muß man ihm
ſagen:
— Quid rides? mutato nomine de te
Fabula narratur.
Ueberhaupt aber muß man um Menſchen von Thor-
heiten zu heilen, oder dafuͤr zu warnen, nie ganz
verworfene und grobe Narren auf die Buͤhne brin-
gen. Sie ſind unheilbar und gehoͤren ins Tollhaus;
fuͤr andre ſind ſie unſchaͤdlich, weil ſie nicht anſteken.
Kein Menſch, der noch einigen Verſtand hat, glaubt
ſich in dem Falle zu finden, aͤußerſt laͤcherlich zu ſeyn,
oder zu werden. Er macht alſo keine Anwendung
auf ſich, wenn ihm gar zu grobe Narrheiten vor-
gehalten werden. Man muß da eben ſo behutſam
verfahren, wie bey den Drohungen mit den Stra-
fen der Vergehungen. Einen Menſchen der noch
Empfindung von Ehre hat, kann man nicht durch
Galgen und Rad ſchrecken, ſie liegen außer ſeinem
Kreis; und ſo iſt auch das Tollhaus keine Warnung,
die man verſtaͤndigen Menſchen geben koͤnnte. Wer
in Molieres Tartuͤffe, oder Harpagon ſich ſelbſt er-
kennt, wird dadurch nicht gebeſſert; denn er hat
alle Scham bereits verlohren; ein feinerer Tartuͤffe
und Harpagon aber, wendet dieſes grobe Laͤcher-
liche nicht auf ſich an.
Darum ſoll der comiſche Dichter, der die Men-
ſchen von Thorheiten befreyen, oder ſie dafuͤr war-
nen will, ſowol in der Wahl des Laͤcherlichen, als
in der Schilderung deſſelben vorſichtig ſeyn. Er
ſoll uns nicht grobe Narrheiten, die wir ſelbſt auch
hinlaͤnglich bemerken, ſondern unſre eigene Thorhei-
ten, die wir aus Unachtſamkeit, oder aus Mangel
des Scharfſinns nicht bemerkt haben, lebhaft fuͤh-
len laſſen, um uns davon zu heilen. Entdeket er
ausgebreitete Thorheiten, die wir uͤberſehen koͤnnten,
die wir noch nicht haben, aber vielleicht annehmen
wuͤrden, ſo warne er uns bey Zeiten dafuͤr; vor
groben Narrheiten halten wir uns durch uns ſelbſt
ſchon genug verwahret.
Hier iſt leicht zu ſehen, daß nur die ſcharfſinnig-
ſten Koͤpfe, die viel weiter, als andre, auch nicht un-
verſtaͤndige Menſchen, ſehen, zu dieſem Werk auf-
gelegt ſind. Wer nicht uͤber alle andre Menſchen
weg ſieht, muß ſich daran nicht wagen. Daher kommt
es, daß comiſche Dichter dieſer Art, ſo ſehr ſelten
ſind. Wo es auf bloße Beluſtigung ankommt,
wovon vorher geſprochen worden, da hat es ſo viel
nicht auf ſich; eine gute comiſche Laune iſt dazu
hinlaͤnglich, wiewol auch dieſe ſchon eine ziemlich
ſeltene Gab iſt. Aber hier muß noch allgemeine,
uͤberwiegende Beurtheilung der Menſchen und Sit-
ten dazu kommen. Wir erinnern dieſes, um junge
comiſche Dichter zu warnen, daß ſie ſich nicht zu
fruͤh in dieſes Feld wagen; ſie moͤgen erſt verſuchen
uns zu beluſtigen; aber ehe ſie uns vom Laͤcherli-
chen zu heilen verſuchen, muͤſſen ſie ſehr gewiß ſeyn,
nicht, daß ſie gemeine Narren, ſondern auch kluͤgere
Menſchen, uͤberſehen. Dazu gehoͤrt eine ungemeine
Kenntnis der Menſchen und der Welt, von den
tiefſten Einſichten der Philoſophie unterſtuͤzet. Die
aber dieſe Kenntnis und Einſicht durch langes beob-
achten und ſcharfes Nachdenken erlanget haben, be-
ſizen
(†)
S. Reflexions philoſophiques ſur l’utilité de
la poeſie dramatique, in den Memoires der Preuß.
Academie der Wiſſenſchaften fuͤr das Jahr 1760. S.
337 u. f. f.
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Sulzer, Johann Georg: Allgemeine Theorie der Schönen Künste. Bd. 2. Leipzig, 1774, S. 648. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/sulzer_theorie02_1774/83>, abgerufen am 11.09.2024.
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