Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Varnhagen von Ense, Rahel: Rahel. Bd. 1. Berlin, 1834.

Bild:
<< vorherige Seite

spielt; viele sind nicht religiös, aber die es sind, beten und
singen auch nur in Gedanken, und amüsiren sich, hab' ich be-
merkt; wenn einer lustig wird, kniet er nieder und sieht das
erste beste Bild an, welche jeden Fleck bedecken; kurz, für je-
mand, der sich nicht wie wir amüsirt, ist nichts amüsanters
als die katholische Religion; die Nonnen sind tolerant und
sehr artig, sie ließen (nämlich die Äbtissin) viele Empfehlun-
gen an den Onkel machen, und invitirten mich wieder; also
wußten sie, wer ich bin. Unvermuthet hab' ich euch fast alles
über diesen Katholizismus gesagt; ich schreibe en courrier,
und glaube jeden Augenblick, man wird den Brief zur Post
wegnehmen. -- Ihr habt recht geschwinde Nachricht von mir.
Ich werde noch recht klug: und das Gebirge nun noch! Adieu.

R. L.


An M. Th. Robert, in Berlin.

Wenn Biest und Konsorten nicht wären, hätt' ich mich
gestern königlich amüsirt; ich bin ganz mit Breslau ausge-
söhnt, so hübsch find' ich die meisten Gebäude, denn die
Stadt wäre schön, wenn nicht manche Gebäude in den schö-
nen Straßen störten, und manche Straßen in der schönen
Stadt; die Gärten sind schön, die Menschen auf einem guten
Ton, alle diese Gärten und Plätze für's Publikum eingerich-
tet, diese Menschen zum Vergnügen gestimmt, und Equipagen
sicht man weit über die Proportion als bei uns, die alle
jagen, erstlich ist es Ton, zweitens haben sie einen Boden wie

ſpielt; viele ſind nicht religiös, aber die es ſind, beten und
ſingen auch nur in Gedanken, und amüſiren ſich, hab’ ich be-
merkt; wenn einer luſtig wird, kniet er nieder und ſieht das
erſte beſte Bild an, welche jeden Fleck bedecken; kurz, für je-
mand, der ſich nicht wie wir amüſirt, iſt nichts amüſanters
als die katholiſche Religion; die Nonnen ſind tolerant und
ſehr artig, ſie ließen (nämlich die Äbtiſſin) viele Empfehlun-
gen an den Onkel machen, und invitirten mich wieder; alſo
wußten ſie, wer ich bin. Unvermuthet hab’ ich euch faſt alles
über dieſen Katholizismus geſagt; ich ſchreibe en courrier,
und glaube jeden Augenblick, man wird den Brief zur Poſt
wegnehmen. — Ihr habt recht geſchwinde Nachricht von mir.
Ich werde noch recht klug: und das Gebirge nun noch! Adieu.

R. L.


An M. Th. Robert, in Berlin.

Wenn Bieſt und Konſorten nicht wären, hätt’ ich mich
geſtern königlich amüſirt; ich bin ganz mit Breslau ausge-
ſöhnt, ſo hübſch find’ ich die meiſten Gebäude, denn die
Stadt wäre ſchön, wenn nicht manche Gebäude in den ſchö-
nen Straßen ſtörten, und manche Straßen in der ſchönen
Stadt; die Gärten ſind ſchön, die Menſchen auf einem guten
Ton, alle dieſe Gärten und Plätze für’s Publikum eingerich-
tet, dieſe Menſchen zum Vergnügen geſtimmt, und Equipagen
ſicht man weit über die Proportion als bei uns, die alle
jagen, erſtlich iſt es Ton, zweitens haben ſie einen Boden wie

