Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Varnhagen von Ense, Rahel: Rahel. Bd. 1. Berlin, 1834.

Bild:
<< vorherige Seite
An David Veit, in Jena.

"Außer meinem Leben könnt Ihr mir nichts nehmen,
was mir gleichgültiger ist," antwortet Hamlet dem Olden-
holm, als der ihm sagt: "Ich will Abschied von Euch nehmen,
gnädigster Herr." So etwas ungefähr hab' ich Lust Ihnen
zu antworten, darauf daß Sie mein Urtheil Humboldten ge-
zeigt haben; denn auf nichts in der Welt hab' ich weniger
Anspruch zu machen, als auf ein litterarisches ("um dieses
armselige Wort beizubehalten," sagt Oldenholm zu seiner
Tochter, als sie ihm von Hamlet's Zuneigung sprach) gutes
oder rechtes Urtheil. Also nichts kann mir schmeichelhafter
sein, als wenn man ein solches von mir billigt, und auch
nichts gleichgültiger, als wenn man ein solches von mir zeigt.
Wenn ich aber dieses Zeigen für so wichtig, als Sie es tha-
ten, gehalten hätte, so würde ich's im Leben nicht gethan
haben, denn was in der Welt hätte von der andern Seite
den Kalkül richtig machen können, wenn Sie bei mir wirklich
so viel verloren hätten, als sie sich einbilderisch vorstellten?
Mein Urtheil "war so richtig und gründlich, daß es so viel
Würdige als möglich wissen mußten," gut! aber so erforder-
lich scheint mir das doch nicht, um so viel auf's Spiel zu
setzen. Sie haben aber auch gewiß dabei gewußt, wie ich's
nehmen kann; und darum nur thaten Sie's. Genug davon:
denn ich finde, man kann mit einem Briefe, worin ein Urtheil
über ein Kunstwerk steht, machen was man will; und alles

An David Veit, in Jena.

„Außer meinem Leben könnt Ihr mir nichts nehmen,
was mir gleichgültiger iſt,“ antwortet Hamlet dem Olden-
holm, als der ihm ſagt: „Ich will Abſchied von Euch nehmen,
gnädigſter Herr.“ So etwas ungefähr hab’ ich Luſt Ihnen
zu antworten, darauf daß Sie mein Urtheil Humboldten ge-
zeigt haben; denn auf nichts in der Welt hab’ ich weniger
Anſpruch zu machen, als auf ein litterariſches („um dieſes
armſelige Wort beizubehalten,“ ſagt Oldenholm zu ſeiner
Tochter, als ſie ihm von Hamlet’s Zuneigung ſprach) gutes
oder rechtes Urtheil. Alſo nichts kann mir ſchmeichelhafter
ſein, als wenn man ein ſolches von mir billigt, und auch
nichts gleichgültiger, als wenn man ein ſolches von mir zeigt.
Wenn ich aber dieſes Zeigen für ſo wichtig, als Sie es tha-
ten, gehalten hätte, ſo würde ich’s im Leben nicht gethan
haben, denn was in der Welt hätte von der andern Seite
den Kalkül richtig machen können, wenn Sie bei mir wirklich
ſo viel verloren hätten, als ſie ſich einbilderiſch vorſtellten?
Mein Urtheil „war ſo richtig und gründlich, daß es ſo viel
Würdige als möglich wiſſen mußten,“ gut! aber ſo erforder-
lich ſcheint mir das doch nicht, um ſo viel auf’s Spiel zu
ſetzen. Sie haben aber auch gewiß dabei gewußt, wie ich’s
nehmen kann; und darum nur thaten Sie’s. Genug davon:
denn ich finde, man kann mit einem Briefe, worin ein Urtheil
über ein Kunſtwerk ſteht, machen was man will; und alles

