Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Treitschke, Heinrich von: Deutsche Geschichte im Neunzehnten Jahrhundert. Bd. 5: Bis zur März-Revolution. Leipzig, 1894.

Bild:
<< vorherige Seite

XXVI. Zur Geschichte der Burschenschaft.
Lande eine verbeßerte Verfaßung gestiftet, welche das meiste Musterhafte für alle deutschen
Lande enthält. Wir Jetztlebenden wollen täglich rufen den Spruch: Gott segne Blücher
und Weimar!

8. Wenn in fast allen andern deutschen Landen noch gezögert wird, das heilige
Versprechen des 13ten Artikels der deutschen Bundesacte in Ausführung zu bringen, so
wollen wir doch nimmermehr verzweifeln an dem feierlich gegebenen Worte der Fürsten
und Herrscher. Wir wollen vertrauen und eben deswegen mahnen. Das Unheil der
unabsehlichen Verzögerung werde nicht den Fürsten zur Last gelegt, sondern die Schuld
davon müßen die Minister tragen. Welcher Minister dem Fürsten anrathen möchte, Eid
und Wort, schnell oder langsam, zu brechen, der wäre Hochverräther. Das Volk hat
das Recht und die Pflicht, zu bitten, daß der Fürst solchen Minister, der sich des Hoch-
verraths schuldig macht, entferne.

9. Wir wollen gehorchen dem Gesetz, dem vom Oberhaupt des Staates sanctio-
nirten und ausgeübten, zuvor von erwählten Abgeordneten des Volks öffentlich geprüften
und berathenen Gesetze; im provisorischen Zustande der ohne Zuziehung der Volksver-
treter ausgeübten Gesetzgebung wollen wir uns alles sträflichen Ungehorsams enthalten.

10. Wir erklären, daß wir mit dem Worte "Souveränität", das vom Rheinbunde
herstammt, nicht den Begriff von Despotie verbinden können, noch wollen. Wir er-
klären auch, daß wir keine andere wünschenswerthe Gleichheit kennen, als die Gleichheit
vor dem Gesetz, wie sie in England längst bestanden, und für Frankreich in der con-
stitutionellen Charte von Ludwig XVIII. wirklich ausgesprochen ist.

11. Wir bekennen, daß wir von der Wahrheit des in der Vorzeit Deutschlands
begründeten Satzes: nicht Auflagen sondern Abgaben! überzeugt sind; so wie
auch von der Wahrheit, daß die Bewilligung der Abgaben nur von erwählten Ab-
geordneten des Volks geschehen könne, und zwar nur für ein Jahr. Wir bekennen, daß
wir überzeugt sind von der Richtigkeit dieser Schlußfolge: Was jemand besitzt, ist sein
Eigenthum, weil es sein ausschließliches Eigenthum ist; Schutz des Eigenthumsrechtes
ist der Hauptzweck des Staates; dieser Zweck würde vernichtet, wenn dem Oberhaupt
des Staates das Recht zustände, nach Willkür Steuern zu fordern; also kann dem
Staatsoberhaupt nicht das Recht zustehn, nach Willkür jedem Bürger jedweden Theil
seines Vermögens abzufordern. Was kann derjenige sein nennen, dem ein anderer ab-
fordern kann, wie viel, wann, wie oft er will?

12. Wir erkennen, daß den Besitzern größerer Güter eine ganz vorzügliche Stimme
gebührt in Berathung über Landesangelegenheiten, entweder nach dem Muster der Wei-
marschen Verfaßung, oder in eignem Senate, worin jedoch nicht Deputirte aller größern
Gutsherrn seyn dürfen.

13. Wir sprechen laut unseren Abscheu aus vor den Banden der Leibeigenschaft, welche
noch jetzt auf deutschem Boden unter dem Schein des Rechts besteht. Wir sind überzeugt,
daß kein Seegen über unser Vaterland kommen kann, solange solcher Schandfleck besteht.

