Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Varnhagen von Ense, Karl August: Denkwürdigkeiten und vermischte Schriften. Bd. 1. Mannheim, 1837.

Bild:
<< vorherige Seite

ziehend. Seine Ansichten, von eignen Gesichtspunkten
ausgehend und mit geistreicher Dialektik vorgetragen,
entfernten sich meist auffallend von den herrschenden
Tagesmeinungen, denen er selten beistimmte, und auch
dann nur aus Gründen, die fast ihm allein gehörten.
Wie oft er auch durch ungewöhnliche Kombinationen
überraschte, so fand man doch bei näherer Prüfung stets
einen festen Gedanken in ihm dafür zu Grunde liegen,
denn ein bloßes Spiel willkürlicher Verknüpfungen war
ihm verhaßt. Wenn er z. B. anmerkte, wie viele und
große Mühe sich die Menschen zu geben pflegen, nur
um nicht zu arbeiten, so wirkte die Sache selbst in ihm
den Witz, welchen das Wort hier ausdrückt. Von sei¬
nen Eigenheiten im Leben pflegte schon Schiller zu er¬
zählen; unter anderm, daß er in Nürnberg, als ihm
durch Erbschaft ein kleines Haus zugefallen, beim ersten
Hineintreten nichts Eiligeres zu thun gehabt, als gleich
in die Küche zu gehen und auf dem Heerde Feuer
anzuzünden, um durch diese Handlung recht eigentlich
sein Besitzergreifen auszudrücken. Mehr als alle Ge¬
lehrsamkeit und Bildung war ihm der schlichte gesunde
Menschenverstand lieb und werth; ihn auszubreiten und
aufzusuchen ermüdete er nie; daher suchte er seine Er¬
holung gern an solchen Orten, wo sich bei mäßigen
Abendgenüssen einfache Bürgersleute zusammenfanden,
deren zwanglose Unterhaltung nicht nur von ihm ge¬
wann, sondern auch ihm selbst manchen Gewinn treffen¬

ziehend. Seine Anſichten, von eignen Geſichtspunkten
ausgehend und mit geiſtreicher Dialektik vorgetragen,
entfernten ſich meiſt auffallend von den herrſchenden
Tagesmeinungen, denen er ſelten beiſtimmte, und auch
dann nur aus Gruͤnden, die faſt ihm allein gehoͤrten.
Wie oft er auch durch ungewoͤhnliche Kombinationen
uͤberraſchte, ſo fand man doch bei naͤherer Pruͤfung ſtets
einen feſten Gedanken in ihm dafuͤr zu Grunde liegen,
denn ein bloßes Spiel willkuͤrlicher Verknuͤpfungen war
ihm verhaßt. Wenn er z. B. anmerkte, wie viele und
große Muͤhe ſich die Menſchen zu geben pflegen, nur
um nicht zu arbeiten, ſo wirkte die Sache ſelbſt in ihm
den Witz, welchen das Wort hier ausdruͤckt. Von ſei¬
nen Eigenheiten im Leben pflegte ſchon Schiller zu er¬
zaͤhlen; unter anderm, daß er in Nuͤrnberg, als ihm
durch Erbſchaft ein kleines Haus zugefallen, beim erſten
Hineintreten nichts Eiligeres zu thun gehabt, als gleich
in die Kuͤche zu gehen und auf dem Heerde Feuer
anzuzuͤnden, um durch dieſe Handlung recht eigentlich
ſein Beſitzergreifen auszudruͤcken. Mehr als alle Ge¬
lehrſamkeit und Bildung war ihm der ſchlichte geſunde
Menſchenverſtand lieb und werth; ihn auszubreiten und
aufzuſuchen ermuͤdete er nie; daher ſuchte er ſeine Er¬
holung gern an ſolchen Orten, wo ſich bei maͤßigen
Abendgenuͤſſen einfache Buͤrgersleute zuſammenfanden,
deren zwangloſe Unterhaltung nicht nur von ihm ge¬
wann, ſondern auch ihm ſelbſt manchen Gewinn treffen¬