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0100" n="86"/>
&#x017F;pielt; viele &#x017F;ind nicht religiös, aber die es &#x017F;ind, beten und<lb/>
&#x017F;ingen auch nur in Gedanken, und amü&#x017F;iren &#x017F;ich, hab&#x2019; ich be-<lb/>
merkt; wenn einer lu&#x017F;tig wird, kniet er nieder und &#x017F;ieht das<lb/>
er&#x017F;te be&#x017F;te Bild an, welche jeden Fleck bedecken; kurz, für je-<lb/>
mand, der &#x017F;ich nicht <hi rendition="#g">wie wir</hi> amü&#x017F;irt, i&#x017F;t nichts amü&#x017F;anters<lb/>
als die katholi&#x017F;che Religion; die Nonnen &#x017F;ind tolerant und<lb/>
&#x017F;ehr artig, &#x017F;ie ließen (nämlich die Äbti&#x017F;&#x017F;in) viele Empfehlun-<lb/>
gen an den Onkel machen, und invitirten mich wieder; al&#x017F;o<lb/>
wußten &#x017F;ie, wer ich bin. Unvermuthet hab&#x2019; ich euch <hi rendition="#g">fa&#x017F;t</hi> alles<lb/>
über die&#x017F;en Katholizismus ge&#x017F;agt; ich &#x017F;chreibe <hi rendition="#aq">en courrier,</hi><lb/>
und glaube jeden Augenblick, man wird den Brief zur Po&#x017F;t<lb/>
wegnehmen. &#x2014; Ihr habt recht ge&#x017F;chwinde Nachricht von mir.<lb/>
Ich werde noch recht klug: und das Gebirge nun noch! Adieu.</p><lb/>
          <closer>
            <salute> <hi rendition="#et">R. L.</hi> </salute>
          </closer>
        </div><lb/>
        <milestone rendition="#hr" unit="section"/>
        <div n="2">
          <head>An M. Th. Robert, in Berlin.</head><lb/>
          <div n="3">
            <dateline> <hi rendition="#et">Breslau, den 11. Augu&#x017F;t 1794.</hi> </dateline><lb/>
            <p>Wenn Bie&#x017F;t und Kon&#x017F;orten nicht wären, hätt&#x2019; ich mich<lb/>
ge&#x017F;tern königlich amü&#x017F;irt; ich bin ganz mit Breslau ausge-<lb/>
&#x017F;öhnt, &#x017F;o hüb&#x017F;ch find&#x2019; ich die <hi rendition="#g">mei&#x017F;ten</hi> Gebäude, denn die<lb/>
Stadt wäre &#x017F;chön, wenn nicht manche Gebäude in den &#x017F;chö-<lb/>
nen Straßen &#x017F;törten, und manche Straßen in der &#x017F;chönen<lb/>
Stadt; die Gärten &#x017F;ind &#x017F;chön, die Men&#x017F;chen auf einem guten<lb/>
Ton, alle die&#x017F;e Gärten und Plätze für&#x2019;s Publikum eingerich-<lb/>
tet, die&#x017F;e Men&#x017F;chen zum Vergnügen ge&#x017F;timmt, und Equipagen<lb/>
&#x017F;icht man weit über die Proportion als bei uns, die <hi rendition="#g">alle</hi><lb/>
jagen, er&#x017F;tlich i&#x017F;t es Ton, zweitens haben &#x017F;ie einen Boden wie<lb/></p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[86/0100] ſpielt; viele ſind nicht religiös, aber die es ſind, beten und ſingen auch nur in Gedanken, und amüſiren ſich, hab’ ich be- merkt; wenn einer luſtig wird, kniet er nieder und ſieht das erſte beſte Bild an, welche jeden Fleck bedecken; kurz, für je- mand, der ſich nicht wie wir amüſirt, iſt nichts amüſanters als die katholiſche Religion; die Nonnen ſind tolerant und ſehr artig, ſie ließen (nämlich die Äbtiſſin) viele Empfehlun- gen an den Onkel machen, und invitirten mich wieder; alſo wußten ſie, wer ich bin. Unvermuthet hab’ ich euch faſt alles über dieſen Katholizismus geſagt; ich ſchreibe en courrier, und glaube jeden Augenblick, man wird den Brief zur Poſt wegnehmen. — Ihr habt recht geſchwinde Nachricht von mir. Ich werde noch recht klug: und das Gebirge nun noch! Adieu. R. L. An M. Th. Robert, in Berlin. Breslau, den 11. Auguſt 1794. Wenn Bieſt und Konſorten nicht wären, hätt’ ich mich geſtern königlich amüſirt; ich bin ganz mit Breslau ausge- ſöhnt, ſo hübſch find’ ich die meiſten Gebäude, denn die Stadt wäre ſchön, wenn nicht manche Gebäude in den ſchö- nen Straßen ſtörten, und manche Straßen in der ſchönen Stadt; die Gärten ſind ſchön, die Menſchen auf einem guten Ton, alle dieſe Gärten und Plätze für’s Publikum eingerich- tet, dieſe Menſchen zum Vergnügen geſtimmt, und Equipagen ſicht man weit über die Proportion als bei uns, die alle jagen, erſtlich iſt es Ton, zweitens haben ſie einen Boden wie

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/varnhagen_rahel01_1834
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/varnhagen_rahel01_1834/100
Zitationshilfe: Varnhagen von Ense, Rahel: Rahel. Bd. 1. Berlin, 1834, S. 86. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/varnhagen_rahel01_1834/100>, abgerufen am 01.03.2021.