14. Wir erkennen, daß die Gerechtigkeit nicht gebannt ist, noch gebannt werden
kann in ein anderes deutsches Buch; aber auch daß sie nicht gebannt ist in ein älteres
Buch, welches entsprang bei einem Volk, das in den beßern Zeiten, der Mehrzahl nach,
aus Sklaven bestand, und in der späteren Zeit gänzlich. Wir bekennen die Meinung,
das sicherste Mittel zur Förderung des einheimischen Rechts möchte ein Verbot seyn, das
Römische Recht vor Gericht zu citiren. Wir bekennen, daß wir als wesentliche Ver-
beßerungen betrachten und hoffen: die Einrichtung von Geschworenengerichten, die öffent-
liche Gerichtspflege, die Aufhebung der privilegirten Gerichtsstände (mit Ausnahme der
etwaigen Senatoren).

15. Wir versprechen, daß wir den geistlichen Stand ehren wollen, und das unsrige
thun wollen, damit dieser Stand wieder zu der ihm gebührenden Achtung gelange. Wir
wollen den arbeitenden Bürger ehren. Wir wollen dem Stolz müßiger Gelehrsamkeit,
wenn sie nicht mit Thatkraft verbunden ist, keine Nahrung geben durch übertriebene

XXVI. Zur Geſchichte der Burſchenſchaft.
Lande eine verbeßerte Verfaßung geſtiftet, welche das meiſte Muſterhafte für alle deutſchen
Lande enthält. Wir Jetztlebenden wollen täglich rufen den Spruch: Gott ſegne Blücher
und Weimar!

8. Wenn in faſt allen andern deutſchen Landen noch gezögert wird, das heilige
Verſprechen des 13ten Artikels der deutſchen Bundesacte in Ausführung zu bringen, ſo
wollen wir doch nimmermehr verzweifeln an dem feierlich gegebenen Worte der Fürſten
und Herrſcher. Wir wollen vertrauen und eben deswegen mahnen. Das Unheil der
unabſehlichen Verzögerung werde nicht den Fürſten zur Laſt gelegt, ſondern die Schuld
davon müßen die Miniſter tragen. Welcher Miniſter dem Fürſten anrathen möchte, Eid
und Wort, ſchnell oder langſam, zu brechen, der wäre Hochverräther. Das Volk hat
das Recht und die Pflicht, zu bitten, daß der Fürſt ſolchen Miniſter, der ſich des Hoch-
verraths ſchuldig macht, entferne.

9. Wir wollen gehorchen dem Geſetz, dem vom Oberhaupt des Staates ſanctio-
nirten und ausgeübten, zuvor von erwählten Abgeordneten des Volks öffentlich geprüften
und berathenen Geſetze; im proviſoriſchen Zuſtande der ohne Zuziehung der Volksver-
treter ausgeübten Geſetzgebung wollen wir uns alles ſträflichen Ungehorſams enthalten.

10. Wir erklären, daß wir mit dem Worte „Souveränität“, das vom Rheinbunde
herſtammt, nicht den Begriff von Despotie verbinden können, noch wollen. Wir er-
klären auch, daß wir keine andere wünſchenswerthe Gleichheit kennen, als die Gleichheit
vor dem Geſetz, wie ſie in England längſt beſtanden, und für Frankreich in der con-
ſtitutionellen Charte von Ludwig XVIII. wirklich ausgeſprochen iſt.