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <p><pb facs="#f0291" n="277"/>
ziehend. Seine An&#x017F;ichten, von eignen Ge&#x017F;ichtspunkten<lb/>
ausgehend und mit gei&#x017F;treicher Dialektik vorgetragen,<lb/>
entfernten &#x017F;ich mei&#x017F;t auffallend von den herr&#x017F;chenden<lb/>
Tagesmeinungen, denen er &#x017F;elten bei&#x017F;timmte, und auch<lb/>
dann nur aus Gru&#x0364;nden, die fa&#x017F;t ihm allein geho&#x0364;rten.<lb/>
Wie oft er auch durch ungewo&#x0364;hnliche Kombinationen<lb/>
u&#x0364;berra&#x017F;chte, &#x017F;o fand man doch bei na&#x0364;herer Pru&#x0364;fung &#x017F;tets<lb/>
einen fe&#x017F;ten Gedanken in ihm dafu&#x0364;r zu Grunde liegen,<lb/>
denn ein bloßes Spiel willku&#x0364;rlicher Verknu&#x0364;pfungen war<lb/>
ihm verhaßt. Wenn er z. B. anmerkte, wie viele und<lb/>
große Mu&#x0364;he &#x017F;ich die Men&#x017F;chen zu geben pflegen, nur<lb/>
um nicht zu arbeiten, &#x017F;o wirkte die Sache &#x017F;elb&#x017F;t in ihm<lb/>
den Witz, welchen das Wort hier ausdru&#x0364;ckt. Von &#x017F;ei¬<lb/>
nen Eigenheiten im Leben pflegte &#x017F;chon Schiller zu er¬<lb/>
za&#x0364;hlen; unter anderm, daß er in Nu&#x0364;rnberg, als ihm<lb/>
durch Erb&#x017F;chaft ein kleines Haus zugefallen, beim er&#x017F;ten<lb/>
Hineintreten nichts Eiligeres zu thun gehabt, als gleich<lb/>
in die Ku&#x0364;che zu gehen und auf dem Heerde Feuer<lb/>
anzuzu&#x0364;nden, um durch die&#x017F;e Handlung recht eigentlich<lb/>
&#x017F;ein Be&#x017F;itzergreifen auszudru&#x0364;cken. Mehr als alle Ge¬<lb/>
lehr&#x017F;amkeit und Bildung war ihm der &#x017F;chlichte ge&#x017F;unde<lb/>
Men&#x017F;chenver&#x017F;tand lieb und werth; ihn auszubreiten und<lb/>
aufzu&#x017F;uchen ermu&#x0364;dete er nie; daher &#x017F;uchte er &#x017F;eine Er¬<lb/>
holung gern an &#x017F;olchen Orten, wo &#x017F;ich bei ma&#x0364;ßigen<lb/>
Abendgenu&#x0364;&#x017F;&#x017F;en einfache Bu&#x0364;rgersleute zu&#x017F;ammenfanden,<lb/>
deren zwanglo&#x017F;e Unterhaltung nicht nur von ihm ge¬<lb/>
wann, &#x017F;ondern auch ihm &#x017F;elb&#x017F;t manchen Gewinn treffen¬<lb/></p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[277/0291] ziehend. Seine Anſichten, von eignen Geſichtspunkten ausgehend und mit geiſtreicher Dialektik vorgetragen, entfernten ſich meiſt auffallend von den herrſchenden Tagesmeinungen, denen er ſelten beiſtimmte, und auch dann nur aus Gruͤnden, die faſt ihm allein gehoͤrten. Wie oft er auch durch ungewoͤhnliche Kombinationen uͤberraſchte, ſo fand man doch bei naͤherer Pruͤfung ſtets einen feſten Gedanken in ihm dafuͤr zu Grunde liegen, denn ein bloßes Spiel willkuͤrlicher Verknuͤpfungen war ihm verhaßt. Wenn er z. B. anmerkte, wie viele und große Muͤhe ſich die Menſchen zu geben pflegen, nur um nicht zu arbeiten, ſo wirkte die Sache ſelbſt in ihm den Witz, welchen das Wort hier ausdruͤckt. Von ſei¬ nen Eigenheiten im Leben pflegte ſchon Schiller zu er¬ zaͤhlen; unter anderm, daß er in Nuͤrnberg, als ihm durch Erbſchaft ein kleines Haus zugefallen, beim erſten Hineintreten nichts Eiligeres zu thun gehabt, als gleich in die Kuͤche zu gehen und auf dem Heerde Feuer anzuzuͤnden, um durch dieſe Handlung recht eigentlich ſein Beſitzergreifen auszudruͤcken. Mehr als alle Ge¬ lehrſamkeit und Bildung war ihm der ſchlichte geſunde Menſchenverſtand lieb und werth; ihn auszubreiten und aufzuſuchen ermuͤdete er nie; daher ſuchte er ſeine Er¬ holung gern an ſolchen Orten, wo ſich bei maͤßigen Abendgenuͤſſen einfache Buͤrgersleute zuſammenfanden, deren zwangloſe Unterhaltung nicht nur von ihm ge¬ wann, ſondern auch ihm ſelbſt manchen Gewinn treffen¬

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/varnhagen_denkwuerdigkeiten01_1837
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/varnhagen_denkwuerdigkeiten01_1837/291
Zitationshilfe: Varnhagen von Ense, Karl August: Denkwürdigkeiten und vermischte Schriften. Bd. 1. Mannheim, 1837, S. 277. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/varnhagen_denkwuerdigkeiten01_1837/291>, abgerufen am 27.06.2022.