Warschau, so hatte die Frage, wie weit das preußische Gebiet sich ostwärts erstrecken sollte, nur noch geringe Bedeutung; denn westlich von Warschau bot weder die Prosna noch die Warthalinie eine gesicherte natürliche Grenze. Eine Ostgrenze, welche den preußischen Staat zugleich militärisch gesichert und vor einer allzu starken Beimischung fremdartigen Volksthums be- wahrt hätte, ließ sich schlechterdings nicht finden. Man mußte den Muth haben, sich diese unbequeme Wahrheit einzugestehen, und man durfte die militärischen Bedenken dann den Erwägungen der nationalen Politik opfern, wenn die mittleren Weichsellande in Rußlands Hände kamen. Der russische Staat war für Preußen unzweifelhaft ein weniger lästiger Nachbar als weiland die polnische Republik, er war nicht wie diese durch uralten Haß dem preußischen Volke verfeindet, nicht wie diese durch das Gebot der Selbsterhaltung gezwungen nach der Eroberung von Altpreußen zu trachten. Das weite Reich, das schon so viele andere Häfen besaß, konnte zur Roth ohne den Besitz der Weichselmündungen bestehen, wie Deutschland ohne das Rheindelta, Oesterreich ohne die Donaumündung bestehen kann. Kamen Warschau und Masovien unter Rußlands Herrschaft, so wurden voraus- sichtlich die Handelsinteressen von Altpreußen wie von Russisch-Polen schwer geschädigt; dennoch konnte die neue Ländervertheilung dauern, ein leidliches nachbarliches Verhältniß zwischen Preußen und Rußland war nicht un- möglich. Alle Mißstände an der Ostgrenze wurden reichlich aufgewogen, wenn Preußen auf deutschem Boden eine wohlgesicherte Abrundung erlangte.
In der That sah Hardenberg ein, daß irgend ein Zugeständniß an die russischen Wünsche unvermeidlich war, und beauftragte seinen Unter- händler nöthigenfalls das vormalige Neu-Ostpreußen dem Czaren preis- zugeben. Oberst Knesebeck aber dachte anders, ging eigenmächtig über seine Instructionen hinaus. Der gelehrte, vielerfahrene Offizier hatte einst die Ideale der Revolution mit Frohlocken begrüßt und war auch in späteren Jahren keineswegs so hart reactionär gesinnt wie man ihm nachsagte; von den Grundgedanken der alten diplomatisch-militärischen Schule ist er gleich- wohl niemals losgekommen. Er sah nach der Weise des achtzehnten Jahr- hunderts in jeder Nachbarmacht schlechtweg den natürlichen Feind des Nachbars. Wie er im Felde die Landkarte unablässig durchforschte, von dem Besitze beherrschender Plateaus und Bergrücken entscheidende kriege- rische Erfolge erwartete, so hatte er sich auch bei der Lampe ein Bild der europäischen Waage, eine neue allen Forderungen des Gleichgewichts ent- sprechende Karte von Europa niedergezeichnet und hielt daran mit doctri- närem Selbstgefühle fest. Ein Jahr darauf stellte er*) für die neue Ge- bietsvertheilung drei leitende Gesichtspunkte auf: "daß der West sein Ueber- gewicht verliere, daß das Centrum wieder Gewicht bekomme, und daß der Ost nicht in die Fehler des West verfalle." Darum muß der preußische
*) Knesebecks Denkschrift an Hardenberg, Freiburg 7. Januar 1814.
I. 4. Der Befreiungskrieg.
Warſchau, ſo hatte die Frage, wie weit das preußiſche Gebiet ſich oſtwärts erſtrecken ſollte, nur noch geringe Bedeutung; denn weſtlich von Warſchau bot weder die Prosna noch die Warthalinie eine geſicherte natürliche Grenze. Eine Oſtgrenze, welche den preußiſchen Staat zugleich militäriſch geſichert und vor einer allzu ſtarken Beimiſchung fremdartigen Volksthums be- wahrt hätte, ließ ſich ſchlechterdings nicht finden. Man mußte den Muth haben, ſich dieſe unbequeme Wahrheit einzugeſtehen, und man durfte die militäriſchen Bedenken dann den Erwägungen der nationalen Politik opfern, wenn die mittleren Weichſellande in Rußlands Hände kamen. Der ruſſiſche Staat war für Preußen unzweifelhaft ein weniger läſtiger Nachbar als weiland die polniſche Republik, er war nicht wie dieſe durch uralten Haß dem preußiſchen Volke verfeindet, nicht wie dieſe durch das Gebot der Selbſterhaltung gezwungen nach der Eroberung von Altpreußen zu trachten. Das weite Reich, das ſchon ſo viele andere Häfen beſaß, konnte zur Roth ohne den Beſitz der Weichſelmündungen beſtehen, wie Deutſchland ohne das Rheindelta, Oeſterreich ohne die Donaumündung beſtehen kann. Kamen Warſchau und Maſovien unter Rußlands Herrſchaft, ſo wurden voraus- ſichtlich die Handelsintereſſen von Altpreußen wie von Ruſſiſch-Polen ſchwer geſchädigt; dennoch konnte die neue Ländervertheilung dauern, ein leidliches nachbarliches Verhältniß zwiſchen Preußen und Rußland war nicht un- möglich. Alle Mißſtände an der Oſtgrenze wurden reichlich aufgewogen, wenn Preußen auf deutſchem Boden eine wohlgeſicherte Abrundung erlangte.
