Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Uhse, Erdmann: Wohl-informirter Poët. 2. Aufl. Leipzig, 1719.

Bild:
<< vorherige Seite
Das V. Capitul
6.) Geehrt.
1.) Meditat. Manche Menschen se-
hen die Gelehrten nicht gerne über
die Achseln an: Allein es finden
sich auch andere, auch wohl gar
hohe Potentaten, welche ihre Qua-
li
täten zu aestimiren und zu ehren
wissen.
2.) Amplif. ab Exemplo: Käyser Au-
gustus respectir
te die Poeten und
Philosophos gar hoch.

Es dencke niemand, als ob man in der Praxi bey
allen Umständen dergleichen Meditationes und Ampli-
ficationes
setzen müsse. Keines weges: Denn solches
würde bisweilen ziemlich alber und gezwungen her-
aus kommen. Gegenwärtige Arbeit ist nur zum Un-
terricht abgefasset worden, daß man daraus die vorge-
schlagene Manier desto deutlicher sehen könne. Her-
nach wenn man dergleichen Meditationes und Ampli-
ficationes
anwendet, muß die Elocution fein argut ge-
machet werden.

5. Wie kan man sich bey dieser Art im Vor-
trage verhalten?

Es kan entweder der Poete selbst den Vortrag thun,
oder er kan durch eine Prosopopoeiam die Fama, ein Land,
eine Stadt, ein Haus, einen Fluß, einen Garten etc. re-
dend einführen. Solcher gestalt ließ sichs gar wohl hö-
ren, als anno 1702. bey dem Begräbniß Herr Guldens,
vornehmen Handelsmann zu Leipzig, dessen Garten
folgender massen klagend eingeführet ward:

Jch
Das V. Capitul
6.) Geehrt.
1.) Meditat. Manche Menſchen ſe-
hen die Gelehrten nicht gerne uͤber
die Achſeln an: Allein es finden
ſich auch andere, auch wohl gar
hohe Potentaten, welche ihre Qua-
li
taͤten zu æſtimiren und zu ehren
wiſſen.
2.) Amplif. ab Exemplo: Kaͤyſer Au-
guſtus reſpectir
te die Poëten und
Philoſophos gar hoch.

Es dencke niemand, als ob man in der Praxi bey
allen Umſtaͤnden dergleichen Meditationes und Ampli-
ficationes
ſetzen muͤſſe. Keines weges: Denn ſolches
wuͤrde bisweilen ziemlich alber und gezwungen her-
aus kommen. Gegenwaͤrtige Arbeit iſt nur zum Un-
terricht abgefaſſet worden, daß man daraus die vorge-
ſchlagene Manier deſto deutlicher ſehen koͤnne. Her-
nach wenn man dergleichen Meditationes und Ampli-
ficationes
anwendet, muß die Elocution fein argut ge-
machet werden.

5. Wie kan man ſich bey dieſer Art im Vor-
trage verhalten?

Es kan entweder der Poëte ſelbſt den Vortrag thun,
oder er kan durch eine Proſopopœiam die Fama, ein Land,
eine Stadt, ein Haus, einen Fluß, einen Garten ꝛc. re-
dend einfuͤhren. Solcher geſtalt ließ ſichs gar wohl hoͤ-
ren, als anno 1702. bey dem Begraͤbniß Herr Guldens,
vornehmen Handelsmann zu Leipzig, deſſen Garten
folgender maſſen klagend eingefuͤhret ward:

Jch
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <list>
            <item>
              <pb facs="#f0114" n="110"/>
              <fw place="top" type="header"> <hi rendition="#b">Das <hi rendition="#aq">V.</hi> Capitul</hi> </fw><lb/>
              <list>
                <item>6.) <hi rendition="#fr">Geehrt.</hi> <list><item>1.) <hi rendition="#aq">Meditat.</hi> Manche Men&#x017F;chen &#x017F;e-<lb/>
hen die Gelehrten nicht gerne u&#x0364;ber<lb/>
die Ach&#x017F;eln an: Allein es finden<lb/>
&#x017F;ich auch andere, auch wohl gar<lb/>
hohe Potentaten, welche ihre <hi rendition="#aq">Qua-<lb/>
li</hi>ta&#x0364;ten zu <hi rendition="#aq">æ&#x017F;timi</hi>ren und zu ehren<lb/>
wi&#x017F;&#x017F;en.</item><lb/><item>2.) <hi rendition="#aq">Amplif. ab Exemplo:</hi> Ka&#x0364;y&#x017F;er <hi rendition="#aq">Au-<lb/>
gu&#x017F;tus re&#x017F;pectir</hi>te die <hi rendition="#aq">Poët</hi>en und<lb/><hi rendition="#aq">Philo&#x017F;ophos</hi> gar hoch.</item></list></item>
              </list>
            </item>
          </list><lb/>
          <p>Es dencke niemand, als ob man in der <hi rendition="#aq">Praxi</hi> bey<lb/>
allen Um&#x017F;ta&#x0364;nden dergleichen <hi rendition="#aq">Meditationes</hi> und <hi rendition="#aq">Ampli-<lb/>
ficationes</hi> &#x017F;etzen mu&#x0364;&#x017F;&#x017F;e. Keines weges: Denn &#x017F;olches<lb/>
wu&#x0364;rde bisweilen ziemlich alber und gezwungen her-<lb/>
aus kommen. Gegenwa&#x0364;rtige Arbeit i&#x017F;t nur zum Un-<lb/>
terricht abgefa&#x017F;&#x017F;et worden, daß man daraus die vorge-<lb/>
&#x017F;chlagene Manier de&#x017F;to deutlicher &#x017F;ehen ko&#x0364;nne. Her-<lb/>
nach wenn man dergleichen <hi rendition="#aq">Meditationes</hi> und <hi rendition="#aq">Ampli-<lb/>
ficationes</hi> anwendet, muß die <hi rendition="#aq">Elocution</hi> fein <hi rendition="#aq">argut</hi> ge-<lb/>
machet werden.</p>
        </div><lb/>
        <div n="2">
          <head> <hi rendition="#b">5. Wie kan man &#x017F;ich bey die&#x017F;er Art im Vor-<lb/>
trage verhalten?</hi> </head><lb/>
          <p>Es kan entweder der <hi rendition="#aq">Poëte</hi> &#x017F;elb&#x017F;t den Vortrag thun,<lb/>
oder er kan durch eine <hi rendition="#aq">Pro&#x017F;opop&#x0153;iam</hi> die <hi rendition="#aq">Fama,</hi> ein Land,<lb/>
eine Stadt, ein Haus, einen Fluß, einen Garten &#xA75B;c. re-<lb/>
dend einfu&#x0364;hren. Solcher ge&#x017F;talt ließ &#x017F;ichs gar wohl ho&#x0364;-<lb/>
ren, als <hi rendition="#aq">anno</hi> 1702. bey dem Begra&#x0364;bniß <hi rendition="#fr">Herr Guldens,</hi><lb/>
vornehmen Handelsmann zu Leipzig, de&#x017F;&#x017F;en Garten<lb/>
folgender ma&#x017F;&#x017F;en klagend eingefu&#x0364;hret ward:</p><lb/>
          <fw place="bottom" type="catch">Jch</fw><lb/>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[110/0114] Das V. Capitul 6.) Geehrt. 1.) Meditat. Manche Menſchen ſe- hen die Gelehrten nicht gerne uͤber die Achſeln an: Allein es finden ſich auch andere, auch wohl gar hohe Potentaten, welche ihre Qua- litaͤten zu æſtimiren und zu ehren wiſſen. 2.) Amplif. ab Exemplo: Kaͤyſer Au- guſtus reſpectirte die Poëten und Philoſophos gar hoch. Es dencke niemand, als ob man in der Praxi bey allen Umſtaͤnden dergleichen Meditationes und Ampli- ficationes ſetzen muͤſſe. Keines weges: Denn ſolches wuͤrde bisweilen ziemlich alber und gezwungen her- aus kommen. Gegenwaͤrtige Arbeit iſt nur zum Un- terricht abgefaſſet worden, daß man daraus die vorge- ſchlagene Manier deſto deutlicher ſehen koͤnne. Her- nach wenn man dergleichen Meditationes und Ampli- ficationes anwendet, muß die Elocution fein argut ge- machet werden. 5. Wie kan man ſich bey dieſer Art im Vor- trage verhalten? Es kan entweder der Poëte ſelbſt den Vortrag thun, oder er kan durch eine Proſopopœiam die Fama, ein Land, eine Stadt, ein Haus, einen Fluß, einen Garten ꝛc. re- dend einfuͤhren. Solcher geſtalt ließ ſichs gar wohl hoͤ- ren, als anno 1702. bey dem Begraͤbniß Herr Guldens, vornehmen Handelsmann zu Leipzig, deſſen Garten folgender maſſen klagend eingefuͤhret ward: Jch

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/uhse_poet_1719
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/uhse_poet_1719/114
Zitationshilfe: Uhse, Erdmann: Wohl-informirter Poët. 2. Aufl. Leipzig, 1719, S. 110. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/uhse_poet_1719/114>, abgerufen am 22.04.2021.