sizen denn selten noch die comische Laune den Ge- brauch davon zu machen.
Dieser Schwierigkeit ist es noch mehr zuzuschrei- ben, als dem Mangel an Thorheiten, wie einige glauben, daß die deutsche Schaubühne noch so we- nig gutes in dieser Art aufzuweisen hat. Es ist wahr, daß Deutschland blos zur Belustigung weni- ger comische Originale hat, als andre Länder, wo man freyer lebt und sich weniger nach andern um- sieht, um es so zu machen, wie sie. Der Deutsche scheuhet sich ungeschikt zu scheinen, und hat nicht Muth genug sich ganz seinem Gutdünken zu über- lassen; darum ist er weniger Original, als mancher andrer. Aber an Vorurtheilen und Thorheiten fehlet es ihm wahrlich nicht. Non deest materia, sed artifex. Es fehlet uns an Geistern, die von ei- ner gewissen Höhe auf uns herabsehen, und dann Lust und Laune genug hätten, sich mit uns abzuge- ben, und uns das Lächerliche, das sie entdekt ha- ben, vorzuzeichnen. Wieland steht hoch genug um seine Nation zu übersehen, und auch an Laune feh- let es ihm nicht. Aber er hält den Spiegel so hoch, daß nur die, die das schärfste Gesicht haben, deüt- lich darin sehen: man muß schon über die gemeinen Thorheiten weit weg seyn, um sich von ihm von verstekteren heilen zu lassen. Lessing scheinet einen stärkern Hang zur tragischen Muse zu haben; und sein Lachen zieht meistentheils ins bittere. Liscow würde der comischen Bühne in dieser Art große Dienste geleister haben, wenn er sich dieses vorge- nommen hätte.
Die Behandlung dieser Gattung scheinet einer der schweeresten Theile der Kunst zu seyn. Die größte Sorgfalt muß auf die Wahrscheinlichkeit ge- wendet werden; denn der Zwek wird nothwendig verfehlt, so bald der Zuhörer glaubt, daß es solche Narren, wie man ihm vorstellt, nicht gebe. Zugleich aber muß das Ungereimte darin völlig hervorstechen. Es wäre vielleicht nicht unmöglich die verschiedenen Arten hiebey zu verfahren, aus einander zu setzen. Jm Grunde müssen sie mit den verschiedenen Arten den Jrrthum zu wiederlegen übereinkommen: die Thorheit ist ein Jrrthum, dessen Wiederspruch an den Tag zu bringen ist. Wollte sich hier jemand die Mühe nehmen, die Aristoteles genommen, da er seinen Elenchus geschrieben hat; so würden wir alle mögliche Arten das Lächerliche völlig einleuch- tend zu machen, erkennen können. Vielleicht ist es [Spaltenumbruch]
Läch
nicht ganz ohne Nuzen, nur ein Paar Beyspiele davon anzuführen.
Eine Art zu wiederlegen ist die, da man den fal- schen Saz als wahr annimmt, und durch daraus gezogene wichtige Folgen, davon die letzte offenbar ungereimt ist, die Falschheit desselben zeiget. Ge- rade so kann man bisweilen verfahren, um die Thorheit in ein lächerliches Licht zu setzen. So würde das bekannte Gespräch zwischen dem Pyrrhus und Cineas eine schöne Scene in einer Comödie ausmachen. Dieser wollte dem Pyrrhus seine Thorheit die Römer zu bekriegen, fühlen machen.
Cineas. Die Römer sollen ein sehr kriegerisches Volk seyn -- doch wir werden sie besiegen. Aber zu was soll uns denn der Sieg helfen, den die Götter uns verleihen werden?
Pyrr. Das versteht sich von selbst. Haben wir uns einmal die Römer unterworfen, so wird uns in ganz Jtalien niemand mehr wiederstehen, weder Grieche noch Barbar. Also werden wir Meister von ganz Jtalien seyn.
Cin. Gut, und wenn wir nun ganz Jtalien wer- den erobert haben, was werden wir denn thun?
