Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Varnhagen von Ense, Rahel: Rahel. Bd. 1. Berlin, 1834.

Bild:
<< vorherige Seite

glaubt, es gehöre ihm, weil er Geld genug hat es zu kaufen,
und tugendhaft genug ist es nicht zu stehlen, weil er den Aus-
putz dran schätzt, es verdient, und weil er sich näher an der
Schüssel befindet, es klug zu machen glaubt, daß es ihm
präsentirt wird: freilich ist das nicht auszuhalten! ich kenne
es! Und wenn einem weiter nichts passirte, so müßte man
klug werden, und auf das System "vom Recht" kommen.
Lieben thun Sie aber; das sagte ich lang: das ist kein Un-
glück, daß Sie aber lieben können, ist eins: und was sagen
wir zu einem Unglück?! Daß aber die Heirath geschehen
wird, ist schrecklich !!! schrecklich; und, wie ich glaube, nur
zu gewiß. Denn es ist ja ganz unsinnig. Das mein' ich
im Ernst, und nicht aus Bosheit. Ist denn nicht der ärgste
Unsinn vernünftig angezogen, respektabel behandelt, und am
sichersten für uns andren Armen ausgeführt! Wir wollen aber
doch nicht tauschen, und uns mit uns freuen. Wie! sind
wir auch manchmal; und so werden wir sein, sobald ich wie-
derkomme. Lassen Sie sich immer meine Briefe mittheilen,
sie sind auch für Sie. Leben Sie wohl; vielleicht schreib' ich
morgen noch ein Wort. Meinen Beifall haben Ihre Verse.
Analog, man muß den deutschen Ramlers doch sagen, was
sie thun sollten.

Ihre
R. L.


An M. Th. Robert, in Berlin.

-- Der Onkel, der alles hervorsucht, um mich zu amüsiren,
und dessen Prinzip es ist, daß man alles sehen muß, schlug

glaubt, es gehöre ihm, weil er Geld genug hat es zu kaufen,
und tugendhaft genug iſt es nicht zu ſtehlen, weil er den Aus-
putz dran ſchätzt, es verdient, und weil er ſich näher an der
Schüſſel befindet, es klug zu machen glaubt, daß es ihm
präſentirt wird: freilich iſt das nicht auszuhalten! ich kenne
es! Und wenn einem weiter nichts paſſirte, ſo müßte man
klug werden, und auf das Syſtem „vom Recht“ kommen.
Lieben thun Sie aber; das ſagte ich lang: das iſt kein Un-
glück, daß Sie aber lieben können, iſt eins: und was ſagen
wir zu einem Unglück?! Daß aber die Heirath geſchehen
wird, iſt ſchrecklich !!! ſchrecklich; und, wie ich glaube, nur
zu gewiß. Denn es iſt ja ganz unſinnig. Das mein’ ich
im Ernſt, und nicht aus Bosheit. Iſt denn nicht der ärgſte
Unſinn vernünftig angezogen, reſpektabel behandelt, und am
ſicherſten für uns andren Armen ausgeführt! Wir wollen aber
doch nicht tauſchen, und uns mit uns freuen. Wie! ſind
wir auch manchmal; und ſo werden wir ſein, ſobald ich wie-
derkomme. Laſſen Sie ſich immer meine Briefe mittheilen,
ſie ſind auch für Sie. Leben Sie wohl; vielleicht ſchreib’ ich
morgen noch ein Wort. Meinen Beifall haben Ihre Verſe.
Analog, man muß den deutſchen Ramlers doch ſagen, was
ſie thun ſollten.

Ihre
R. L.


An M. Th. Robert, in Berlin.

— Der Onkel, der alles hervorſucht, um mich zu amüſiren,
und deſſen Prinzip es iſt, daß man alles ſehen muß, ſchlug