In der That ſah Hardenberg ein, daß irgend ein Zugeſtändniß an die ruſſiſchen Wünſche unvermeidlich war, und beauftragte ſeinen Unter- händler nöthigenfalls das vormalige Neu-Oſtpreußen dem Czaren preis- zugeben. Oberſt Kneſebeck aber dachte anders, ging eigenmächtig über ſeine Inſtructionen hinaus. Der gelehrte, vielerfahrene Offizier hatte einſt die Ideale der Revolution mit Frohlocken begrüßt und war auch in ſpäteren Jahren keineswegs ſo hart reactionär geſinnt wie man ihm nachſagte; von den Grundgedanken der alten diplomatiſch-militäriſchen Schule iſt er gleich- wohl niemals losgekommen. Er ſah nach der Weiſe des achtzehnten Jahr- hunderts in jeder Nachbarmacht ſchlechtweg den natürlichen Feind des Nachbars. Wie er im Felde die Landkarte unabläſſig durchforſchte, von dem Beſitze beherrſchender Plateaus und Bergrücken entſcheidende kriege- riſche Erfolge erwartete, ſo hatte er ſich auch bei der Lampe ein Bild der europäiſchen Waage, eine neue allen Forderungen des Gleichgewichts ent- ſprechende Karte von Europa niedergezeichnet und hielt daran mit doctri- närem Selbſtgefühle feſt. Ein Jahr darauf ſtellte er*) für die neue Ge- bietsvertheilung drei leitende Geſichtspunkte auf: „daß der Weſt ſein Ueber- gewicht verliere, daß das Centrum wieder Gewicht bekomme, und daß der Oſt nicht in die Fehler des Weſt verfalle.“ Darum muß der preußiſche
*) Kneſebecks Denkſchrift an Hardenberg, Freiburg 7. Januar 1814.
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I. 4. Der Befreiungskrieg.
Warſchau, ſo hatte die Frage, wie weit das preußiſche Gebiet ſich oſtwärts
erſtrecken ſollte, nur noch geringe Bedeutung; denn weſtlich von Warſchau
bot weder die Prosna noch die Warthalinie eine geſicherte natürliche Grenze.
Eine Oſtgrenze, welche den preußiſchen Staat zugleich militäriſch geſichert
und vor einer allzu ſtarken Beimiſchung fremdartigen Volksthums be-
wahrt hätte, ließ ſich ſchlechterdings nicht finden. Man mußte den Muth
haben, ſich dieſe unbequeme Wahrheit einzugeſtehen, und man durfte die
militäriſchen Bedenken dann den Erwägungen der nationalen Politik opfern,
wenn die mittleren Weichſellande in Rußlands Hände kamen. Der ruſſiſche
Staat war für Preußen unzweifelhaft ein weniger läſtiger Nachbar als
weiland die polniſche Republik, er war nicht wie dieſe durch uralten Haß
dem preußiſchen Volke verfeindet, nicht wie dieſe durch das Gebot der
Selbſterhaltung gezwungen nach der Eroberung von Altpreußen zu trachten.
Das weite Reich, das ſchon ſo viele andere Häfen beſaß, konnte zur Roth
ohne den Beſitz der Weichſelmündungen beſtehen, wie Deutſchland ohne
das Rheindelta, Oeſterreich ohne die Donaumündung beſtehen kann. Kamen
Warſchau und Maſovien unter Rußlands Herrſchaft, ſo wurden voraus-
ſichtlich die Handelsintereſſen von Altpreußen wie von Ruſſiſch-Polen ſchwer
geſchädigt; dennoch konnte die neue Ländervertheilung dauern, ein leidliches
nachbarliches Verhältniß zwiſchen Preußen und Rußland war nicht un-
möglich. Alle Mißſtände an der Oſtgrenze wurden reichlich aufgewogen,
wenn Preußen auf deutſchem Boden eine wohlgeſicherte Abrundung erlangte.
In der That ſah Hardenberg ein, daß irgend ein Zugeſtändniß an
die ruſſiſchen Wünſche unvermeidlich war, und beauftragte ſeinen Unter-
händler nöthigenfalls das vormalige Neu-Oſtpreußen dem Czaren preis-
zugeben. Oberſt Kneſebeck aber dachte anders, ging eigenmächtig über ſeine
Inſtructionen hinaus. Der gelehrte, vielerfahrene Offizier hatte einſt die
Ideale der Revolution mit Frohlocken begrüßt und war auch in ſpäteren
Jahren keineswegs ſo hart reactionär geſinnt wie man ihm nachſagte; von
den Grundgedanken der alten diplomatiſch-militäriſchen Schule iſt er gleich-
wohl niemals losgekommen. Er ſah nach der Weiſe des achtzehnten Jahr-
hunderts in jeder Nachbarmacht ſchlechtweg den natürlichen Feind des
Nachbars. Wie er im Felde die Landkarte unabläſſig durchforſchte, von
dem Beſitze beherrſchender Plateaus und Bergrücken entſcheidende kriege-
riſche Erfolge erwartete, ſo hatte er ſich auch bei der Lampe ein Bild der
europäiſchen Waage, eine neue allen Forderungen des Gleichgewichts ent-
ſprechende Karte von Europa niedergezeichnet und hielt daran mit doctri-
närem Selbſtgefühle feſt. Ein Jahr darauf ſtellte er *) für die neue Ge-
bietsvertheilung drei leitende Geſichtspunkte auf: „daß der Weſt ſein Ueber-
gewicht verliere, daß das Centrum wieder Gewicht bekomme, und daß der
Oſt nicht in die Fehler des Weſt verfalle.“ Darum muß der preußiſche
*) Kneſebecks Denkſchrift an Hardenberg, Freiburg 7. Januar 1814.
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Treitschke, Heinrich von: Deutsche Geschichte im Neunzehnten Jahrhundert. Bd. 1: Bis zum zweiten Pariser Frieden. Leipzig, 1879, S. 422. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/treitschke_geschichte01_1879/438>, abgerufen am 26.09.2024.
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