wohlfeiler als schlechten kaufen, indem die meisten Menschen noch einen zu großen Werth auf weite Ausdehnung setzen.
Je fruchtbarer im Ganzen eine Gegend ist, um desto geringer ist daselbst der Werth des schlechten Bodens, denn der reine Ertrag oder die Rente des natürlich fruchtbarsten Grundstücks schränkt die Rente des mit ihm Konkurirenden ein. Wo die Produkte der fruchtbarern Grundstücke zureichen, die Bedürfnisse zu befriedigen, werden die minder fruchtbaren kaum mit Vortheil bearbeitet werden können. Reichen aber jene nicht zu, so wird sich die Bearbeitung der letztern mehr belohnen, und man wird daher dieselbe Bodenart in einer unfruchtbaren Gegend höher, als in einer fruchtbaren bezahlen können.
Man hat die Nachbarschaft fruchtbarer gras- und strohreicher Niederungen höhe- ren und dürrern Gütern vortheilhaft gehalten, indem sie ihnen Gelegenheit giebt, Heu und Stroh anzukaufen. In sofern durch solchen Ankauf der erste Grund zur Verbesserung gelegt wird, und die Kosten desselben zu Kapital geschlagen werden sol- len, kann dieses allerdings vortheilhaft seyn, bei genauer Berechnung aber nie, als eine beständig fortzusetzende Bewirthschaftung, rentiren. Und so kann dieser Vor- theil die Nachtheile nicht aufwiegen, welche eine solche Nachbarschaft durch die Wohlfeilheit mancher Produkte und die gewöhnliche Vertheurung des Arbeits- preises verursacht.
Grundstücke, welche nachgesuchte Bedürfnisse in einer Gegend ausschließlich liefern können, erhalten dadurch einen besonders hohen Werth.
§. 77.
Nächst dem Ackerlande kommen vor allen die Wiesen in Betracht.Schätzung der Wiesen.
Man hat bisher ein gehöriges Verhältniß der Wiesen zum Ackerlande als eine nothwendige Bedingung eines guten Landguts angesehn, und ohne zureichenden Wie- senwachs, auch bei dem besten Ackerboden, ein Gut für fehlerhaft gehalten. Diese Meinung gründet sich auf eine anerkannte Wahrheit, daß ohne zureichende Viehfüt- terung in der Regel kein Ackerbau bestehen könne; dann aber auch auf ein Vorur- theil, daß ohne Wiesen keine Fütterung gewonnen werden könne. Wenn man weiß, daß durch Anbau von Futtergewächsen und durch abwechselnde Niederlegung des Ackerlandes zu künstlichen Wiesen das drei- und vierfache an Futterung gewonnen werden könne, was ewige Wiesen von gleicher Fläche geben, so wird man den Man-
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Werthſchaͤtzung eines Landguts.
wohlfeiler als ſchlechten kaufen, indem die meiſten Menſchen noch einen zu großen Werth auf weite Ausdehnung ſetzen.
Je fruchtbarer im Ganzen eine Gegend iſt, um deſto geringer iſt daſelbſt der Werth des ſchlechten Bodens, denn der reine Ertrag oder die Rente des natuͤrlich fruchtbarſten Grundſtuͤcks ſchraͤnkt die Rente des mit ihm Konkurirenden ein. Wo die Produkte der fruchtbarern Grundſtuͤcke zureichen, die Beduͤrfniſſe zu befriedigen, werden die minder fruchtbaren kaum mit Vortheil bearbeitet werden koͤnnen. Reichen aber jene nicht zu, ſo wird ſich die Bearbeitung der letztern mehr belohnen, und man wird daher dieſelbe Bodenart in einer unfruchtbaren Gegend hoͤher, als in einer fruchtbaren bezahlen koͤnnen.
Man hat die Nachbarſchaft fruchtbarer gras- und ſtrohreicher Niederungen hoͤhe- ren und duͤrrern Guͤtern vortheilhaft gehalten, indem ſie ihnen Gelegenheit giebt, Heu und Stroh anzukaufen. In ſofern durch ſolchen Ankauf der erſte Grund zur Verbeſſerung gelegt wird, und die Koſten deſſelben zu Kapital geſchlagen werden ſol- len, kann dieſes allerdings vortheilhaft ſeyn, bei genauer Berechnung aber nie, als eine beſtaͤndig fortzuſetzende Bewirthſchaftung, rentiren. Und ſo kann dieſer Vor- theil die Nachtheile nicht aufwiegen, welche eine ſolche Nachbarſchaft durch die Wohlfeilheit mancher Produkte und die gewoͤhnliche Vertheurung des Arbeits- preiſes verurſacht.
