heiten kann solches in der Handlung selbst hervorbrin- gen? und kann die freye Handlung auch eigene charakte- ristische Züge haben, die sie nicht an sich haben würde, wenn jenes bloße Vermögen nicht in der Kraft vorhan- den gewesen wäre, die sie hervorbrachte? Vaucansons Flötenspieler und andere Schreib- und Sprachmaschi- nen machen es begreiflich, daß die freyesten Handlun- gen, wenn man bloß auf den äußern Effekt sieht, der von ihnen in andern Körpern hervorgebracht wird, in ihrem völligen Umfange, und an sich noch vollkomme- ner, als es bisher geschehen ist, durch Maschinen nach- gemacht werden können, die doch zu ihrer Art zu wir- ken so einseitig bestimmt sind, daß durchaus kein Ver- mögen, sich anders zu bestimmen, bey ihnen gedacht werden kann. Dieß kann nicht geläugnet werden. Aber ist denn das, was eine Maschine verrichtet, die ganze Aktion, die ein freyhandelnder Mensch vornimmt, wenn er schreibet, redet, spielet? ist es sie wohl ganz, wenn man nur allein auf dasjenige siehet, was in dem Körper des Menschen vorgehet, und äußerlich gesehen werden kann? Wie vieles fehlet nicht hieran? Ein Blick auf die Augen, auf das Gesicht, auf die Gebehr- den und die Bewegungen des überlegenden Mannes, der zwar mit Feuer und Nachdruck etwas verrichtet, aber seiner selbst mächtig ist, wird es uns anders leh- ren. Das gesetzte Wesen, die auf alle Seiten hinge- richtete und angestrengte Aufmerksamkeit, die Menge der zugleich thätigen Kräfte, die, so zu sagen, bereit sind, auf jeden Wink sich anderswohin zu wenden, wenn die Absicht es erfodert, und die auch oft zwischen durch, wenn die Vorstellung von dem Gegentheil einmal leb- haft wird, von ihrer Richtung abbeugen; diese Wir- kungen, welche aus den thätigen Bestrebungen des frey- handelnden innern Princips hervorgehen, können in kei- ne Maschine übergetragen werden, und sind wirksame
Ver-
XII. Verſuch. Ueber die Selbſtthaͤtigkeit
heiten kann ſolches in der Handlung ſelbſt hervorbrin- gen? und kann die freye Handlung auch eigene charakte- riſtiſche Zuͤge haben, die ſie nicht an ſich haben wuͤrde, wenn jenes bloße Vermoͤgen nicht in der Kraft vorhan- den geweſen waͤre, die ſie hervorbrachte? Vaucanſons Floͤtenſpieler und andere Schreib- und Sprachmaſchi- nen machen es begreiflich, daß die freyeſten Handlun- gen, wenn man bloß auf den aͤußern Effekt ſieht, der von ihnen in andern Koͤrpern hervorgebracht wird, in ihrem voͤlligen Umfange, und an ſich noch vollkomme- ner, als es bisher geſchehen iſt, durch Maſchinen nach- gemacht werden koͤnnen, die doch zu ihrer Art zu wir- ken ſo einſeitig beſtimmt ſind, daß durchaus kein Ver- moͤgen, ſich anders zu beſtimmen, bey ihnen gedacht werden kann. Dieß kann nicht gelaͤugnet werden. Aber iſt denn das, was eine Maſchine verrichtet, die ganze Aktion, die ein freyhandelnder Menſch vornimmt, wenn er ſchreibet, redet, ſpielet? iſt es ſie wohl ganz, wenn man nur allein auf dasjenige ſiehet, was in dem Koͤrper des Menſchen vorgehet, und aͤußerlich geſehen werden kann? Wie vieles fehlet nicht hieran? Ein Blick auf die Augen, auf das Geſicht, auf die Gebehr- den und die Bewegungen des uͤberlegenden Mannes, der zwar mit Feuer und Nachdruck etwas verrichtet, aber ſeiner ſelbſt maͤchtig iſt, wird es uns anders leh- ren. Das geſetzte Weſen, die auf alle Seiten hinge- richtete und angeſtrengte Aufmerkſamkeit, die Menge der zugleich thaͤtigen Kraͤfte, die, ſo zu ſagen, bereit ſind, auf jeden Wink ſich anderswohin zu wenden, wenn die Abſicht es erfodert, und die auch oft zwiſchen durch, wenn die Vorſtellung von dem Gegentheil einmal leb- haft wird, von ihrer Richtung abbeugen; dieſe Wir- kungen, welche aus den thaͤtigen Beſtrebungen des frey- handelnden innern Princips hervorgehen, koͤnnen in kei- ne Maſchine uͤbergetragen werden, und ſind wirkſame
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XII. Verſuch. Ueber die Selbſtthaͤtigkeit
heiten kann ſolches in der Handlung ſelbſt hervorbrin-
gen? und kann die freye Handlung auch eigene charakte-
riſtiſche Zuͤge haben, die ſie nicht an ſich haben wuͤrde,
wenn jenes bloße Vermoͤgen nicht in der Kraft vorhan-
den geweſen waͤre, die ſie hervorbrachte? Vaucanſons
Floͤtenſpieler und andere Schreib- und Sprachmaſchi-
nen machen es begreiflich, daß die freyeſten Handlun-
gen, wenn man bloß auf den aͤußern Effekt ſieht, der
von ihnen in andern Koͤrpern hervorgebracht wird, in
ihrem voͤlligen Umfange, und an ſich noch vollkomme-
ner, als es bisher geſchehen iſt, durch Maſchinen nach-
gemacht werden koͤnnen, die doch zu ihrer Art zu wir-
ken ſo einſeitig beſtimmt ſind, daß durchaus kein Ver-
moͤgen, ſich anders zu beſtimmen, bey ihnen gedacht
werden kann. Dieß kann nicht gelaͤugnet werden.
Aber iſt denn das, was eine Maſchine verrichtet, die
ganze Aktion, die ein freyhandelnder Menſch vornimmt,
wenn er ſchreibet, redet, ſpielet? iſt es ſie wohl ganz,
wenn man nur allein auf dasjenige ſiehet, was in dem
Koͤrper des Menſchen vorgehet, und aͤußerlich geſehen
werden kann? Wie vieles fehlet nicht hieran? Ein
Blick auf die Augen, auf das Geſicht, auf die Gebehr-
den und die Bewegungen des uͤberlegenden Mannes,
der zwar mit Feuer und Nachdruck etwas verrichtet,
aber ſeiner ſelbſt maͤchtig iſt, wird es uns anders leh-
ren. Das geſetzte Weſen, die auf alle Seiten hinge-
richtete und angeſtrengte Aufmerkſamkeit, die Menge
der zugleich thaͤtigen Kraͤfte, die, ſo zu ſagen, bereit
ſind, auf jeden Wink ſich anderswohin zu wenden, wenn
die Abſicht es erfodert, und die auch oft zwiſchen durch,
wenn die Vorſtellung von dem Gegentheil einmal leb-
haft wird, von ihrer Richtung abbeugen; dieſe Wir-
kungen, welche aus den thaͤtigen Beſtrebungen des frey-
handelnden innern Princips hervorgehen, koͤnnen in kei-
ne Maſchine uͤbergetragen werden, und ſind wirkſame
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Tetens, Johann Nicolas: Philosophische Versuche über die menschliche Natur und ihre Entwickelung. Bd. 2. Leipzig, 1777, S. 126. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/tetens_versuche02_1777/156>, abgerufen am 11.09.2024.
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