Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Varnhagen von Ense, Karl August: Denkwürdigkeiten und vermischte Schriften. Bd. 1. Mannheim, 1837.

Bild:
<< vorherige Seite

der fromm noch heißen vorm Schöpfer? Rein bleibt
kein Zweck, gilt uns für Mittel bloß das Heiligste.

4.
Angelus Silesius:

Ein wachendes Auge siehet.

Das Licht der Herrlichkeit scheint mitten in der Nacht;
Wer kann es sehn? Ein Herz, das Augen hat und wacht.
Eremita Parisiensis:

Lebensergebniß.

Beengt sei, oder noch so riesenhaft, des Menschen
Umblick; wie mag auf des Grundes Tiefe sich ihm be¬
währen zuletzt wohl jede Ansicht hienieden? Wie Rau¬
penhülle zwar, wie Seifenblase, wie Schattenbild nur!
Doch Licht und Leben unersättlich einsaugend, über¬
schwänglich zurückstrahlend, je wie unser Geist hinein¬
zulegen verstand mehr gediegene Wahrheitskörner; unser
Gefühl zu ärnten begehrte mehr unvergänglicher Freude.

5.
Angelus Silesius:

Des Weisen Adel.

Des Weisen Adel ist sein göttliches Gemüthe,
Sein tugendhafter Lauf, sein christliches Geblüte.
Eremita Parisiensis:

Gilt kein Heldenblut, gilt Heldensinn.

Wer überzählt die Gestalten, misset jeden Umriß,
ordnet jede Farbe, unter deren Zauberhülle das Edle,

der fromm noch heißen vorm Schoͤpfer? Rein bleibt
kein Zweck, gilt uns fuͤr Mittel bloß das Heiligſte.

4.
Angelus Sileſius:

Ein wachendes Auge ſiehet.

Das Licht der Herrlichkeit ſcheint mitten in der Nacht;
Wer kann es ſehn? Ein Herz, das Augen hat und wacht.
Eremita Pariſienſis:

Lebensergebniß.

Beengt ſei, oder noch ſo rieſenhaft, des Menſchen
Umblick; wie mag auf des Grundes Tiefe ſich ihm be¬
waͤhren zuletzt wohl jede Anſicht hienieden? Wie Rau¬
penhuͤlle zwar, wie Seifenblaſe, wie Schattenbild nur!
Doch Licht und Leben unerſaͤttlich einſaugend, uͤber¬
ſchwaͤnglich zuruͤckſtrahlend, je wie unſer Geiſt hinein¬
zulegen verſtand mehr gediegene Wahrheitskoͤrner; unſer
Gefuͤhl zu aͤrnten begehrte mehr unvergaͤnglicher Freude.

5.
Angelus Sileſius:

Des Weiſen Adel.

Des Weiſen Adel iſt ſein göttliches Gemüthe,
Sein tugendhafter Lauf, ſein chriſtliches Geblüte.
Eremita Pariſienſis:

Gilt kein Heldenblut, gilt Heldenſinn.

Wer uͤberzaͤhlt die Geſtalten, miſſet jeden Umriß,
ordnet jede Farbe, unter deren Zauberhuͤlle das Edle,

