Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Varnhagen von Ense, Karl August: Denkwürdigkeiten und vermischte Schriften. Bd. 1. Mannheim, 1837.

Bild:
<< vorherige Seite

längere Erfahrungslauf eben gebeut, daß er in Sinn
und That wirklich sei.

Lächelnd sprach darauf das Mütterchen: Begegnen
sich nun meine Söhne und Enkel, in noch so weitem
Kreise, zum ämsigen Geschäft, zum frohen Genuß, ei,
so lieset auch der Jüngste sofort, im unverkennbar ab¬
gestuften Jahrschmuck aller Mitgesellen, was er an gei¬
stiger Bildung und Kraft sich von jedem Einzelnen
versprechen dürfe.

Doch für des Tages herrschende Empfindungsweise
schon von jener Altmähre sicherlich zu viel; und selbst
für den gutmüthigsten unserer bartscheuen Zeitgenossen
wenigstens genug. Denn Rückblicke dieser Art sind ja
in der feinen Welt nur geschmacklose, widersinnige Traum¬
gesichte, aus einer unerträglich rohen Vorzeit. Wer,
im klügsten der Jahrhunderte, glaubt noch an weise
Bedeutsamkeit einer angeblichen Naturzierde, die, kraft
altvererbter Sitte, niemand mehr aufzeigen darf! Wer
von unsern Geschmackpredigern erinnert und erfreuet sich
wohl noch der kunstsinnigen Vorsorge, die so bedachtsam
einst am männlichen Antlitz jenen stattlichen Schleier
zwar über den Sitz nahrungsgieriger Sinnlichkeit fallen
ließ, nur über keinen der beseelten Züge, wo im ent¬
wildeten Menschthiere Gefühl oder Gedanken zu lesen
sind!

Nein, statt solcher unfreundlichen Denkstreifereien
oder Empfindungsflüge durch Altvaterwelten, die außer¬

laͤngere Erfahrungslauf eben gebeut, daß er in Sinn
und That wirklich ſei.

Laͤchelnd ſprach darauf das Muͤtterchen: Begegnen
ſich nun meine Soͤhne und Enkel, in noch ſo weitem
Kreiſe, zum aͤmſigen Geſchaͤft, zum frohen Genuß, ei,
ſo lieſet auch der Juͤngſte ſofort, im unverkennbar ab¬
geſtuften Jahrſchmuck aller Mitgeſellen, was er an gei¬
ſtiger Bildung und Kraft ſich von jedem Einzelnen
verſprechen duͤrfe.

Doch fuͤr des Tages herrſchende Empfindungsweiſe
ſchon von jener Altmaͤhre ſicherlich zu viel; und ſelbſt
fuͤr den gutmuͤthigſten unſerer bartſcheuen Zeitgenoſſen
wenigſtens genug. Denn Ruͤckblicke dieſer Art ſind ja
in der feinen Welt nur geſchmackloſe, widerſinnige Traum¬
geſichte, aus einer unertraͤglich rohen Vorzeit. Wer,
im kluͤgſten der Jahrhunderte, glaubt noch an weiſe
Bedeutſamkeit einer angeblichen Naturzierde, die, kraft
altvererbter Sitte, niemand mehr aufzeigen darf! Wer
von unſern Geſchmackpredigern erinnert und erfreuet ſich
wohl noch der kunſtſinnigen Vorſorge, die ſo bedachtſam
einſt am maͤnnlichen Antlitz jenen ſtattlichen Schleier
zwar uͤber den Sitz nahrungsgieriger Sinnlichkeit fallen
ließ, nur uͤber keinen der beſeelten Zuͤge, wo im ent¬
wildeten Menſchthiere Gefuͤhl oder Gedanken zu leſen
ſind!

Nein, ſtatt ſolcher unfreundlichen Denkſtreifereien
oder Empfindungsfluͤge durch Altvaterwelten, die außer¬