Pyrr. Siehst du nicht, daß wir alsdenn auch Si- cilien haben können? Was sollt' uns nun hin- dern, diese glükliche und volkreiche Jnsel zu erobern.
Cin. Das läßt sich wol hören. Es ist so izt alles da in Unordnung, nachdem Agathokles Tod ist. -- Dieses soll also denn das End' unsrer Eroberung seyn?
Pyrr. Du überlegest die Sachen nicht, Cineas, Dies alles soll nur ein Vorspiel grösserer Unter- nehmungen seyn. Wer sollte, wenn er einmal Jtalien und Sicilien hat, nicht nach dem so nahe liegenden Afrika und Carthago Lust bekom- men? -- Hast du nicht gesehen, daß Agatho- kles, der doch mit so wenig Schiffen, und nur, wie verstohlner Weise aus Sicilien dahin geset- gelt war, sich beynahe davon Meister gemacht hat. Wer wird denn uns, da wir eine so große Macht haben, Wiederstand thun?
Cin. Kein Mensch. Denn können wir auch wie- der zurükekehren, Macedonien wieder einneh- men, und über alle Griechen herrschen. Das
ist
Zweyter Theil. N n n n
[Spaltenumbruch]
Laͤch
ſizen denn ſelten noch die comiſche Laune den Ge- brauch davon zu machen.
Dieſer Schwierigkeit iſt es noch mehr zuzuſchrei- ben, als dem Mangel an Thorheiten, wie einige glauben, daß die deutſche Schaubuͤhne noch ſo we- nig gutes in dieſer Art aufzuweiſen hat. Es iſt wahr, daß Deutſchland blos zur Beluſtigung weni- ger comiſche Originale hat, als andre Laͤnder, wo man freyer lebt und ſich weniger nach andern um- ſieht, um es ſo zu machen, wie ſie. Der Deutſche ſcheuhet ſich ungeſchikt zu ſcheinen, und hat nicht Muth genug ſich ganz ſeinem Gutduͤnken zu uͤber- laſſen; darum iſt er weniger Original, als mancher andrer. Aber an Vorurtheilen und Thorheiten fehlet es ihm wahrlich nicht. Non deeſt materia, ſed artifex. Es fehlet uns an Geiſtern, die von ei- ner gewiſſen Hoͤhe auf uns herabſehen, und dann Luſt und Laune genug haͤtten, ſich mit uns abzuge- ben, und uns das Laͤcherliche, das ſie entdekt ha- ben, vorzuzeichnen. Wieland ſteht hoch genug um ſeine Nation zu uͤberſehen, und auch an Laune feh- let es ihm nicht. Aber er haͤlt den Spiegel ſo hoch, daß nur die, die das ſchaͤrfſte Geſicht haben, deuͤt- lich darin ſehen: man muß ſchon uͤber die gemeinen Thorheiten weit weg ſeyn, um ſich von ihm von verſtekteren heilen zu laſſen. Leſſing ſcheinet einen ſtaͤrkern Hang zur tragiſchen Muſe zu haben; und ſein Lachen zieht meiſtentheils ins bittere. Liſcow wuͤrde der comiſchen Buͤhne in dieſer Art große Dienſte geleiſter haben, wenn er ſich dieſes vorge- nommen haͤtte.
Die Behandlung dieſer Gattung ſcheinet einer der ſchweereſten Theile der Kunſt zu ſeyn. Die groͤßte Sorgfalt muß auf die Wahrſcheinlichkeit ge- wendet werden; denn der Zwek wird nothwendig verfehlt, ſo bald der Zuhoͤrer glaubt, daß es ſolche Narren, wie man ihm vorſtellt, nicht gebe. Zugleich aber muß das Ungereimte darin voͤllig hervorſtechen. Es waͤre vielleicht nicht unmoͤglich die verſchiedenen Arten hiebey zu verfahren, aus einander zu ſetzen. Jm Grunde muͤſſen ſie mit den verſchiedenen Arten den Jrrthum zu wiederlegen uͤbereinkommen: die Thorheit iſt ein Jrrthum, deſſen Wiederſpruch an den Tag zu bringen iſt. Wollte ſich hier jemand die Muͤhe nehmen, die Ariſtoteles genommen, da er ſeinen Elenchus geſchrieben hat; ſo wuͤrden wir alle moͤgliche Arten das Laͤcherliche voͤllig einleuch- tend zu machen, erkennen koͤnnen. Vielleicht iſt es [Spaltenumbruch]
Laͤch
nicht ganz ohne Nuzen, nur ein Paar Beyſpiele davon anzufuͤhren.
