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Treitschke, Heinrich von: Deutsche Geschichte im Neunzehnten Jahrhundert. Bd. 5: Bis zur März-Revolution. Leipzig, 1894.

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Schön's Entlassung.
Rochow aber versuchte anfangs den Handel mit Stillschweigen zu über-
gehen und ward erst durch einen ausdrücklichen Befehl des erzürnten
Monarchen gezwungen die Untersuchung anzuordnen, die mit Hake's Ver-
urtheilung endigte.*) Seitdem war der König über die Parteilichkeit des
Ministers ebenso ungehalten wie über die geheime Opposition des Ober-
präsidenten. So schleppte sich der Streit noch durch Monate dahin.
Schön triumphirte und versicherte dreist, in seiner treuen Provinz gäbe es keine
Parteien, allein die winzige Partei des Verbrechers Hake ausgenommen.
In Wahrheit war das Ordensland tief aufgewühlt, fast so erbittert wie vor
zweihundert Jahren, als die edlen freien Preußen den märkischen Des-
potismus bekämpften. Unerschütterlich fest stand die Sage, daß der König
bei der Krönung constitutionelle Zusagen gegeben und sie nachher zurück-
genommen hätte; nichts aber verzeiht dieser kräftige Stamm schwerer als
die Unbeständigkeit. Als Schön im October den Sitzungen des Staatsraths
beiwohnte, wollten ihm die Berliner Liberalen ein Ständchen bringen, was
er nur mit Mühe verhinderte; bei seiner Heimkehr begrüßten ihn seine
Königsberger Anhänger mit beflaggten Schiffen und erleuchteten Fenstern als
den Helden des Landes, und die Königsberger Polizei meldete dem Ministe-
rium beschwichtigend: allgemein sei die Theilnahme doch nicht gewesen.**)

So stand es bereits: die ostpreußischen Polizeibehörden erstatteten
Bericht über ihren eigenen Oberpräsidenten! Daß solche Zustände nicht
dauern konnten, mußte schließlich auch dem langmüthigen Monarchen ein-
leuchten. Als Schön im Januar 1842 zum dritten male seinen Abschied
erbat, nahm sich der König fast drei Monate Bedenkzeit und genehmigte
endlich das Gesuch durch Cabinetsordre vom 31. März. Aber diese Ordre
blieb tiefgeheim, auch der Zeitpunkt des Austritts noch vorbehalten, und
weder der Oberpräsident noch die wenigen anderen Eingeweihten hielten
die Entscheidung für unwiderruflich; Minister Alvensleben klagte bitter:
"das Vertrauen des Königs zu Schön besteht nach wie vor."***) Noch im
Mai reiste Schön, schwerlich ganz ohne Hoffnung, wieder nach Berlin zu
den Verhandlungen des Staatsraths. Dort traf ihn die erschreckende Nach-
richt, daß seine Abhandlung: Woher und Wohin? soeben auf dem Bücher-
markte erschienen sei. Die Schrift war, wie sich kaum anders erwarten
ließ, bei einem der fünf Freunde, denen Schön sie anvertraut, von un-
befugter Hand abgeschrieben und einem radikalen Buchhändler verrathen
worden.+) Der Diogenes der deutschen Demagogen, der Flüchtling Georg
Fein, Hambacher Angedenkens++), ließ sie alsdann in seinem sicheren Straß-

*) Schön's Bericht an Thile, 6. Mai; König Friedrich Wilhelm an Thile, 10. Mai;
Rochow's Bericht an den König, 13. Mai 1841.
**) Königsberger Polizeibericht, 25. Oct. 1841.
***) Alvensleben an Thile, 22. Mai 1842.
+) Rochow's Berichte an den König, 21. Mai, 9. Juni 1842.
++) s. o. IV. 601.
v. Treitschke, Deutsche Geschichte. V. 11