11. Wir bekennen, daß wir von der Wahrheit des in der Vorzeit Deutſchlands
begründeten Satzes: nicht Auflagen ſondern Abgaben! überzeugt ſind; ſo wie
auch von der Wahrheit, daß die Bewilligung der Abgaben nur von erwählten Ab-
geordneten des Volks geſchehen könne, und zwar nur für ein Jahr. Wir bekennen, daß
wir überzeugt ſind von der Richtigkeit dieſer Schlußfolge: Was jemand beſitzt, iſt ſein
Eigenthum, weil es ſein ausſchließliches Eigenthum iſt; Schutz des Eigenthumsrechtes
iſt der Hauptzweck des Staates; dieſer Zweck würde vernichtet, wenn dem Oberhaupt
des Staates das Recht zuſtände, nach Willkür Steuern zu fordern; alſo kann dem
Staatsoberhaupt nicht das Recht zuſtehn, nach Willkür jedem Bürger jedweden Theil
ſeines Vermögens abzufordern. Was kann derjenige ſein nennen, dem ein anderer ab-
fordern kann, wie viel, wann, wie oft er will?

12. Wir erkennen, daß den Beſitzern größerer Güter eine ganz vorzügliche Stimme
gebührt in Berathung über Landesangelegenheiten, entweder nach dem Muſter der Wei-
marſchen Verfaßung, oder in eignem Senate, worin jedoch nicht Deputirte aller größern
Gutsherrn ſeyn dürfen.

13. Wir ſprechen laut unſeren Abſcheu aus vor den Banden der Leibeigenſchaft, welche
noch jetzt auf deutſchem Boden unter dem Schein des Rechts beſteht. Wir ſind überzeugt,
daß kein Seegen über unſer Vaterland kommen kann, ſolange ſolcher Schandfleck beſteht.

14. Wir erkennen, daß die Gerechtigkeit nicht gebannt iſt, noch gebannt werden
kann in ein anderes deutſches Buch; aber auch daß ſie nicht gebannt iſt in ein älteres
Buch, welches entſprang bei einem Volk, das in den beßern Zeiten, der Mehrzahl nach,
aus Sklaven beſtand, und in der ſpäteren Zeit gänzlich. Wir bekennen die Meinung,
das ſicherſte Mittel zur Förderung des einheimiſchen Rechts möchte ein Verbot ſeyn, das
Römiſche Recht vor Gericht zu citiren. Wir bekennen, daß wir als weſentliche Ver-
beßerungen betrachten und hoffen: die Einrichtung von Geſchworenengerichten, die öffent-
liche Gerichtspflege, die Aufhebung der privilegirten Gerichtsſtände (mit Ausnahme der
etwaigen Senatoren).

15. Wir verſprechen, daß wir den geiſtlichen Stand ehren wollen, und das unſrige
thun wollen, damit dieſer Stand wieder zu der ihm gebührenden Achtung gelange. Wir
wollen den arbeitenden Bürger ehren. Wir wollen dem Stolz müßiger Gelehrſamkeit,
wenn ſie nicht mit Thatkraft verbunden iſt, keine Nahrung geben durch übertriebene

