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Uhse, Erdmann: Wohl-informirter Poët. 2. Aufl. Leipzig, 1719.

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J. N. J. C.
Vorbereitung.
1. Was ist die teutsche Poesie?

DJe teutsche Poesie ist eine Geschicklichkeit, seine
Gedancken über eine gewisse Sache zierlich,
doch dabey klug und deutlich, in abgemessenen
Worten und Reimen vorzubringen.

2. Muß denn einer nothwendig Verse
machen können?

Mancher kan diese Kunst ziemlich entbehren, der
eben nicht grosse Ursach hat, sich durch ein Carmen
bey andern beliebt zu machen, oder, so ihm ja eines sol-
te abgefordert werden, schon seinen Mann weiß, der an
seiner statt solche Poetische Arbeit auf sich nimmet:
Wer aber seine Recommendation durch einen ge-
schickten Vers erhalten soll, und keinen Substituten
hat, der hierinnen seine Stelle verträte, der wird der
Poesie gar schwerlich entbehren können. Mancher
muß andere in der Poesie unterweisen, und also noth-
wendig dieselbe wohl verstehen.

3. Was nutzet aber eigentlich die Poesie?

Mehr, als vielleicht mancher dencken solte: Denn

es
A 4


J. N. J. C.
Vorbereitung.
1. Was iſt die teutſche Poëſie?

DJe teutſche Poëſie iſt eine Geſchicklichkeit, ſeine
Gedancken uͤber eine gewiſſe Sache zierlich,
doch dabey klug und deutlich, in abgemeſſenen
Worten und Reimen vorzubringen.

2. Muß denn einer nothwendig Verſe
machen koͤnnen?

Mancher kan dieſe Kunſt ziemlich entbehren, der
eben nicht groſſe Urſach hat, ſich durch ein Carmen
bey andern beliebt zu machen, oder, ſo ihm ja eines ſol-
te abgefordert werden, ſchon ſeinen Mann weiß, der an
ſeiner ſtatt ſolche Poëtiſche Arbeit auf ſich nimmet:
Wer aber ſeine Recommendation durch einen ge-
ſchickten Vers erhalten ſoll, und keinen Subſtituten
hat, der hierinnen ſeine Stelle vertraͤte, der wird der
Poëſie gar ſchwerlich entbehren koͤnnen. Mancher
muß andere in der Poëſie unterweiſen, und alſo noth-
wendig dieſelbe wohl verſtehen.

3. Was nutzet aber eigentlich die Poëſie?

Mehr, als vielleicht mancher dencken ſolte: Denn

es
A 4
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[[7]/0011] J. N. J. C. Vorbereitung. 1. Was iſt die teutſche Poëſie? DJe teutſche Poëſie iſt eine Geſchicklichkeit, ſeine Gedancken uͤber eine gewiſſe Sache zierlich, doch dabey klug und deutlich, in abgemeſſenen Worten und Reimen vorzubringen. 2. Muß denn einer nothwendig Verſe machen koͤnnen? Mancher kan dieſe Kunſt ziemlich entbehren, der eben nicht groſſe Urſach hat, ſich durch ein Carmen bey andern beliebt zu machen, oder, ſo ihm ja eines ſol- te abgefordert werden, ſchon ſeinen Mann weiß, der an ſeiner ſtatt ſolche Poëtiſche Arbeit auf ſich nimmet: Wer aber ſeine Recommendation durch einen ge- ſchickten Vers erhalten ſoll, und keinen Subſtituten hat, der hierinnen ſeine Stelle vertraͤte, der wird der Poëſie gar ſchwerlich entbehren koͤnnen. Mancher muß andere in der Poëſie unterweiſen, und alſo noth- wendig dieſelbe wohl verſtehen. 3. Was nutzet aber eigentlich die Poëſie? Mehr, als vielleicht mancher dencken ſolte: Denn es A 4

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Zitationshilfe: Uhse, Erdmann: Wohl-informirter Poët. 2. Aufl. Leipzig, 1719, S. [7]. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/uhse_poet_1719/11>, abgerufen am 20.06.2021.