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <pb facs="#f0131" n="117"/>
        <div n="2">
          <head>An David Veit, in Jena.</head><lb/>
          <div n="3">
            <dateline> <hi rendition="#et">Berlin, den 10. December 1794.</hi> </dateline><lb/>
            <p>&#x201E;Außer meinem Leben könnt Ihr mir nichts nehmen,<lb/>
was mir gleichgültiger i&#x017F;t,&#x201C; antwortet Hamlet dem Olden-<lb/>
holm, als der ihm &#x017F;agt: &#x201E;Ich will Ab&#x017F;chied von Euch nehmen,<lb/>
gnädig&#x017F;ter Herr.&#x201C; So etwas ungefähr hab&#x2019; ich Lu&#x017F;t Ihnen<lb/>
zu antworten, darauf daß Sie mein Urtheil Humboldten ge-<lb/>
zeigt haben; denn auf nichts in der Welt hab&#x2019; ich weniger<lb/>
An&#x017F;pruch zu machen, als auf ein litterari&#x017F;ches (&#x201E;um die&#x017F;es<lb/>
arm&#x017F;elige Wort beizubehalten,&#x201C; &#x017F;agt Oldenholm zu &#x017F;einer<lb/>
Tochter, als &#x017F;ie ihm von Hamlet&#x2019;s <hi rendition="#g">Zuneigung</hi> &#x017F;prach) gutes<lb/>
oder rechtes Urtheil. Al&#x017F;o nichts kann mir &#x017F;chmeichelhafter<lb/>
&#x017F;ein, als wenn man ein &#x017F;olches von mir billigt, und auch<lb/>
nichts gleichgültiger, als wenn man ein &#x017F;olches von mir zeigt.<lb/>
Wenn ich aber die&#x017F;es Zeigen für &#x017F;o wichtig, als Sie es tha-<lb/>
ten, gehalten hätte, &#x017F;o würde ich&#x2019;s im Leben nicht gethan<lb/>
haben, denn was in der Welt hätte von der andern Seite<lb/>
den Kalkül richtig machen können, wenn Sie bei mir wirklich<lb/>
&#x017F;o viel verloren hätten, als &#x017F;ie &#x017F;ich einbilderi&#x017F;ch vor&#x017F;tellten?<lb/>
Mein Urtheil &#x201E;war &#x017F;o richtig und gründlich, daß es &#x017F;o viel<lb/>
Würdige als möglich wi&#x017F;&#x017F;en mußten,&#x201C; gut! aber <hi rendition="#g">&#x017F;o</hi> erforder-<lb/>
lich &#x017F;cheint mir das doch nicht, um &#x017F;o viel auf&#x2019;s Spiel zu<lb/>
&#x017F;etzen. Sie haben aber auch gewiß dabei gewußt, wie ich&#x2019;s<lb/>
nehmen kann; und darum nur thaten Sie&#x2019;s. Genug davon:<lb/>
denn ich finde, man kann mit einem Briefe, worin ein Urtheil<lb/>
über ein Kun&#x017F;twerk &#x017F;teht, machen was man will; und alles<lb/></p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[117/0131] An David Veit, in Jena. Berlin, den 10. December 1794. „Außer meinem Leben könnt Ihr mir nichts nehmen, was mir gleichgültiger iſt,“ antwortet Hamlet dem Olden- holm, als der ihm ſagt: „Ich will Abſchied von Euch nehmen, gnädigſter Herr.“ So etwas ungefähr hab’ ich Luſt Ihnen zu antworten, darauf daß Sie mein Urtheil Humboldten ge- zeigt haben; denn auf nichts in der Welt hab’ ich weniger Anſpruch zu machen, als auf ein litterariſches („um dieſes armſelige Wort beizubehalten,“ ſagt Oldenholm zu ſeiner Tochter, als ſie ihm von Hamlet’s Zuneigung ſprach) gutes oder rechtes Urtheil. Alſo nichts kann mir ſchmeichelhafter ſein, als wenn man ein ſolches von mir billigt, und auch nichts gleichgültiger, als wenn man ein ſolches von mir zeigt. Wenn ich aber dieſes Zeigen für ſo wichtig, als Sie es tha- ten, gehalten hätte, ſo würde ich’s im Leben nicht gethan haben, denn was in der Welt hätte von der andern Seite den Kalkül richtig machen können, wenn Sie bei mir wirklich ſo viel verloren hätten, als ſie ſich einbilderiſch vorſtellten? Mein Urtheil „war ſo richtig und gründlich, daß es ſo viel Würdige als möglich wiſſen mußten,“ gut! aber ſo erforder- lich ſcheint mir das doch nicht, um ſo viel auf’s Spiel zu ſetzen. Sie haben aber auch gewiß dabei gewußt, wie ich’s nehmen kann; und darum nur thaten Sie’s. Genug davon: denn ich finde, man kann mit einem Briefe, worin ein Urtheil über ein Kunſtwerk ſteht, machen was man will; und alles

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/varnhagen_rahel01_1834
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/varnhagen_rahel01_1834/131
Zitationshilfe: Varnhagen von Ense, Rahel: Rahel. Bd. 1. Berlin, 1834, S. 117. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/varnhagen_rahel01_1834/131>, abgerufen am 04.03.2021.