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0765" n="751"/><fw place="top" type="header"><hi rendition="#aq">XXVI.</hi> Zur Ge&#x017F;chichte der Bur&#x017F;chen&#x017F;chaft.</fw><lb/>
Lande eine verbeßerte Verfaßung ge&#x017F;tiftet, welche das mei&#x017F;te Mu&#x017F;terhafte für alle deut&#x017F;chen<lb/>
Lande enthält. Wir Jetztlebenden wollen täglich rufen den Spruch: Gott &#x017F;egne Blücher<lb/>
und Weimar!</p><lb/>
          <p>8. Wenn in fa&#x017F;t allen andern deut&#x017F;chen Landen noch gezögert wird, das heilige<lb/>
Ver&#x017F;prechen des 13ten Artikels der deut&#x017F;chen Bundesacte in Ausführung zu bringen, &#x017F;o<lb/>
wollen wir doch nimmermehr verzweifeln an dem feierlich gegebenen Worte der Für&#x017F;ten<lb/>
und Herr&#x017F;cher. Wir wollen vertrauen und eben deswegen mahnen. Das Unheil der<lb/>
unab&#x017F;ehlichen Verzögerung werde nicht den Für&#x017F;ten zur La&#x017F;t gelegt, &#x017F;ondern die Schuld<lb/>
davon müßen die Mini&#x017F;ter tragen. Welcher Mini&#x017F;ter dem Für&#x017F;ten anrathen möchte, Eid<lb/>
und Wort, &#x017F;chnell oder lang&#x017F;am, zu brechen, der wäre Hochverräther. Das Volk hat<lb/>
das Recht und die Pflicht, zu bitten, daß der Für&#x017F;t &#x017F;olchen Mini&#x017F;ter, der &#x017F;ich des Hoch-<lb/>
verraths &#x017F;chuldig macht, entferne.</p><lb/>
          <p>9. Wir wollen gehorchen dem Ge&#x017F;etz, dem vom Oberhaupt des Staates &#x017F;anctio-<lb/>
nirten und ausgeübten, zuvor von erwählten Abgeordneten des Volks öffentlich geprüften<lb/>
und berathenen Ge&#x017F;etze; im provi&#x017F;ori&#x017F;chen Zu&#x017F;tande der ohne Zuziehung der Volksver-<lb/>
treter ausgeübten Ge&#x017F;etzgebung wollen wir uns alles &#x017F;träflichen Ungehor&#x017F;ams enthalten.</p><lb/>
          <p>10. Wir erklären, daß wir mit dem Worte &#x201E;Souveränität&#x201C;, das vom Rheinbunde<lb/>
her&#x017F;tammt, nicht den Begriff von Despotie verbinden können, noch wollen. Wir er-<lb/>
klären auch, daß wir keine andere wün&#x017F;chenswerthe Gleichheit kennen, als die Gleichheit<lb/>
vor dem Ge&#x017F;etz, wie &#x017F;ie in England läng&#x017F;t be&#x017F;tanden, und für Frankreich in der con-<lb/>
&#x017F;titutionellen Charte von Ludwig <hi rendition="#aq">XVIII.</hi> wirklich ausge&#x017F;prochen i&#x017F;t.</p><lb/>
          <p>11. Wir bekennen, daß wir von der Wahrheit des in der Vorzeit Deut&#x017F;chlands<lb/>
begründeten Satzes: <hi rendition="#g">nicht Auflagen &#x017F;ondern Abgaben</hi>! überzeugt &#x017F;ind; &#x017F;o wie<lb/>
auch von der Wahrheit, daß die Bewilligung der Abgaben nur von <hi rendition="#g">erwählten</hi> Ab-<lb/>
geordneten des Volks ge&#x017F;chehen könne, und zwar nur für ein Jahr. Wir bekennen, daß<lb/>
wir überzeugt &#x017F;ind von der Richtigkeit die&#x017F;er Schlußfolge: Was jemand be&#x017F;itzt, i&#x017F;t &#x017F;ein<lb/>
Eigenthum, weil es &#x017F;ein aus&#x017F;chließliches Eigenthum i&#x017F;t; Schutz des Eigenthumsrechtes<lb/>
i&#x017F;t der Hauptzweck des Staates; die&#x017F;er Zweck würde vernichtet, wenn dem Oberhaupt<lb/>
des Staates das Recht zu&#x017F;tände, nach Willkür Steuern zu fordern; al&#x017F;o kann dem<lb/>
Staatsoberhaupt nicht das Recht zu&#x017F;tehn, nach Willkür jedem Bürger jedweden Theil<lb/>