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <p><pb facs="#f0202" n="188"/>
la&#x0364;ngere Erfahrungslauf eben gebeut, daß er in Sinn<lb/>
und That wirklich &#x017F;ei.</p><lb/>
            <p>La&#x0364;chelnd &#x017F;prach darauf das Mu&#x0364;tterchen: Begegnen<lb/>
&#x017F;ich nun meine So&#x0364;hne und Enkel, in noch &#x017F;o weitem<lb/>
Krei&#x017F;e, zum a&#x0364;m&#x017F;igen Ge&#x017F;cha&#x0364;ft, zum frohen Genuß, ei,<lb/>
&#x017F;o lie&#x017F;et auch der Ju&#x0364;ng&#x017F;te &#x017F;ofort, im unverkennbar ab¬<lb/>
ge&#x017F;tuften Jahr&#x017F;chmuck aller Mitge&#x017F;ellen, was er an gei¬<lb/>
&#x017F;tiger Bildung und Kraft &#x017F;ich von jedem Einzelnen<lb/>
ver&#x017F;prechen du&#x0364;rfe.</p><lb/>
            <p>Doch fu&#x0364;r des Tages herr&#x017F;chende Empfindungswei&#x017F;e<lb/>
&#x017F;chon von jener Altma&#x0364;hre &#x017F;icherlich zu viel; und &#x017F;elb&#x017F;t<lb/>
fu&#x0364;r den gutmu&#x0364;thig&#x017F;ten un&#x017F;erer bart&#x017F;cheuen Zeitgeno&#x017F;&#x017F;en<lb/>
wenig&#x017F;tens genug. Denn Ru&#x0364;ckblicke die&#x017F;er Art &#x017F;ind ja<lb/>
in der feinen Welt nur ge&#x017F;chmacklo&#x017F;e, wider&#x017F;innige Traum¬<lb/>
ge&#x017F;ichte, aus einer unertra&#x0364;glich rohen Vorzeit. Wer,<lb/>
im klu&#x0364;g&#x017F;ten der Jahrhunderte, glaubt noch an wei&#x017F;e<lb/>
Bedeut&#x017F;amkeit einer angeblichen Naturzierde, die, kraft<lb/>
altvererbter Sitte, niemand mehr aufzeigen darf! Wer<lb/>
von un&#x017F;ern Ge&#x017F;chmackpredigern erinnert und erfreuet &#x017F;ich<lb/>
wohl noch der kun&#x017F;t&#x017F;innigen Vor&#x017F;orge, die &#x017F;o bedacht&#x017F;am<lb/>
ein&#x017F;t am ma&#x0364;nnlichen Antlitz jenen &#x017F;tattlichen Schleier<lb/>
zwar u&#x0364;ber den Sitz nahrungsgieriger Sinnlichkeit fallen<lb/>
ließ, nur u&#x0364;ber keinen der be&#x017F;eelten Zu&#x0364;ge, wo im ent¬<lb/>
wildeten Men&#x017F;chthiere Gefu&#x0364;hl oder Gedanken zu le&#x017F;en<lb/>
&#x017F;ind!</p><lb/>
            <p>Nein, &#x017F;tatt &#x017F;olcher unfreundlichen Denk&#x017F;treifereien<lb/>
oder Empfindungsflu&#x0364;ge durch Altvaterwelten, die außer¬<lb/></p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[188/0202] laͤngere Erfahrungslauf eben gebeut, daß er in Sinn und That wirklich ſei. Laͤchelnd ſprach darauf das Muͤtterchen: Begegnen ſich nun meine Soͤhne und Enkel, in noch ſo weitem Kreiſe, zum aͤmſigen Geſchaͤft, zum frohen Genuß, ei, ſo lieſet auch der Juͤngſte ſofort, im unverkennbar ab¬ geſtuften Jahrſchmuck aller Mitgeſellen, was er an gei¬ ſtiger Bildung und Kraft ſich von jedem Einzelnen verſprechen duͤrfe. Doch fuͤr des Tages herrſchende Empfindungsweiſe ſchon von jener Altmaͤhre ſicherlich zu viel; und ſelbſt fuͤr den gutmuͤthigſten unſerer bartſcheuen Zeitgenoſſen wenigſtens genug. Denn Ruͤckblicke dieſer Art ſind ja in der feinen Welt nur geſchmackloſe, widerſinnige Traum¬ geſichte, aus einer unertraͤglich rohen Vorzeit. Wer, im kluͤgſten der Jahrhunderte, glaubt noch an weiſe Bedeutſamkeit einer angeblichen Naturzierde, die, kraft altvererbter Sitte, niemand mehr aufzeigen darf! Wer von unſern Geſchmackpredigern erinnert und erfreuet ſich wohl noch der kunſtſinnigen Vorſorge, die ſo bedachtſam einſt am maͤnnlichen Antlitz jenen ſtattlichen Schleier zwar uͤber den Sitz nahrungsgieriger Sinnlichkeit fallen ließ, nur uͤber keinen der beſeelten Zuͤge, wo im ent¬ wildeten Menſchthiere Gefuͤhl oder Gedanken zu leſen ſind! Nein, ſtatt ſolcher unfreundlichen Denkſtreifereien oder Empfindungsfluͤge durch Altvaterwelten, die außer¬

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/varnhagen_denkwuerdigkeiten01_1837
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/varnhagen_denkwuerdigkeiten01_1837/202
Zitationshilfe: Varnhagen von Ense, Karl August: Denkwürdigkeiten und vermischte Schriften. Bd. 1. Mannheim, 1837, S. 188. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/varnhagen_denkwuerdigkeiten01_1837/202>, abgerufen am 14.08.2022.