Eine Art zu wiederlegen iſt die, da man den fal- ſchen Saz als wahr annimmt, und durch daraus gezogene wichtige Folgen, davon die letzte offenbar ungereimt iſt, die Falſchheit deſſelben zeiget. Ge- rade ſo kann man bisweilen verfahren, um die Thorheit in ein laͤcherliches Licht zu ſetzen. So wuͤrde das bekannte Geſpraͤch zwiſchen dem Pyrrhus und Cineas eine ſchoͤne Scene in einer Comoͤdie ausmachen. Dieſer wollte dem Pyrrhus ſeine Thorheit die Roͤmer zu bekriegen, fuͤhlen machen.
Cineas. Die Roͤmer ſollen ein ſehr kriegeriſches Volk ſeyn — doch wir werden ſie beſiegen. Aber zu was ſoll uns denn der Sieg helfen, den die Goͤtter uns verleihen werden?
Pyrr. Das verſteht ſich von ſelbſt. Haben wir uns einmal die Roͤmer unterworfen, ſo wird uns in ganz Jtalien niemand mehr wiederſtehen, weder Grieche noch Barbar. Alſo werden wir Meiſter von ganz Jtalien ſeyn.
Cin. Gut, und wenn wir nun ganz Jtalien wer- den erobert haben, was werden wir denn thun?
Pyrr. Siehſt du nicht, daß wir alsdenn auch Si- cilien haben koͤnnen? Was ſollt’ uns nun hin- dern, dieſe gluͤkliche und volkreiche Jnſel zu erobern.
Cin. Das laͤßt ſich wol hoͤren. Es iſt ſo izt alles da in Unordnung, nachdem Agathokles Tod iſt. — Dieſes ſoll alſo denn das End’ unſrer Eroberung ſeyn?
Pyrr. Du uͤberlegeſt die Sachen nicht, Cineas, Dies alles ſoll nur ein Vorſpiel groͤſſerer Unter- nehmungen ſeyn. Wer ſollte, wenn er einmal Jtalien und Sicilien hat, nicht nach dem ſo nahe liegenden Afrika und Carthago Luſt bekom- men? — Haſt du nicht geſehen, daß Agatho- kles, der doch mit ſo wenig Schiffen, und nur, wie verſtohlner Weiſe aus Sicilien dahin geſet- gelt war, ſich beynahe davon Meiſter gemacht hat. Wer wird denn uns, da wir eine ſo große Macht haben, Wiederſtand thun?