&#x017F;eines Vermögens abzufordern. Was kann derjenige &#x017F;ein nennen, dem ein anderer ab-<lb/>
fordern kann, wie viel, wann, wie oft er will?</p><lb/>
          <p>12. Wir erkennen, daß den Be&#x017F;itzern größerer Güter eine ganz vorzügliche Stimme<lb/>
gebührt in Berathung über Landesangelegenheiten, entweder nach dem Mu&#x017F;ter der Wei-<lb/>
mar&#x017F;chen Verfaßung, oder in eignem Senate, worin jedoch nicht Deputirte aller größern<lb/>
Gutsherrn &#x017F;eyn dürfen.</p><lb/>
          <p>13. Wir &#x017F;prechen laut un&#x017F;eren Ab&#x017F;cheu aus vor den Banden der Leibeigen&#x017F;chaft, welche<lb/>
noch jetzt auf deut&#x017F;chem Boden unter dem Schein des Rechts be&#x017F;teht. Wir &#x017F;ind überzeugt,<lb/>
daß kein Seegen über un&#x017F;er Vaterland kommen kann, &#x017F;olange &#x017F;olcher Schandfleck be&#x017F;teht.</p><lb/>
          <p>14. Wir erkennen, daß die Gerechtigkeit nicht gebannt i&#x017F;t, noch gebannt werden<lb/>
kann in ein anderes deut&#x017F;ches Buch; aber auch daß &#x017F;ie nicht gebannt i&#x017F;t in ein älteres<lb/>
Buch, welches ent&#x017F;prang bei einem Volk, das in den beßern Zeiten, der Mehrzahl nach,<lb/>
aus Sklaven be&#x017F;tand, und in der &#x017F;päteren Zeit gänzlich. Wir bekennen die Meinung,<lb/>
das &#x017F;icher&#x017F;te Mittel zur Förderung des einheimi&#x017F;chen Rechts möchte ein Verbot &#x017F;eyn, das<lb/>
Römi&#x017F;che Recht vor Gericht zu citiren. Wir bekennen, daß wir als we&#x017F;entliche Ver-<lb/>
beßerungen betrachten und hoffen: die Einrichtung von Ge&#x017F;chworenengerichten, die öffent-<lb/>
liche Gerichtspflege, die Aufhebung der privilegirten Gerichts&#x017F;tände (mit Ausnahme der<lb/>
etwaigen Senatoren).</p><lb/>
          <p>15. Wir ver&#x017F;prechen, daß wir den gei&#x017F;tlichen Stand ehren wollen, und das un&#x017F;rige<lb/>
thun wollen, damit die&#x017F;er Stand wieder zu der ihm gebührenden Achtung gelange. Wir<lb/>
wollen den arbeitenden Bürger ehren. Wir wollen dem Stolz müßiger Gelehr&#x017F;amkeit,<lb/>
wenn &#x017F;ie nicht mit Thatkraft verbunden i&#x017F;t, keine Nahrung geben durch übertriebene<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[751/0765] XXVI. Zur Geſchichte der Burſchenſchaft. Lande eine verbeßerte Verfaßung geſtiftet, welche das meiſte Muſterhafte für alle deutſchen Lande enthält. Wir Jetztlebenden wollen täglich rufen den Spruch: Gott ſegne Blücher und Weimar! 8. Wenn in faſt allen andern deutſchen Landen noch gezögert wird, das heilige Verſprechen des 13ten Artikels der deutſchen Bundesacte in Ausführung zu bringen, ſo wollen wir doch nimmermehr verzweifeln an dem feierlich gegebenen Worte der Fürſten und Herrſcher. Wir wollen vertrauen und eben deswegen mahnen. Das Unheil der unabſehlichen Verzögerung werde nicht den Fürſten zur Laſt gelegt, ſondern die Schuld davon müßen die Miniſter tragen. Welcher Miniſter dem Fürſten anrathen möchte, Eid und Wort, ſchnell oder langſam, zu brechen, der wäre Hochverräther. Das Volk hat das Recht und die Pflicht, zu bitten, daß der Fürſt ſolchen Miniſter, der ſich des Hoch- verraths ſchuldig macht, entferne. 9. Wir wollen gehorchen dem Geſetz, dem vom Oberhaupt des Staates ſanctio- nirten und ausgeübten, zuvor von erwählten Abgeordneten des Volks öffentlich geprüften und berathenen Geſetze; im proviſoriſchen Zuſtande der ohne Zuziehung der Volksver- treter ausgeübten Geſetzgebung wollen wir uns alles ſträflichen Ungehorſams enthalten. 