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <div n="4">
              <div n="5">
                <p><pb facs="#f0190" n="176"/>
der fromm noch heißen vorm Scho&#x0364;pfer? Rein bleibt<lb/>
kein Zweck, gilt uns fu&#x0364;r Mittel bloß das Heilig&#x017F;te.</p><lb/>
              </div>
            </div>
            <div n="4">
              <head> <hi rendition="#b">4.</hi><lb/>
              </head>
              <div n="5">
                <head> <hi rendition="#g">Angelus Sile&#x017F;ius:</hi><lb/>
                </head>
                <p> <hi rendition="#g">Ein wachendes Auge &#x017F;iehet.</hi> </p><lb/>
                <lg type="poem">
                  <l>Das Licht der Herrlichkeit &#x017F;cheint mitten in der Nacht;</l><lb/>
                  <l>Wer kann es &#x017F;ehn? Ein Herz, das Augen hat und wacht.</l><lb/>
                </lg>
              </div>
              <div n="5">
                <head> <hi rendition="#g">Eremita Pari&#x017F;ien&#x017F;is:</hi><lb/>
                </head>
                <p rendition="#c"> <hi rendition="#g">Lebensergebniß.</hi> </p><lb/>
                <p>Beengt &#x017F;ei, oder noch &#x017F;o rie&#x017F;enhaft, des Men&#x017F;chen<lb/>
Umblick; wie mag auf des Grundes Tiefe &#x017F;ich ihm be¬<lb/>
wa&#x0364;hren zuletzt wohl jede An&#x017F;icht hienieden? Wie Rau¬<lb/>
penhu&#x0364;lle zwar, wie Seifenbla&#x017F;e, wie Schattenbild nur!<lb/>
Doch Licht und Leben uner&#x017F;a&#x0364;ttlich ein&#x017F;augend, u&#x0364;ber¬<lb/>
&#x017F;chwa&#x0364;nglich zuru&#x0364;ck&#x017F;trahlend, je wie un&#x017F;er Gei&#x017F;t hinein¬<lb/>
zulegen ver&#x017F;tand mehr gediegene Wahrheitsko&#x0364;rner; un&#x017F;er<lb/>
Gefu&#x0364;hl zu a&#x0364;rnten begehrte mehr unverga&#x0364;nglicher Freude.</p><lb/>
              </div>
            </div>
            <div n="4">
              <head><hi rendition="#b">5</hi>.<lb/></head>
              <div n="5">
                <head> <hi rendition="#g">Angelus Sile&#x017F;ius:</hi><lb/>
                </head>
                <p rendition="#c"> <hi rendition="#g">Des Wei&#x017F;en Adel.</hi> </p><lb/>
                <lg type="poem">
                  <l>Des Wei&#x017F;en Adel i&#x017F;t &#x017F;ein göttliches Gemüthe,</l><lb/>
                  <l>Sein tugendhafter Lauf, &#x017F;ein chri&#x017F;tliches Geblüte.</l><lb/>
                </lg>
              </div>
              <div n="5">
                <head> <hi rendition="#g">Eremita Pari&#x017F;ien&#x017F;is:</hi><lb/>
                </head>
                <p> <hi rendition="#g">Gilt kein Heldenblut, gilt Helden&#x017F;inn.</hi> </p><lb/>
                <p>Wer u&#x0364;berza&#x0364;hlt die Ge&#x017F;talten, mi&#x017F;&#x017F;et jeden Umriß,<lb/>
ordnet jede Farbe, unter deren Zauberhu&#x0364;lle das Edle,<lb/></p>
              </div>
            </div>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[176/0190] der fromm noch heißen vorm Schoͤpfer? Rein bleibt kein Zweck, gilt uns fuͤr Mittel bloß das Heiligſte. 4. Angelus Sileſius: Ein wachendes Auge ſiehet. Das Licht der Herrlichkeit ſcheint mitten in der Nacht; Wer kann es ſehn? Ein Herz, das Augen hat und wacht. Eremita Pariſienſis: Lebensergebniß. Beengt ſei, oder noch ſo rieſenhaft, des Menſchen Umblick; wie mag auf des Grundes Tiefe ſich ihm be¬ waͤhren zuletzt wohl jede Anſicht hienieden? Wie Rau¬ penhuͤlle zwar, wie Seifenblaſe, wie Schattenbild nur! Doch Licht und Leben unerſaͤttlich einſaugend, uͤber¬ ſchwaͤnglich zuruͤckſtrahlend, je wie unſer Geiſt hinein¬ zulegen verſtand mehr gediegene Wahrheitskoͤrner; unſer Gefuͤhl zu aͤrnten begehrte mehr unvergaͤnglicher Freude. 5. Angelus Sileſius: Des Weiſen Adel. Des Weiſen Adel iſt ſein göttliches Gemüthe, Sein tugendhafter Lauf, ſein chriſtliches Geblüte. Eremita Pariſienſis: Gilt kein Heldenblut, gilt Heldenſinn. Wer uͤberzaͤhlt die Geſtalten, miſſet jeden Umriß, ordnet jede Farbe, unter deren Zauberhuͤlle das Edle,

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/varnhagen_denkwuerdigkeiten01_1837
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/varnhagen_denkwuerdigkeiten01_1837/190
Zitationshilfe: Varnhagen von Ense, Karl August: Denkwürdigkeiten und vermischte Schriften. Bd. 1. Mannheim, 1837, S. 176. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/varnhagen_denkwuerdigkeiten01_1837/190>, abgerufen am 11.04.2021.