Cin. Kein Menſch. Denn koͤnnen wir auch wie- der zuruͤkekehren, Macedonien wieder einneh- men, und uͤber alle Griechen herrſchen. Das
iſt
Zweyter Theil. N n n n
<TEI><text><body><divn="1"><divn="2"><p><pbfacs="#f0084"n="649"/><cb/><fwplace="top"type="header"><hirendition="#g">Laͤch</hi></fw><lb/>ſizen denn ſelten noch die comiſche Laune den Ge-<lb/>
brauch davon zu machen.</p><lb/><p>Dieſer Schwierigkeit iſt es noch mehr zuzuſchrei-<lb/>
ben, als dem Mangel an Thorheiten, wie einige<lb/>
glauben, daß die deutſche Schaubuͤhne noch ſo we-<lb/>
nig gutes in dieſer Art aufzuweiſen hat. Es iſt<lb/>
wahr, daß Deutſchland blos zur Beluſtigung weni-<lb/>
ger comiſche Originale hat, als andre Laͤnder, wo<lb/>
man freyer lebt und ſich weniger nach andern um-<lb/>ſieht, um es ſo zu machen, wie ſie. Der Deutſche<lb/>ſcheuhet ſich ungeſchikt zu ſcheinen, und hat nicht<lb/>
Muth genug ſich ganz ſeinem Gutduͤnken zu uͤber-<lb/>
laſſen; darum iſt er weniger Original, als mancher<lb/>
andrer. Aber an Vorurtheilen und Thorheiten<lb/>
fehlet es ihm wahrlich nicht. <hirendition="#aq">Non deeſt materia,<lb/>ſed artifex.</hi> Es fehlet uns an Geiſtern, die von ei-<lb/>
ner gewiſſen Hoͤhe auf uns herabſehen, und dann<lb/>
Luſt und Laune genug haͤtten, ſich mit uns abzuge-<lb/>
ben, und uns das Laͤcherliche, das ſie entdekt ha-<lb/>
ben, vorzuzeichnen. Wieland ſteht hoch genug um<lb/>ſeine Nation zu uͤberſehen, und auch an Laune feh-<lb/>
let es ihm nicht. Aber er haͤlt den Spiegel ſo hoch,<lb/>
daß nur die, die das ſchaͤrfſte Geſicht haben, deuͤt-<lb/>
lich darin ſehen: man muß ſchon uͤber die gemeinen<lb/>
Thorheiten weit weg ſeyn, um ſich von ihm von<lb/>
verſtekteren heilen zu laſſen. Leſſing ſcheinet einen<lb/>ſtaͤrkern Hang zur tragiſchen Muſe zu haben; und<lb/>ſein Lachen zieht meiſtentheils ins bittere. Liſcow<lb/>
wuͤrde der comiſchen Buͤhne in dieſer Art große<lb/>
Dienſte geleiſter haben, wenn er ſich dieſes vorge-<lb/>
nommen haͤtte.</p><lb/><p>Die Behandlung dieſer Gattung ſcheinet einer<lb/>
der ſchweereſten Theile der Kunſt zu ſeyn. Die<lb/>
groͤßte Sorgfalt muß auf die Wahrſcheinlichkeit ge-<lb/>
wendet werden; denn der Zwek wird nothwendig<lb/>
verfehlt, ſo bald der Zuhoͤrer glaubt, daß es ſolche<lb/>
Narren, wie man ihm vorſtellt, nicht gebe. Zugleich<lb/>
aber muß das Ungereimte darin voͤllig hervorſtechen.<lb/>
Es waͤre vielleicht nicht unmoͤglich die verſchiedenen<lb/>
Arten hiebey zu verfahren, aus einander zu ſetzen.<lb/>
Jm Grunde muͤſſen ſie mit den verſchiedenen Arten<lb/>
den Jrrthum zu wiederlegen uͤbereinkommen: die<lb/>
Thorheit iſt ein Jrrthum, deſſen Wiederſpruch an<lb/>
den Tag zu bringen iſt. Wollte ſich hier jemand<lb/>
die Muͤhe nehmen, die Ariſtoteles genommen, da<lb/>
er ſeinen <hirendition="#aq">Elenchus</hi> geſchrieben hat; ſo wuͤrden wir<lb/>
alle moͤgliche Arten das Laͤcherliche voͤllig einleuch-<lb/>