Schön’s Entlaſſung.
Rochow aber verſuchte anfangs den Handel mit Stillſchweigen zu über-
gehen und ward erſt durch einen ausdrücklichen Befehl des erzürnten
Monarchen gezwungen die Unterſuchung anzuordnen, die mit Hake’s Ver-
urtheilung endigte.*) Seitdem war der König über die Parteilichkeit des
Miniſters ebenſo ungehalten wie über die geheime Oppoſition des Ober-
präſidenten. So ſchleppte ſich der Streit noch durch Monate dahin.
Schön triumphirte und verſicherte dreiſt, in ſeiner treuen Provinz gäbe es keine
Parteien, allein die winzige Partei des Verbrechers Hake ausgenommen.
In Wahrheit war das Ordensland tief aufgewühlt, faſt ſo erbittert wie vor
zweihundert Jahren, als die edlen freien Preußen den märkiſchen Des-
potismus bekämpften. Unerſchütterlich feſt ſtand die Sage, daß der König
bei der Krönung conſtitutionelle Zuſagen gegeben und ſie nachher zurück-
genommen hätte; nichts aber verzeiht dieſer kräftige Stamm ſchwerer als
die Unbeſtändigkeit. Als Schön im October den Sitzungen des Staatsraths
beiwohnte, wollten ihm die Berliner Liberalen ein Ständchen bringen, was
er nur mit Mühe verhinderte; bei ſeiner Heimkehr begrüßten ihn ſeine
Königsberger Anhänger mit beflaggten Schiffen und erleuchteten Fenſtern als
den Helden des Landes, und die Königsberger Polizei meldete dem Miniſte-
rium beſchwichtigend: allgemein ſei die Theilnahme doch nicht geweſen.**)

So ſtand es bereits: die oſtpreußiſchen Polizeibehörden erſtatteten
Bericht über ihren eigenen Oberpräſidenten! Daß ſolche Zuſtände nicht
dauern konnten, mußte ſchließlich auch dem langmüthigen Monarchen ein-
leuchten. Als Schön im Januar 1842 zum dritten male ſeinen Abſchied
erbat, nahm ſich der König faſt drei Monate Bedenkzeit und genehmigte
endlich das Geſuch durch Cabinetsordre vom 31. März. Aber dieſe Ordre
blieb tiefgeheim, auch der Zeitpunkt des Austritts noch vorbehalten, und
weder der Oberpräſident noch die wenigen anderen Eingeweihten hielten
die Entſcheidung für unwiderruflich; Miniſter Alvensleben klagte bitter:
„das Vertrauen des Königs zu Schön beſteht nach wie vor.“***) Noch im
Mai reiſte Schön, ſchwerlich ganz ohne Hoffnung, wieder nach Berlin zu
den Verhandlungen des Staatsraths. Dort traf ihn die erſchreckende Nach-
richt, daß ſeine Abhandlung: Woher und Wohin? ſoeben auf dem Bücher-
markte erſchienen ſei. Die Schrift war, wie ſich kaum anders erwarten
ließ, bei einem der fünf Freunde, denen Schön ſie anvertraut, von un-
befugter Hand abgeſchrieben und einem radikalen Buchhändler verrathen
worden.†) Der Diogenes der deutſchen Demagogen, der Flüchtling Georg
Fein, Hambacher Angedenkens††), ließ ſie alsdann in ſeinem ſicheren Straß-

