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Treitschke, Heinrich von: Deutsche Geschichte im Neunzehnten Jahrhundert. Bd. 5: Bis zur März-Revolution. Leipzig, 1894.

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Hungersnoth in Oberschlesien.
fahren ließen, wurde zugleich von Galizien her der Typhus eingeschleppt.
Der Schnitter Tod heimste seine furchtbare Ernte ein, die unwissenden
rathlosen Menschen verschlossen sich stumm verzweifelnd in ihren Häuschen.
Alles war wie gelähmt, kein einziger Pfarrer berichtete dem edlen Fürst-
bischof Diepenbrock von dem entsetzlichen Jammer. Als endlich doch die
Schreckenskunde nach Breslau gelangte, da kam Hilfe, aber sie kam zu
spät. Die Barmherzigen Brüder und Schwestern durchzogen die Dörfer,
an freiwilligen Beiträgen liefen 360,000 Thlr. ein, weit mehr als die
Weber des Gebirges erhalten hatten. Doch in den Kreisen Pleß, Rybnik,
Ratibor mußten Staat und Gemeinden während der nächsten Jahre 4000
hilflose Waisenkinder versorgen; im Kreise Pleß allein waren im Jahre 1847
über 6800 Menschen gestorben, fast dreimal mehr als sonst in Jahres-
frist, und darunter wohl 900 vor Hunger. Die neue Zeit und ihr König
Dampf hielten auch in Deutschland ihren Einzug über Leichen. Wenn
der politische Unmuth der Gebildeten und der sociale Groll der Armen
sich dereinst zu gemeinsamem Kampfe zusammenfanden, dann war die alte
Ordnung der Dinge verloren. --



Hungersnoth in Oberſchleſien.
fahren ließen, wurde zugleich von Galizien her der Typhus eingeſchleppt.
Der Schnitter Tod heimſte ſeine furchtbare Ernte ein, die unwiſſenden
rathloſen Menſchen verſchloſſen ſich ſtumm verzweifelnd in ihren Häuschen.
Alles war wie gelähmt, kein einziger Pfarrer berichtete dem edlen Fürſt-
biſchof Diepenbrock von dem entſetzlichen Jammer. Als endlich doch die
Schreckenskunde nach Breslau gelangte, da kam Hilfe, aber ſie kam zu
ſpät. Die Barmherzigen Brüder und Schweſtern durchzogen die Dörfer,
an freiwilligen Beiträgen liefen 360,000 Thlr. ein, weit mehr als die
Weber des Gebirges erhalten hatten. Doch in den Kreiſen Pleß, Rybnik,
Ratibor mußten Staat und Gemeinden während der nächſten Jahre 4000
hilfloſe Waiſenkinder verſorgen; im Kreiſe Pleß allein waren im Jahre 1847
über 6800 Menſchen geſtorben, faſt dreimal mehr als ſonſt in Jahres-
friſt, und darunter wohl 900 vor Hunger. Die neue Zeit und ihr König
Dampf hielten auch in Deutſchland ihren Einzug über Leichen. Wenn
der politiſche Unmuth der Gebildeten und der ſociale Groll der Armen
ſich dereinſt zu gemeinſamem Kampfe zuſammenfanden, dann war die alte
Ordnung der Dinge verloren. —



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[523/0537] Hungersnoth in Oberſchleſien. fahren ließen, wurde zugleich von Galizien her der Typhus eingeſchleppt. Der Schnitter Tod heimſte ſeine furchtbare Ernte ein, die unwiſſenden rathloſen Menſchen verſchloſſen ſich ſtumm verzweifelnd in ihren Häuschen. Alles war wie gelähmt, kein einziger Pfarrer berichtete dem edlen Fürſt- biſchof Diepenbrock von dem entſetzlichen Jammer. Als endlich doch die Schreckenskunde nach Breslau gelangte, da kam Hilfe, aber ſie kam zu ſpät. Die Barmherzigen Brüder und Schweſtern durchzogen die Dörfer, an freiwilligen Beiträgen liefen 360,000 Thlr. ein, weit mehr als die Weber des Gebirges erhalten hatten. Doch in den Kreiſen Pleß, Rybnik, Ratibor mußten Staat und Gemeinden während der nächſten Jahre 4000 hilfloſe Waiſenkinder verſorgen; im Kreiſe Pleß allein waren im Jahre 1847 über 6800 Menſchen geſtorben, faſt dreimal mehr als ſonſt in Jahres- friſt, und darunter wohl 900 vor Hunger. Die neue Zeit und ihr König Dampf hielten auch in Deutſchland ihren Einzug über Leichen. Wenn der politiſche Unmuth der Gebildeten und der ſociale Groll der Armen ſich dereinſt zu gemeinſamem Kampfe zuſammenfanden, dann war die alte Ordnung der Dinge verloren. —

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Zitationshilfe: Treitschke, Heinrich von: Deutsche Geschichte im Neunzehnten Jahrhundert. Bd. 5: Bis zur März-Revolution. Leipzig, 1894, S. 523. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/treitschke_geschichte05_1894/537>, abgerufen am 28.02.2021.