10. Wir erklären, daß wir mit dem Worte „Souveränität“, das vom Rheinbunde herſtammt, nicht den Begriff von Despotie verbinden können, noch wollen. Wir er- klären auch, daß wir keine andere wünſchenswerthe Gleichheit kennen, als die Gleichheit vor dem Geſetz, wie ſie in England längſt beſtanden, und für Frankreich in der con- ſtitutionellen Charte von Ludwig XVIII. wirklich ausgeſprochen iſt. 11. Wir bekennen, daß wir von der Wahrheit des in der Vorzeit Deutſchlands begründeten Satzes: nicht Auflagen ſondern Abgaben! überzeugt ſind; ſo wie auch von der Wahrheit, daß die Bewilligung der Abgaben nur von erwählten Ab- geordneten des Volks geſchehen könne, und zwar nur für ein Jahr. Wir bekennen, daß wir überzeugt ſind von der Richtigkeit dieſer Schlußfolge: Was jemand beſitzt, iſt ſein Eigenthum, weil es ſein ausſchließliches Eigenthum iſt; Schutz des Eigenthumsrechtes iſt der Hauptzweck des Staates; dieſer Zweck würde vernichtet, wenn dem Oberhaupt des Staates das Recht zuſtände, nach Willkür Steuern zu fordern; alſo kann dem Staatsoberhaupt nicht das Recht zuſtehn, nach Willkür jedem Bürger jedweden Theil ſeines Vermögens abzufordern. Was kann derjenige ſein nennen, dem ein anderer ab- fordern kann, wie viel, wann, wie oft er will? 12. Wir erkennen, daß den Beſitzern größerer Güter eine ganz vorzügliche Stimme gebührt in Berathung über Landesangelegenheiten, entweder nach dem Muſter der Wei- marſchen Verfaßung, oder in eignem Senate, worin jedoch nicht Deputirte aller größern Gutsherrn ſeyn dürfen. 13. Wir ſprechen laut unſeren Abſcheu aus vor den Banden der Leibeigenſchaft, welche noch jetzt auf deutſchem Boden unter dem Schein des Rechts beſteht. Wir ſind überzeugt, daß kein Seegen über unſer Vaterland kommen kann, ſolange ſolcher Schandfleck beſteht. 14. Wir erkennen, daß die Gerechtigkeit nicht gebannt iſt, noch gebannt werden kann in ein anderes deutſches Buch; aber auch daß ſie nicht gebannt iſt in ein älteres Buch, welches entſprang bei einem Volk, das in den beßern Zeiten, der Mehrzahl nach, aus Sklaven beſtand, und in der ſpäteren Zeit gänzlich. Wir bekennen die Meinung, das ſicherſte Mittel zur Förderung des einheimiſchen Rechts möchte ein Verbot ſeyn, das Römiſche Recht vor Gericht zu citiren. Wir bekennen, daß wir als weſentliche Ver- beßerungen betrachten und hoffen: die Einrichtung von Geſchworenengerichten, die öffent- liche Gerichtspflege, die Aufhebung der privilegirten Gerichtsſtände (mit Ausnahme der etwaigen Senatoren). 15. Wir verſprechen, daß wir den geiſtlichen Stand ehren wollen, und das unſrige thun wollen, damit dieſer Stand wieder zu der ihm gebührenden Achtung gelange. Wir wollen den arbeitenden Bürger ehren. Wir wollen dem Stolz müßiger Gelehrſamkeit, wenn ſie nicht mit Thatkraft verbunden iſt, keine Nahrung geben durch übertriebene

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/treitschke_geschichte05_1894
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/treitschke_geschichte05_1894/765
Zitationshilfe: Treitschke, Heinrich von: Deutsche Geschichte im Neunzehnten Jahrhundert. Bd. 5: Bis zur März-Revolution. Leipzig, 1894, S. 751. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/treitschke_geschichte05_1894/765>, abgerufen am 18.04.2021.