*) Schön’s Bericht an Thile, 6. Mai; König Friedrich Wilhelm an Thile, 10. Mai;
Rochow’s Bericht an den König, 13. Mai 1841.
**) Königsberger Polizeibericht, 25. Oct. 1841.
***) Alvensleben an Thile, 22. Mai 1842.
†) Rochow’s Berichte an den König, 21. Mai, 9. Juni 1842.
††) ſ. o. IV. 601.
v. Treitſchke, Deutſche Geſchichte. V. 11
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[161/0175] Schön’s Entlaſſung. Rochow aber verſuchte anfangs den Handel mit Stillſchweigen zu über- gehen und ward erſt durch einen ausdrücklichen Befehl des erzürnten Monarchen gezwungen die Unterſuchung anzuordnen, die mit Hake’s Ver- urtheilung endigte. *) Seitdem war der König über die Parteilichkeit des Miniſters ebenſo ungehalten wie über die geheime Oppoſition des Ober- präſidenten. So ſchleppte ſich der Streit noch durch Monate dahin. Schön triumphirte und verſicherte dreiſt, in ſeiner treuen Provinz gäbe es keine Parteien, allein die winzige Partei des Verbrechers Hake ausgenommen. In Wahrheit war das Ordensland tief aufgewühlt, faſt ſo erbittert wie vor zweihundert Jahren, als die edlen freien Preußen den märkiſchen Des- potismus bekämpften. Unerſchütterlich feſt ſtand die Sage, daß der König bei der Krönung conſtitutionelle Zuſagen gegeben und ſie nachher zurück- genommen hätte; nichts aber verzeiht dieſer kräftige Stamm ſchwerer als die Unbeſtändigkeit. Als Schön im October den Sitzungen des Staatsraths beiwohnte, wollten ihm die Berliner Liberalen ein Ständchen bringen, was er nur mit Mühe verhinderte; bei ſeiner Heimkehr begrüßten ihn ſeine Königsberger Anhänger mit beflaggten Schiffen und erleuchteten Fenſtern als den Helden des Landes, und die Königsberger Polizei meldete dem Miniſte- rium beſchwichtigend: allgemein ſei die Theilnahme doch nicht geweſen. **) So ſtand es bereits: die oſtpreußiſchen Polizeibehörden erſtatteten Bericht über ihren eigenen Oberpräſidenten! Daß ſolche Zuſtände nicht dauern konnten, mußte ſchließlich auch dem langmüthigen Monarchen ein- leuchten. Als Schön im Januar 1842 zum dritten male ſeinen Abſchied erbat, nahm ſich der König faſt drei Monate Bedenkzeit und genehmigte endlich das Geſuch durch Cabinetsordre vom 31. März. Aber dieſe Ordre blieb tiefgeheim, auch der Zeitpunkt des Austritts noch vorbehalten, und weder der Oberpräſident noch die wenigen anderen Eingeweihten hielten die Entſcheidung für unwiderruflich; Miniſter Alvensleben klagte bitter: „das Vertrauen des Königs zu Schön beſteht nach wie vor.“ ***) Noch im Mai reiſte Schön, ſchwerlich ganz ohne Hoffnung, wieder nach Berlin zu den Verhandlungen des Staatsraths. Dort traf ihn die erſchreckende Nach- richt, daß ſeine Abhandlung: Woher und Wohin? ſoeben auf dem Bücher- markte erſchienen ſei. Die Schrift war, wie ſich kaum anders erwarten ließ, bei einem der fünf Freunde, denen Schön ſie anvertraut, von un- befugter Hand abgeſchrieben und einem radikalen Buchhändler verrathen worden. †) Der Diogenes der deutſchen Demagogen, der Flüchtling Georg Fein, Hambacher Angedenkens ††), ließ ſie alsdann in ſeinem ſicheren Straß- *) Schön’s Bericht an Thile, 6. Mai; König Friedrich Wilhelm an Thile, 10. Mai; Rochow’s Bericht an den König, 13. Mai 1841. **) Königsberger Polizeibericht, 25. Oct. 1841. ***) Alvensleben an Thile, 22. Mai 1842. †) Rochow’s Berichte an den König, 21. Mai, 9. Juni 1842. ††) ſ. o. IV. 601. v. Treitſchke, Deutſche Geſchichte. V. 11

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Zitationshilfe: Treitschke, Heinrich von: Deutsche Geschichte im Neunzehnten Jahrhundert. Bd. 5: Bis zur März-Revolution. Leipzig, 1894, S. 161. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/treitschke_geschichte05_1894/175>, abgerufen am 20.06.2021.