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Thomasius, Christian: Ernsthaffte, aber doch Muntere und Vernünfftige Thomasische Gedancken und Errinnerungen über allerhand außerlesene Juristische Händel. Erster Theil. Halle, 1723.

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3.

Betrachte das vorhergehende und nachfolgende, oder was ein Autor anderswo geschrieben mit Fleiß: so wirst du seine Meinung desto besser verstehen. Denn man muthmasset nicht leicht, daß ein Autor seiner vorigen Meinung werde wieder sprechen, und sich contradiciren. Wenn es aber der Augenschein giebet, daß ein Mensch seiner Meinung wiedersprochen: so ist es vernünfftig, daß man seine letzte Meinung für seine rechte Meinung müsse annehmen. Es wäre dann, daß man sähe, daß ein Mensch an dem letzten Orte nur gleichsam obenhin eine Sache erwehnet hätte: die er anderswo hauptsächlich zu vorhero zum Gegentheil ausgeführet; denn da kan es geschehen, daß man dafür hält; er habe das letzte mehr aus einer Unbedachtsamkeit als aus einem Vorsatz seine vorige Meinung zu ändern; gethan.

4.

Unter zweyen Verstanden und Auslegungen einer Schrifft: ist allezeit diejenige der andern vorzuziehen; die mit der gesunden Vernunfft übereinkommt: und daraus in dem menschlichen Thun und Lassen, eine Würckung entstehet. Derowegen soll man auch in Auslegung gelehrter Schrifften allemahl einen Autorem erklären: daß er nichts wieder die Vernunfft, erbare Sitten oder Gottes Wort gelehret habe; so lange man seine Worte auff eine vernünfftige Weise auslegen kan.

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3.

Die Clerisey, der Magistrat und Eure Hochedlen haben weder das Antecedens: daß einen Philosophum Eclecticum simuliret; noch das Consequens, daß solche Simulation, aus blosser Liebe zur orthodoxischen Warheit vorgenommen; beobachtet. Ich habe die zwiefache Intention: bey Herausgebung der Meditationum Philosophicarum: würcklich in meinem Sinn gesühret. Ich maintenire selbige vest und beständig: ohne Wiedersprechung oder Wiederruffung. Es sind von Euren Hochedlen meine politische Tractätgens: zwar erwogen, und daraus verschiedene Folgerungen gezogen worden; daß aber solches von meinen hochgeehrten Herrn ohne gebührenden Fleiß, und mehr mit passionirten als sinceren Gemüthe geschehen: meine Meinungen von ihnen ungültig und unbillig ausgeleget: ihre Conclusiones aber, mit der Vernunfft-Lehre streiten; werde bey anderer Gelegenheit deutlich erweisen.

4.

Und ob wohl meine Auslegung: daß die Meditationes wie ein Philosophus Eclecticus geschrieben: vernunfft-schrifft- und sittenmäßig: über das, weil sie, orthodoxae veritatis amore, ans Licht gestellet, in dem menschlichen Thun und Lassen: in der Republic der Gelehrsamkeit: in der Philosophie und Theologie diese considerable Würckung entstehet und heraus quillet; die Warheit von der Falschheit: das Christenthum von dem Heydenthum: gereiniget zu sehen; sind diese wichtige

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3.

Betrachte das vorhergehende und nachfolgende, oder was ein Autor anderswo geschrieben mit Fleiß: so wirst du seine Meinung desto besser verstehen. Denn man muthmasset nicht leicht, daß ein Autor seiner vorigen Meinung werde wieder sprechen, und sich contradiciren. Wenn es aber der Augenschein giebet, daß ein Mensch seiner Meinung wiedersprochen: so ist es vernünfftig, daß man seine letzte Meinung für seine rechte Meinung müsse annehmen. Es wäre dann, daß man sähe, daß ein Mensch an dem letzten Orte nur gleichsam obenhin eine Sache erwehnet hätte: die er anderswo hauptsächlich zu vorhero zum Gegentheil ausgeführet; denn da kan es geschehen, daß man dafür hält; er habe das letzte mehr aus einer Unbedachtsamkeit als aus einem Vorsatz seine vorige Meinung zu ändern; gethan.

4.

Unter zweyen Verstanden und Auslegungen einer Schrifft: ist allezeit diejenige der andern vorzuziehen; die mit der gesunden Vernunfft übereinkommt: und daraus in dem menschlichen Thun und Lassen, eine Würckung entstehet. Derowegen soll man auch in Auslegung gelehrter Schrifften allemahl einen Autorem erklären: daß er nichts wieder die Vernunfft, erbare Sitten oder Gottes Wort gelehret habe; so lange man seine Worte auff eine vernünfftige Weise auslegen kan.

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3.

