sie nun zwölf bis sechzehn Jahr alt, so werden sie mit vieler Feyerlichkeit, oft auf Kosten derjenigen, welcher sie bisher aufgewartet haben, für frey von Aufwartung und geringern Verrichtungen erklärt, und zu förmli- chen Damen des Hauses eingeweihet. Das sonderbarste ist, daß diese Mädchen, wenn sie in dem Hause, wo- hin sie in ihrer Kindheit verkauft worden, gewisse Jahre in beyden Eigenschaften gedient haben, ihre völlige Frey- heit wieder bekommen, im geringsten nicht als entehrt angesehen, sondern so gar hernach oft auf eine sehr ho- nette Art verheirathet werden. -- So allgemein diese Einrichtung und Sitte im ganzen Lande ist, und so we- nig die Einwohner überhaupt sich etwas arges dabey den- ken, haben doch verschiedne Männer von Verstand und Grundsätzen mir gestanden, daß sie sie für unanständig und der Ehre der Nation nachtheilig hielten.
Kinder trifft man allenthalben, in Städten und Dörfern, in Menge an. Durchgängig habe ich be- merkt, daß die Aeltern sie zwar früh zu strengem Gehor- sam gewöhnen, aber übrigens sie fast bloß mit guten Worten und Zureden regieren. Scheltworte oder harte Verweise habe ich selten gehört, und Stöße, Schläge und Gebrauch der Ruthe fast niemahls gesehen. In den Schulen lesen alle Kinder zugleich, und zwar sehr laut; das giebt ein Geschrey, daß man, wenn man hin- ein geht, in Gefahr ist, das Gehör zu verlieren.
Wie sehr die Japaner auf Reinlichkeit ihres Kör- pers sehen, habe ich schon einige Mahl erwähnt. Kein Tag geht hin, da sie sich nicht baden und ganz rein wa- schen, sie mögen zu Hause oder auf Reisen seyn. Nicht nur in Privat-Häusern, sondern auch in allen Wirths- häusern und Herbergen, in Städten und auf dem Lande, sind kleine Badstuben angelegt. Jeder kann also, an
jedem
Fuͤnfte Abtheilung. Siebenter Abſchnitt.
ſie nun zwoͤlf bis ſechzehn Jahr alt, ſo werden ſie mit vieler Feyerlichkeit, oft auf Koſten derjenigen, welcher ſie bisher aufgewartet haben, fuͤr frey von Aufwartung und geringern Verrichtungen erklaͤrt, und zu foͤrmli- chen Damen des Hauſes eingeweihet. Das ſonderbarſte iſt, daß dieſe Maͤdchen, wenn ſie in dem Hauſe, wo- hin ſie in ihrer Kindheit verkauft worden, gewiſſe Jahre in beyden Eigenſchaften gedient haben, ihre voͤllige Frey- heit wieder bekommen, im geringſten nicht als entehrt angeſehen, ſondern ſo gar hernach oft auf eine ſehr ho- nette Art verheirathet werden. — So allgemein dieſe Einrichtung und Sitte im ganzen Lande iſt, und ſo we- nig die Einwohner uͤberhaupt ſich etwas arges dabey den- ken, haben doch verſchiedne Maͤnner von Verſtand und Grundſaͤtzen mir geſtanden, daß ſie ſie fuͤr unanſtaͤndig und der Ehre der Nation nachtheilig hielten.
Kinder trifft man allenthalben, in Staͤdten und Doͤrfern, in Menge an. Durchgaͤngig habe ich be- merkt, daß die Aeltern ſie zwar fruͤh zu ſtrengem Gehor- ſam gewoͤhnen, aber uͤbrigens ſie faſt bloß mit guten Worten und Zureden regieren. Scheltworte oder harte Verweiſe habe ich ſelten gehoͤrt, und Stoͤße, Schlaͤge und Gebrauch der Ruthe faſt niemahls geſehen. In den Schulen leſen alle Kinder zugleich, und zwar ſehr laut; das giebt ein Geſchrey, daß man, wenn man hin- ein geht, in Gefahr iſt, das Gehoͤr zu verlieren.
Wie ſehr die Japaner auf Reinlichkeit ihres Koͤr- pers ſehen, habe ich ſchon einige Mahl erwaͤhnt. Kein Tag geht hin, da ſie ſich nicht baden und ganz rein wa- ſchen, ſie moͤgen zu Hauſe oder auf Reiſen ſeyn. Nicht nur in Privat-Haͤuſern, ſondern auch in allen Wirths- haͤuſern und Herbergen, in Staͤdten und auf dem Lande, ſind kleine Badſtuben angelegt. Jeder kann alſo, an
jedem
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Fuͤnfte Abtheilung. Siebenter Abſchnitt.
ſie nun zwoͤlf bis ſechzehn Jahr alt, ſo werden ſie mit
vieler Feyerlichkeit, oft auf Koſten derjenigen, welcher
ſie bisher aufgewartet haben, fuͤr frey von Aufwartung
und geringern Verrichtungen erklaͤrt, und zu foͤrmli-
chen Damen des Hauſes eingeweihet. Das ſonderbarſte
iſt, daß dieſe Maͤdchen, wenn ſie in dem Hauſe, wo-
hin ſie in ihrer Kindheit verkauft worden, gewiſſe Jahre
in beyden Eigenſchaften gedient haben, ihre voͤllige Frey-
heit wieder bekommen, im geringſten nicht als entehrt
angeſehen, ſondern ſo gar hernach oft auf eine ſehr ho-
nette Art verheirathet werden. — So allgemein dieſe
Einrichtung und Sitte im ganzen Lande iſt, und ſo we-
nig die Einwohner uͤberhaupt ſich etwas arges dabey den-
ken, haben doch verſchiedne Maͤnner von Verſtand und
Grundſaͤtzen mir geſtanden, daß ſie ſie fuͤr unanſtaͤndig
und der Ehre der Nation nachtheilig hielten.
Kinder trifft man allenthalben, in Staͤdten und
Doͤrfern, in Menge an. Durchgaͤngig habe ich be-
merkt, daß die Aeltern ſie zwar fruͤh zu ſtrengem Gehor-
ſam gewoͤhnen, aber uͤbrigens ſie faſt bloß mit guten
Worten und Zureden regieren. Scheltworte oder harte
Verweiſe habe ich ſelten gehoͤrt, und Stoͤße, Schlaͤge
und Gebrauch der Ruthe faſt niemahls geſehen. In
den Schulen leſen alle Kinder zugleich, und zwar ſehr
laut; das giebt ein Geſchrey, daß man, wenn man hin-
ein geht, in Gefahr iſt, das Gehoͤr zu verlieren.
Wie ſehr die Japaner auf Reinlichkeit ihres Koͤr-
pers ſehen, habe ich ſchon einige Mahl erwaͤhnt. Kein
Tag geht hin, da ſie ſich nicht baden und ganz rein wa-
ſchen, ſie moͤgen zu Hauſe oder auf Reiſen ſeyn. Nicht
nur in Privat-Haͤuſern, ſondern auch in allen Wirths-
haͤuſern und Herbergen, in Staͤdten und auf dem Lande,
ſind kleine Badſtuben angelegt. Jeder kann alſo, an
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Thunberg, Carl Peter: Reisen durch einen Theil von Europa, Afrika und Asien [...] in den Jahren 1770 bis 1779. Bd. 2. Übers. v. Christian Heinrich Groskurd. Berlin, 1794, S. 208. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/thunberg_reisen02_1794/242>, abgerufen am 11.09.2024.
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