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0112" n="98"/>
glaubt, es gehöre ihm, weil er Geld genug hat es zu kaufen,<lb/>
und tugendhaft genug i&#x017F;t es nicht zu &#x017F;tehlen, weil er den Aus-<lb/>
putz dran &#x017F;chätzt, es verdient, und weil er &#x017F;ich näher an der<lb/>
Schü&#x017F;&#x017F;el befindet, es <hi rendition="#g">klug</hi> zu machen glaubt, daß es ihm<lb/>
prä&#x017F;entirt wird: freilich i&#x017F;t <hi rendition="#g">das</hi> nicht auszuhalten! ich kenne<lb/>
es! Und wenn einem weiter <hi rendition="#g">nichts</hi> pa&#x017F;&#x017F;irte, &#x017F;o müßte man<lb/>
klug werden, und auf das Sy&#x017F;tem &#x201E;vom Recht&#x201C; kommen.<lb/>
Lieben thun Sie aber; das &#x017F;agte ich lang: das i&#x017F;t kein Un-<lb/>
glück, daß Sie aber lieben <hi rendition="#g">können, i&#x017F;t</hi> eins: und was &#x017F;agen<lb/><hi rendition="#g">wir</hi> zu einem Unglück?! Daß aber die Heirath ge&#x017F;chehen<lb/>
wird, i&#x017F;t <hi rendition="#g">&#x017F;chrecklich !!!</hi> &#x017F;chrecklich; und, wie ich glaube, nur<lb/>
zu gewiß. <hi rendition="#g">Denn</hi> es i&#x017F;t ja <hi rendition="#g">ganz</hi> un&#x017F;innig. Das mein&#x2019; ich<lb/>
im Ern&#x017F;t, und nicht aus Bosheit. I&#x017F;t denn nicht der ärg&#x017F;te<lb/>
Un&#x017F;inn vernünftig angezogen, re&#x017F;pektabel behandelt, und am<lb/>
&#x017F;icher&#x017F;ten für uns andren Armen ausgeführt! Wir wollen aber<lb/><hi rendition="#g">doch</hi> nicht tau&#x017F;chen, und uns mit <hi rendition="#g">uns freuen. Wie!</hi> &#x017F;ind<lb/>
wir auch manchmal; und &#x017F;o werden wir &#x017F;ein, &#x017F;obald ich wie-<lb/>
derkomme. La&#x017F;&#x017F;en Sie &#x017F;ich <hi rendition="#g">immer</hi> meine Briefe mittheilen,<lb/>
&#x017F;ie &#x017F;ind auch für Sie. Leben Sie wohl; vielleicht &#x017F;chreib&#x2019; ich<lb/>
morgen noch ein Wort. <hi rendition="#g">Meinen</hi> Beifall haben Ihre Ver&#x017F;e.<lb/>
Analog, man muß den deut&#x017F;chen Ramlers doch &#x017F;agen, was<lb/>
&#x017F;ie thun &#x017F;ollten.</p>
          <closer>
            <salute>Ihre<lb/><hi rendition="#et">R. L.</hi></salute>
          </closer>
        </div><lb/>
        <milestone rendition="#hr" unit="section"/>
        <div n="2">
          <head>An M. Th. Robert, in Berlin.</head><lb/>
          <div n="3">
            <dateline> <hi rendition="#et">Breslau, den 27. Augu&#x017F;t.</hi> </dateline><lb/>
            <p>&#x2014; Der Onkel, der alles hervor&#x017F;ucht, um mich zu amü&#x017F;iren,<lb/>
und de&#x017F;&#x017F;en Prinzip es i&#x017F;t, daß man alles &#x017F;ehen muß, &#x017F;chlug<lb/></p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[98/0112] glaubt, es gehöre ihm, weil er Geld genug hat es zu kaufen, und tugendhaft genug iſt es nicht zu ſtehlen, weil er den Aus- putz dran ſchätzt, es verdient, und weil er ſich näher an der Schüſſel befindet, es klug zu machen glaubt, daß es ihm präſentirt wird: freilich iſt das nicht auszuhalten! ich kenne es! Und wenn einem weiter nichts paſſirte, ſo müßte man klug werden, und auf das Syſtem „vom Recht“ kommen. Lieben thun Sie aber; das ſagte ich lang: das iſt kein Un- glück, daß Sie aber lieben können, iſt eins: und was ſagen wir zu einem Unglück?! Daß aber die Heirath geſchehen wird, iſt ſchrecklich !!! ſchrecklich; und, wie ich glaube, nur zu gewiß. Denn es iſt ja ganz unſinnig. Das mein’ ich im Ernſt, und nicht aus Bosheit. Iſt denn nicht der ärgſte Unſinn vernünftig angezogen, reſpektabel behandelt, und am ſicherſten für uns andren Armen ausgeführt! Wir wollen aber doch nicht tauſchen, und uns mit uns freuen. Wie! ſind wir auch manchmal; und ſo werden wir ſein, ſobald ich wie- derkomme. Laſſen Sie ſich immer meine Briefe mittheilen, ſie ſind auch für Sie. Leben Sie wohl; vielleicht ſchreib’ ich morgen noch ein Wort. Meinen Beifall haben Ihre Verſe. Analog, man muß den deutſchen Ramlers doch ſagen, was ſie thun ſollten. Ihre R. L. An M. Th. Robert, in Berlin. Breslau, den 27. Auguſt. — Der Onkel, der alles hervorſucht, um mich zu amüſiren, und deſſen Prinzip es iſt, daß man alles ſehen muß, ſchlug

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/varnhagen_rahel01_1834
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/varnhagen_rahel01_1834/112
Zitationshilfe: Varnhagen von Ense, Rahel: Rahel. Bd. 1. Berlin, 1834, S. 98. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/varnhagen_rahel01_1834/112>, abgerufen am 01.03.2021.