selten einer das ganze Jahr hindurch bei derselben Arbeit angestellt bleiben. Und hierdurch erhalten größere Wirthschaften allerdings einen Vorzug vor klei- neren, und verlieren nur dadurch wieder, daß jeder minder angestrengt arbeitet, als in manchen kleinen.
Manche Arbeiten können durch schwächere Personen, Weiber und Kinder eben so gut vollführt werden, als durch stärkere, und kosten durch erstere so viel weniger. Es kommt also viel darauf an, die durch stärkere und schwächere Per- sonen zu verrichtenden Arbeiten so zu vertheilen, daß man jeden durch das ganze Jahr mit Arbeiten beschäftige, die für ihn geeignet sind, und Männer nicht zu Arbeiten, die auch Weiber verrichten können, zu brauchen genöthiget werde.
§. 159.
Landwirth- schafts-Ka- lender.Man hat sogenannte Landwirthschafts-Kalender, worin die Verrichtungen von Monat zu Monat oder gar von Woche zu Woche nach ihrer angeblichen Folge verzeichnet sind. Manche setzen darauf einen großen Werth, und es werden des- halb noch immer neue verfertigt. Ich halte sie für ganz untauglich und verleitend für Anfänger. Der günstigste Zeitpunkt zur Verrichtung der Arbeiten differirt in demselben Klima, in verschiedenen Jahren, oft um mehr als einen Monat. Die Verspätung oder Beschleunigung einer Verrichtung verspätet oder beschleu- nigt die vieler andern, oder auch umgekehrt, indem man das eine früher thun muß, wenn man das andere erst später thun kann. Auch hat eine jede Wirth- schaft nach ihrer besondern Einrichtung ihren eigenen Gang, welcher sich nur in individuellen Fällen für eine jede besonders berechnen läßt. Wer in einem solchen Kalender erst nachsuchen muß, was er zu thun habe, wird alles zur Unzeit thun.
Arbeits-Vor- anschlag.Dagegen ist es höchst nützlich, daß sich ein jeder Landwirth in jedem Jahre einen Voranschlag aller Verrichtungen, die in einem gewissen Zeitraume vorge- nommen werden müssen, mache, und darin die Arbeiten nach ihrer mehrern und mindern Wichtigkeit und mit den vorangegebenen Rücksichten verzeichne, und da- bei nicht bloß auf die großen Arbeiten, deren er sich von selbst wohl erinnern wird, sondern besonders auf die kleinern, die dem Gedächtnisse so leicht entfallen können, Rücksicht nehme, es sey nun, daß diese eine genaue Wahrnehmung der Zeit und Witterung erfordere, oder aber immer einzuschieben seyn, wenn jene Zeit
und
Die Arbeit im Allgemeinen.
ſelten einer das ganze Jahr hindurch bei derſelben Arbeit angeſtellt bleiben. Und hierdurch erhalten groͤßere Wirthſchaften allerdings einen Vorzug vor klei- neren, und verlieren nur dadurch wieder, daß jeder minder angeſtrengt arbeitet, als in manchen kleinen.
Manche Arbeiten koͤnnen durch ſchwaͤchere Perſonen, Weiber und Kinder eben ſo gut vollfuͤhrt werden, als durch ſtaͤrkere, und koſten durch erſtere ſo viel weniger. Es kommt alſo viel darauf an, die durch ſtaͤrkere und ſchwaͤchere Per- ſonen zu verrichtenden Arbeiten ſo zu vertheilen, daß man jeden durch das ganze Jahr mit Arbeiten beſchaͤftige, die fuͤr ihn geeignet ſind, und Maͤnner nicht zu Arbeiten, die auch Weiber verrichten koͤnnen, zu brauchen genoͤthiget werde.
§. 159.
Landwirth- ſchafts-Ka- lender.Man hat ſogenannte Landwirthſchafts-Kalender, worin die Verrichtungen von Monat zu Monat oder gar von Woche zu Woche nach ihrer angeblichen Folge verzeichnet ſind. Manche ſetzen darauf einen großen Werth, und es werden des- halb noch immer neue verfertigt. Ich halte ſie fuͤr ganz untauglich und verleitend fuͤr Anfaͤnger. Der guͤnſtigſte Zeitpunkt zur Verrichtung der Arbeiten differirt in demſelben Klima, in verſchiedenen Jahren, oft um mehr als einen Monat. Die Verſpaͤtung oder Beſchleunigung einer Verrichtung verſpaͤtet oder beſchleu- nigt die vieler andern, oder auch umgekehrt, indem man das eine fruͤher thun muß, wenn man das andere erſt ſpaͤter thun kann. Auch hat eine jede Wirth- ſchaft nach ihrer beſondern Einrichtung ihren eigenen Gang, welcher ſich nur in individuellen Faͤllen fuͤr eine jede beſonders berechnen laͤßt. Wer in einem ſolchen Kalender erſt nachſuchen muß, was er zu thun habe, wird alles zur Unzeit thun.