Die Clerisey, der Magistrat und Eure Hochedlen haben weder das Antecedens: daß einen Philosophum Eclecticum simuliret; noch das Consequens, daß solche Simulation, aus blosser Liebe zur orthodoxischen Warheit vorgenommen; beobachtet. Ich habe die zwiefache Intention: bey Herausgebung der Meditationum Philosophicarum: würcklich in meinem Sinn gesühret. Ich maintenire selbige vest und beständig: ohne Wiedersprechung oder Wiederruffung. Es sind von Euren Hochedlen meine politische Tractätgens: zwar erwogen, und daraus verschiedene Folgerungen gezogen worden; daß aber solches von meinen hochgeehrten Herrn ohne gebührenden Fleiß, und mehr mit passionirten als sinceren Gemüthe geschehen: meine Meinungen von ihnen ungültig und unbillig ausgeleget: ihre Conclusiones aber, mit der Vernunfft-Lehre streiten; werde bey anderer Gelegenheit deutlich erweisen.

4.

Und ob wohl meine Auslegung: daß die Meditationes wie ein Philosophus Eclecticus geschrieben: vernunfft-schrifft- und sittenmäßig: über das, weil sie, orthodoxae veritatis amore, ans Licht gestellet, in dem menschlichen Thun und Lassen: in der Republic der Gelehrsamkeit: in der Philosophie und Theologie diese considerable Würckung entstehet und heraus quillet; die Warheit von der Falschheit: das Christenthum von dem Heydenthum: gereiniget zu sehen; sind diese wichtige

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[303/0319] 3. Betrachte das vorhergehende und nachfolgende, oder was ein Autor anderswo geschrieben mit Fleiß: so wirst du seine Meinung desto besser verstehen. Denn man muthmasset nicht leicht, daß ein Autor seiner vorigen Meinung werde wieder sprechen, und sich contradiciren. Wenn es aber der Augenschein giebet, daß ein Mensch seiner Meinung wiedersprochen: so ist es vernünfftig, daß man seine letzte Meinung für seine rechte Meinung müsse annehmen. Es wäre dann, daß man sähe, daß ein Mensch an dem letzten Orte nur gleichsam obenhin eine Sache erwehnet hätte: die er anderswo hauptsächlich zu vorhero zum Gegentheil ausgeführet; denn da kan es geschehen, daß man dafür hält; er habe das letzte mehr aus einer Unbedachtsamkeit als aus einem Vorsatz seine vorige Meinung zu ändern; gethan. 4. Unter zweyen Verstanden und Auslegungen einer Schrifft: ist allezeit diejenige der andern vorzuziehen; die mit der gesunden Vernunfft übereinkommt: und daraus in dem menschlichen Thun und Lassen, eine Würckung entstehet. Derowegen soll man auch in Auslegung gelehrter Schrifften allemahl einen Autorem erklären: daß er nichts wieder die Vernunfft, erbare Sitten oder Gottes Wort gelehret habe; so lange man seine Worte auff eine vernünfftige Weise auslegen kan. 3. Die Clerisey, der Magistrat und Eure Hochedlen haben weder das Antecedens: daß einen Philosophum Eclecticum simuliret; noch das Consequens, daß solche Simulation, aus blosser Liebe zur orthodoxischen Warheit vorgenommen; beobachtet. Ich habe die zwiefache Intention: bey Herausgebung der Meditationum Philosophicarum: würcklich in meinem Sinn gesühret. Ich maintenire selbige vest und beständig: ohne Wiedersprechung oder Wiederruffung. Es sind von Euren Hochedlen meine politische Tractätgens: zwar erwogen, und daraus verschiedene Folgerungen gezogen worden; daß aber solches von meinen hochgeehrten Herrn ohne gebührenden Fleiß, und mehr mit passionirten als sinceren Gemüthe geschehen: meine Meinungen von ihnen ungültig und unbillig ausgeleget: ihre Conclusiones aber, mit der Vernunfft-Lehre streiten; werde bey anderer Gelegenheit deutlich erweisen. 4. Und ob wohl meine Auslegung: daß die Meditationes wie ein Philosophus Eclecticus geschrieben: vernunfft-schrifft- und sittenmäßig: über das, weil sie, orthodoxae veritatis amore, ans Licht gestellet, in dem menschlichen Thun und Lassen: in der Republic der Gelehrsamkeit: in der Philosophie und Theologie diese considerable Würckung entstehet und heraus quillet; die Warheit von der Falschheit: das Christenthum von dem Heydenthum: gereiniget zu sehen; sind diese wichtige

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Wolfenbütteler Digitale Bibliothek: Bereitstellung der Bilddigitalisate (2012-11-23T14:00:00Z)
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Zitationshilfe: Thomasius, Christian: Ernsthaffte, aber doch Muntere und Vernünfftige Thomasische Gedancken und Errinnerungen über allerhand außerlesene Juristische Händel. Erster Theil. Halle, 1723, S. 303. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/thomasius_ernsthaffte01_1723/319>, abgerufen am 11.04.2021.