tend zu machen, erkennen koͤnnen. Vielleicht iſt es<lb/><cb/><fwplace="top"type="header"><hirendition="#g">Laͤch</hi></fw><lb/>
nicht ganz ohne Nuzen, nur ein Paar Beyſpiele<lb/>
davon anzufuͤhren.</p><lb/><p>Eine Art zu wiederlegen iſt die, da man den fal-<lb/>ſchen Saz als wahr annimmt, und durch daraus<lb/>
gezogene wichtige Folgen, davon die letzte offenbar<lb/>
ungereimt iſt, die Falſchheit deſſelben zeiget. Ge-<lb/>
rade ſo kann man bisweilen verfahren, um die<lb/>
Thorheit in ein laͤcherliches Licht zu ſetzen. So<lb/>
wuͤrde das bekannte Geſpraͤch zwiſchen dem Pyrrhus<lb/>
und Cineas eine ſchoͤne Scene in einer Comoͤdie<lb/>
ausmachen. Dieſer wollte dem Pyrrhus ſeine<lb/>
Thorheit die Roͤmer zu bekriegen, fuͤhlen machen.</p><lb/><list><item>Cineas. <hirendition="#fr">Die Roͤmer ſollen ein ſehr kriegeriſches<lb/>
Volk ſeyn — doch wir werden ſie beſiegen.<lb/>
Aber zu was ſoll uns denn der Sieg helfen, den<lb/>
die Goͤtter uns verleihen werden?</hi></item><lb/><item>Pyrr. <hirendition="#fr">Das verſteht ſich von ſelbſt. Haben wir uns<lb/>
einmal die Roͤmer unterworfen, ſo wird uns in<lb/>
ganz Jtalien niemand mehr wiederſtehen, weder<lb/>
Grieche noch Barbar. Alſo werden wir Meiſter<lb/>
von ganz Jtalien ſeyn.</hi></item><lb/><item>Cin. <hirendition="#fr">Gut, und wenn wir nun ganz Jtalien wer-<lb/>
den erobert haben, was werden wir denn thun?</hi></item><lb/><item>Pyrr. <hirendition="#fr">Siehſt du nicht, daß wir alsdenn auch Si-<lb/>
cilien haben koͤnnen? Was ſollt’ uns nun hin-<lb/>
dern, dieſe gluͤkliche und volkreiche Jnſel zu<lb/>
erobern.</hi></item><lb/><item>Cin. <hirendition="#fr">Das laͤßt ſich wol hoͤren. Es iſt ſo izt alles<lb/>
da in Unordnung, nachdem Agathokles Tod<lb/>
iſt. — Dieſes ſoll alſo denn das End’ unſrer<lb/>
Eroberung ſeyn?</hi></item><lb/><item>Pyrr. <hirendition="#fr">Du uͤberlegeſt die Sachen nicht, Cineas,<lb/>
Dies alles ſoll nur ein Vorſpiel groͤſſerer Unter-<lb/>
nehmungen ſeyn. Wer ſollte, wenn er einmal<lb/>
Jtalien und Sicilien hat, nicht nach dem ſo nahe<lb/>
liegenden Afrika und Carthago Luſt bekom-<lb/>
men? — Haſt du nicht geſehen, daß Agatho-<lb/>
kles, der doch mit ſo wenig Schiffen, und nur,<lb/>
wie verſtohlner Weiſe aus Sicilien dahin geſet-<lb/>
gelt war, ſich beynahe davon Meiſter gemacht<lb/>
hat. Wer wird denn uns, da wir eine ſo große<lb/>
Macht haben, Wiederſtand thun?</hi></item><lb/><item>Cin. <hirendition="#fr">Kein Menſch. Denn koͤnnen wir auch wie-<lb/>
der zuruͤkekehren, Macedonien wieder einneh-<lb/>
men, und uͤber alle Griechen herrſchen. Das</hi><lb/><fwplace="bottom"type="sig"><hirendition="#fr">Zweyter Theil.</hi> N n n n</fw><fwplace="bottom"type="catch"><hirendition="#fr">iſt</hi></fw><lb/></item></list></div></div></body></text></TEI>
[649/0084]
Laͤch
Laͤch
ſizen denn ſelten noch die comiſche Laune den Ge-
brauch davon zu machen.