Arbeits-Vor- anſchlag.Dagegen iſt es hoͤchſt nuͤtzlich, daß ſich ein jeder Landwirth in jedem Jahre einen Voranſchlag aller Verrichtungen, die in einem gewiſſen Zeitraume vorge- nommen werden muͤſſen, mache, und darin die Arbeiten nach ihrer mehrern und mindern Wichtigkeit und mit den vorangegebenen Ruͤckſichten verzeichne, und da- bei nicht bloß auf die großen Arbeiten, deren er ſich von ſelbſt wohl erinnern wird, ſondern beſonders auf die kleinern, die dem Gedaͤchtniſſe ſo leicht entfallen koͤnnen, Ruͤckſicht nehme, es ſey nun, daß dieſe eine genaue Wahrnehmung der Zeit und Witterung erfordere, oder aber immer einzuſchieben ſeyn, wenn jene Zeit
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Die Arbeit im Allgemeinen.
ſelten einer das ganze Jahr hindurch bei derſelben Arbeit angeſtellt bleiben.
Und hierdurch erhalten groͤßere Wirthſchaften allerdings einen Vorzug vor klei-
neren, und verlieren nur dadurch wieder, daß jeder minder angeſtrengt arbeitet,
als in manchen kleinen.
Manche Arbeiten koͤnnen durch ſchwaͤchere Perſonen, Weiber und Kinder
eben ſo gut vollfuͤhrt werden, als durch ſtaͤrkere, und koſten durch erſtere ſo viel
weniger. Es kommt alſo viel darauf an, die durch ſtaͤrkere und ſchwaͤchere Per-
ſonen zu verrichtenden Arbeiten ſo zu vertheilen, daß man jeden durch das ganze
Jahr mit Arbeiten beſchaͤftige, die fuͤr ihn geeignet ſind, und Maͤnner nicht zu
Arbeiten, die auch Weiber verrichten koͤnnen, zu brauchen genoͤthiget werde.
§. 159.
Man hat ſogenannte Landwirthſchafts-Kalender, worin die Verrichtungen
von Monat zu Monat oder gar von Woche zu Woche nach ihrer angeblichen Folge
verzeichnet ſind. Manche ſetzen darauf einen großen Werth, und es werden des-
halb noch immer neue verfertigt. Ich halte ſie fuͤr ganz untauglich und verleitend
fuͤr Anfaͤnger. Der guͤnſtigſte Zeitpunkt zur Verrichtung der Arbeiten differirt
in demſelben Klima, in verſchiedenen Jahren, oft um mehr als einen Monat.
Die Verſpaͤtung oder Beſchleunigung einer Verrichtung verſpaͤtet oder beſchleu-
nigt die vieler andern, oder auch umgekehrt, indem man das eine fruͤher thun
muß, wenn man das andere erſt ſpaͤter thun kann. Auch hat eine jede Wirth-
ſchaft nach ihrer beſondern Einrichtung ihren eigenen Gang, welcher ſich nur in
individuellen Faͤllen fuͤr eine jede beſonders berechnen laͤßt. Wer in einem ſolchen
Kalender erſt nachſuchen muß, was er zu thun habe, wird alles zur Unzeit thun.
Landwirth-
ſchafts-Ka-
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Dagegen iſt es hoͤchſt nuͤtzlich, daß ſich ein jeder Landwirth in jedem Jahre
einen Voranſchlag aller Verrichtungen, die in einem gewiſſen Zeitraume vorge-
nommen werden muͤſſen, mache, und darin die Arbeiten nach ihrer mehrern und
mindern Wichtigkeit und mit den vorangegebenen Ruͤckſichten verzeichne, und da-
bei nicht bloß auf die großen Arbeiten, deren er ſich von ſelbſt wohl erinnern
wird, ſondern beſonders auf die kleinern, die dem Gedaͤchtniſſe ſo leicht entfallen
koͤnnen, Ruͤckſicht nehme, es ſey nun, daß dieſe eine genaue Wahrnehmung der
Zeit und Witterung erfordere, oder aber immer einzuſchieben ſeyn, wenn jene Zeit
und
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Thaer, Albrecht: Grundsätze der rationellen Landwirthschaft. Bd. 1. Berlin, 1809, S. 112. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/thaer_landwirthschaft01_1809/142>, abgerufen am 10.08.2024.
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