Grundſtuͤcke, welche nachgeſuchte Beduͤrfniſſe in einer Gegend ausſchließlich liefern koͤnnen, erhalten dadurch einen beſonders hohen Werth.
§. 77.
Naͤchſt dem Ackerlande kommen vor allen die Wieſen in Betracht.Schaͤtzung der Wieſen.
Man hat bisher ein gehoͤriges Verhaͤltniß der Wieſen zum Ackerlande als eine nothwendige Bedingung eines guten Landguts angeſehn, und ohne zureichenden Wie- ſenwachs, auch bei dem beſten Ackerboden, ein Gut fuͤr fehlerhaft gehalten. Dieſe Meinung gruͤndet ſich auf eine anerkannte Wahrheit, daß ohne zureichende Viehfuͤt- terung in der Regel kein Ackerbau beſtehen koͤnne; dann aber auch auf ein Vorur- theil, daß ohne Wieſen keine Fuͤtterung gewonnen werden koͤnne. Wenn man weiß, daß durch Anbau von Futtergewaͤchſen und durch abwechſelnde Niederlegung des Ackerlandes zu kuͤnſtlichen Wieſen das drei- und vierfache an Futterung gewonnen werden koͤnne, was ewige Wieſen von gleicher Flaͤche geben, ſo wird man den Man-
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Werthſchaͤtzung eines Landguts.
wohlfeiler als ſchlechten kaufen, indem die meiſten Menſchen noch einen zu großen
Werth auf weite Ausdehnung ſetzen.
Je fruchtbarer im Ganzen eine Gegend iſt, um deſto geringer iſt daſelbſt der
Werth des ſchlechten Bodens, denn der reine Ertrag oder die Rente des natuͤrlich
fruchtbarſten Grundſtuͤcks ſchraͤnkt die Rente des mit ihm Konkurirenden ein. Wo
die Produkte der fruchtbarern Grundſtuͤcke zureichen, die Beduͤrfniſſe zu befriedigen,
werden die minder fruchtbaren kaum mit Vortheil bearbeitet werden koͤnnen. Reichen
aber jene nicht zu, ſo wird ſich die Bearbeitung der letztern mehr belohnen, und man
wird daher dieſelbe Bodenart in einer unfruchtbaren Gegend hoͤher, als in einer
fruchtbaren bezahlen koͤnnen.
Man hat die Nachbarſchaft fruchtbarer gras- und ſtrohreicher Niederungen hoͤhe-
ren und duͤrrern Guͤtern vortheilhaft gehalten, indem ſie ihnen Gelegenheit giebt,
Heu und Stroh anzukaufen. In ſofern durch ſolchen Ankauf der erſte Grund zur
Verbeſſerung gelegt wird, und die Koſten deſſelben zu Kapital geſchlagen werden ſol-
len, kann dieſes allerdings vortheilhaft ſeyn, bei genauer Berechnung aber nie, als
eine beſtaͤndig fortzuſetzende Bewirthſchaftung, rentiren. Und ſo kann dieſer Vor-
theil die Nachtheile nicht aufwiegen, welche eine ſolche Nachbarſchaft durch die
Wohlfeilheit mancher Produkte und die gewoͤhnliche Vertheurung des Arbeits-
preiſes verurſacht.
Grundſtuͤcke, welche nachgeſuchte Beduͤrfniſſe in einer Gegend ausſchließlich
liefern koͤnnen, erhalten dadurch einen beſonders hohen Werth.
§. 77.
Naͤchſt dem Ackerlande kommen vor allen die Wieſen in Betracht.
Schaͤtzung der
Wieſen.
Man hat bisher ein gehoͤriges Verhaͤltniß der Wieſen zum Ackerlande als eine
nothwendige Bedingung eines guten Landguts angeſehn, und ohne zureichenden Wie-
ſenwachs, auch bei dem beſten Ackerboden, ein Gut fuͤr fehlerhaft gehalten. Dieſe
Meinung gruͤndet ſich auf eine anerkannte Wahrheit, daß ohne zureichende Viehfuͤt-
terung in der Regel kein Ackerbau beſtehen koͤnne; dann aber auch auf ein Vorur-
theil, daß ohne Wieſen keine Fuͤtterung gewonnen werden koͤnne. Wenn man weiß,
daß durch Anbau von Futtergewaͤchſen und durch abwechſelnde Niederlegung des
Ackerlandes zu kuͤnſtlichen Wieſen das drei- und vierfache an Futterung gewonnen
werden koͤnne, was ewige Wieſen von gleicher Flaͤche geben, ſo wird man den Man-
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Thaer, Albrecht: Grundsätze der rationellen Landwirthschaft. Bd. 1. Berlin, 1809, S. 43. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/thaer_landwirthschaft01_1809/73>, abgerufen am 10.08.2024.
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