Dieſer Schwierigkeit iſt es noch mehr zuzuſchrei-
ben, als dem Mangel an Thorheiten, wie einige
glauben, daß die deutſche Schaubuͤhne noch ſo we-
nig gutes in dieſer Art aufzuweiſen hat. Es iſt
wahr, daß Deutſchland blos zur Beluſtigung weni-
ger comiſche Originale hat, als andre Laͤnder, wo
man freyer lebt und ſich weniger nach andern um-
ſieht, um es ſo zu machen, wie ſie. Der Deutſche
ſcheuhet ſich ungeſchikt zu ſcheinen, und hat nicht
Muth genug ſich ganz ſeinem Gutduͤnken zu uͤber-
laſſen; darum iſt er weniger Original, als mancher
andrer. Aber an Vorurtheilen und Thorheiten
fehlet es ihm wahrlich nicht. Non deeſt materia,
ſed artifex. Es fehlet uns an Geiſtern, die von ei-
ner gewiſſen Hoͤhe auf uns herabſehen, und dann
Luſt und Laune genug haͤtten, ſich mit uns abzuge-
ben, und uns das Laͤcherliche, das ſie entdekt ha-
ben, vorzuzeichnen. Wieland ſteht hoch genug um
ſeine Nation zu uͤberſehen, und auch an Laune feh-
let es ihm nicht. Aber er haͤlt den Spiegel ſo hoch,
daß nur die, die das ſchaͤrfſte Geſicht haben, deuͤt-
lich darin ſehen: man muß ſchon uͤber die gemeinen
Thorheiten weit weg ſeyn, um ſich von ihm von
verſtekteren heilen zu laſſen. Leſſing ſcheinet einen
ſtaͤrkern Hang zur tragiſchen Muſe zu haben; und
ſein Lachen zieht meiſtentheils ins bittere. Liſcow
wuͤrde der comiſchen Buͤhne in dieſer Art große
Dienſte geleiſter haben, wenn er ſich dieſes vorge-
nommen haͤtte.
Die Behandlung dieſer Gattung ſcheinet einer
der ſchweereſten Theile der Kunſt zu ſeyn. Die
groͤßte Sorgfalt muß auf die Wahrſcheinlichkeit ge-
wendet werden; denn der Zwek wird nothwendig
verfehlt, ſo bald der Zuhoͤrer glaubt, daß es ſolche
Narren, wie man ihm vorſtellt, nicht gebe. Zugleich
aber muß das Ungereimte darin voͤllig hervorſtechen.
Es waͤre vielleicht nicht unmoͤglich die verſchiedenen
Arten hiebey zu verfahren, aus einander zu ſetzen.
Jm Grunde muͤſſen ſie mit den verſchiedenen Arten
den Jrrthum zu wiederlegen uͤbereinkommen: die
Thorheit iſt ein Jrrthum, deſſen Wiederſpruch an
den Tag zu bringen iſt. Wollte ſich hier jemand
die Muͤhe nehmen, die Ariſtoteles genommen, da
er ſeinen Elenchus geſchrieben hat; ſo wuͤrden wir
alle moͤgliche Arten das Laͤcherliche voͤllig einleuch-
tend zu machen, erkennen koͤnnen. Vielleicht iſt es
nicht ganz ohne Nuzen, nur ein Paar Beyſpiele
davon anzufuͤhren.
Eine Art zu wiederlegen iſt die, da man den fal-
ſchen Saz als wahr annimmt, und durch daraus
gezogene wichtige Folgen, davon die letzte offenbar
ungereimt iſt, die Falſchheit deſſelben zeiget. Ge-
rade ſo kann man bisweilen verfahren, um die
Thorheit in ein laͤcherliches Licht zu ſetzen. So
wuͤrde das bekannte Geſpraͤch zwiſchen dem Pyrrhus
und Cineas eine ſchoͤne Scene in einer Comoͤdie
ausmachen. Dieſer wollte dem Pyrrhus ſeine
Thorheit die Roͤmer zu bekriegen, fuͤhlen machen.
Cineas. Die Roͤmer ſollen ein ſehr kriegeriſches
Volk ſeyn — doch wir werden ſie beſiegen.
Aber zu was ſoll uns denn der Sieg helfen, den
die Goͤtter uns verleihen werden?
