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Varnhagen von Ense, Karl August: Denkwürdigkeiten und vermischte Schriften. Bd. 1. Mannheim, 1837.

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-- Klang für Erdenpilger es gar zu frech, hier
zerschmettern wie Himmelsfürst, um so frecher klingt's
wahrlich, dort schon allrichten wie Er! *

* Hugo in der "Schuld":
Seht ihr wohl, so ist der Mensch!
Drum, wenn Einer ist gefallen,
Mag der Andre weinen; aber
Nicht zu richten sich erkühnen.
8.
Angelus Silesius:

Zufall und Wesen.

Mensch, werde wesentlich! denn wann die Welt vergeht,
So fällt der Zufall weg, das Wesen, das besteht.
Eremita Parisiensis:

Tageslauf und ewiges Ziel.

Sinnlich erwacht und entschläft irdisches Einzelleben;
ja selbst im edelsten Nu geistiger Kraft bleibt's noch
sinnlich gemischt: doch auf hohem Zeitenmeere bildet
endlich auch der Menschheit Lebenslauf sich rein geistig;
stößt von sich das Vergängliche, das Ordnungswidrige,
das Unwahre; und Wahrheit allein, wirkt sie minder
gerecht wohl morgen als heut? Ist denn im Geschöpfe
sie nicht des Urwesens Athemzug?

II.
1. Wortlob und lebendiges.

"Des Alterthums unsterbliche Weisen und Helden,
o wie viel Großes haben sie thätlich uns gelehrt!"

12 *

— Klang fuͤr Erdenpilger es gar zu frech, hier
zerſchmettern wie Himmelsfuͤrſt, um ſo frecher klingt’s
wahrlich, dort ſchon allrichten wie Er! *

* Hugo in der „Schuld“:
Seht ihr wohl, ſo iſt der Menſch!
Drum, wenn Einer iſt gefallen,
Mag der Andre weinen; aber
Nicht zu richten ſich erkühnen.
8.
Angelus Sileſius:

Zufall und Weſen.

Menſch, werde weſentlich! denn wann die Welt vergeht,
So fällt der Zufall weg, das Weſen, das beſteht.
Eremita Pariſienſis:

Tageslauf und ewiges Ziel.

Sinnlich erwacht und entſchlaͤft irdiſches Einzelleben;
ja ſelbſt im edelſten Nu geiſtiger Kraft bleibt's noch
ſinnlich gemiſcht: doch auf hohem Zeitenmeere bildet
endlich auch der Menſchheit Lebenslauf ſich rein geiſtig;
ſtoͤßt von ſich das Vergaͤngliche, das Ordnungswidrige,
das Unwahre; und Wahrheit allein, wirkt ſie minder
gerecht wohl morgen als heut? Iſt denn im Geſchoͤpfe
ſie nicht des Urweſens Athemzug?

II.
1. Wortlob und lebendiges.

„Des Alterthums unſterbliche Weiſen und Helden,
o wie viel Großes haben ſie thaͤtlich uns gelehrt!“

12 *
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[179/0193] — Klang fuͤr Erdenpilger es gar zu frech, hier zerſchmettern wie Himmelsfuͤrſt, um ſo frecher klingt’s wahrlich, dort ſchon allrichten wie Er! * * Hugo in der „Schuld“: Seht ihr wohl, ſo iſt der Menſch! Drum, wenn Einer iſt gefallen, Mag der Andre weinen; aber Nicht zu richten ſich erkühnen. 8. Angelus Sileſius: Zufall und Weſen. Menſch, werde weſentlich! denn wann die Welt vergeht, So fällt der Zufall weg, das Weſen, das beſteht. Eremita Pariſienſis: Tageslauf und ewiges Ziel. Sinnlich erwacht und entſchlaͤft irdiſches Einzelleben; ja ſelbſt im edelſten Nu geiſtiger Kraft bleibt's noch ſinnlich gemiſcht: doch auf hohem Zeitenmeere bildet endlich auch der Menſchheit Lebenslauf ſich rein geiſtig; ſtoͤßt von ſich das Vergaͤngliche, das Ordnungswidrige, das Unwahre; und Wahrheit allein, wirkt ſie minder gerecht wohl morgen als heut? Iſt denn im Geſchoͤpfe ſie nicht des Urweſens Athemzug? II. 1. Wortlob und lebendiges. „Des Alterthums unſterbliche Weiſen und Helden, o wie viel Großes haben ſie thaͤtlich uns gelehrt!“ 12 *

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Zitationshilfe: Varnhagen von Ense, Karl August: Denkwürdigkeiten und vermischte Schriften. Bd. 1. Mannheim, 1837, S. 179. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/varnhagen_denkwuerdigkeiten01_1837/193>, abgerufen am 07.03.2021.