Pyrr. Das verſteht ſich von ſelbſt. Haben wir uns
einmal die Roͤmer unterworfen, ſo wird uns in
ganz Jtalien niemand mehr wiederſtehen, weder
Grieche noch Barbar. Alſo werden wir Meiſter
von ganz Jtalien ſeyn.
Cin. Gut, und wenn wir nun ganz Jtalien wer-
den erobert haben, was werden wir denn thun?
Pyrr. Siehſt du nicht, daß wir alsdenn auch Si-
cilien haben koͤnnen? Was ſollt’ uns nun hin-
dern, dieſe gluͤkliche und volkreiche Jnſel zu
erobern.
Cin. Das laͤßt ſich wol hoͤren. Es iſt ſo izt alles
da in Unordnung, nachdem Agathokles Tod
iſt. — Dieſes ſoll alſo denn das End’ unſrer
Eroberung ſeyn?
Pyrr. Du uͤberlegeſt die Sachen nicht, Cineas,
Dies alles ſoll nur ein Vorſpiel groͤſſerer Unter-
nehmungen ſeyn. Wer ſollte, wenn er einmal
Jtalien und Sicilien hat, nicht nach dem ſo nahe
liegenden Afrika und Carthago Luſt bekom-
men? — Haſt du nicht geſehen, daß Agatho-
kles, der doch mit ſo wenig Schiffen, und nur,
wie verſtohlner Weiſe aus Sicilien dahin geſet-
gelt war, ſich beynahe davon Meiſter gemacht
hat. Wer wird denn uns, da wir eine ſo große
Macht haben, Wiederſtand thun?
Cin. Kein Menſch. Denn koͤnnen wir auch wie-
der zuruͤkekehren, Macedonien wieder einneh-
men, und uͤber alle Griechen herrſchen. Das
iſt
Zweyter Theil. N n n n
Informationen zur CAB-Ansicht
Diese Ansicht bietet Ihnen die Darstellung des Textes in normalisierter Orthographie.
Diese Textvariante wird vollautomatisch erstellt und kann aufgrund dessen auch Fehler enthalten.
Alle veränderten Wortformen sind grau hinterlegt. Als fremdsprachliches Material erkannte
Textteile sind ausgegraut dargestellt.
Sulzer, Johann Georg: Allgemeine Theorie der Schönen Künste. Bd. 2. Leipzig, 1774, S. 649. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/sulzer_theorie02_1774/84>, abgerufen am 11.09.2024.
Alle Inhalte dieser Seite unterstehen, soweit nicht anders gekennzeichnet, einer
Creative-Commons-Lizenz.
Die Rechte an den angezeigten Bilddigitalisaten, soweit nicht anders gekennzeichnet, liegen bei den besitzenden Bibliotheken.
Weitere Informationen finden Sie in den DTA-Nutzungsbedingungen.
Insbesondere im Hinblick auf die §§ 86a StGB und 130 StGB wird festgestellt, dass die auf
diesen Seiten abgebildeten Inhalte weder in irgendeiner Form propagandistischen Zwecken
dienen, oder Werbung für verbotene Organisationen oder Vereinigungen darstellen, oder
nationalsozialistische Verbrechen leugnen oder verharmlosen, noch zum Zwecke der
Herabwürdigung der Menschenwürde gezeigt werden.
Die auf diesen Seiten abgebildeten Inhalte (in Wort und Bild) dienen im Sinne des
§ 86 StGB Abs. 3 ausschließlich historischen, sozial- oder kulturwissenschaftlichen
Forschungszwecken. Ihre Veröffentlichung erfolgt in der Absicht, Wissen zur Anregung
der intellektuellen Selbstständigkeit und Verantwortungsbereitschaft des Staatsbürgers zu
vermitteln und damit der Förderung seiner Mündigkeit zu dienen.
Zitierempfehlung: Deutsches Textarchiv. Grundlage für ein Referenzkorpus der neuhochdeutschen Sprache. Herausgegeben von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Berlin 2024. URL: https://www.deutschestextarchiv.de/.