Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Varnhagen von Ense, Rahel: Rahel. Bd. 1. Berlin, 1834.

Bild:
<< vorherige Seite

diesen aufzulösen. Ob wir damit zufrieden sein wollen, wissen
wir nicht: denn das ist unsere Gränze, und es geschieht nur
mit halbem Bewußtsein, wenn wir unzufrieden sind; sind
wir ohne Bewußtsein zufrieden, so ist das religiös; sind
wir's mit Bewußtsein nach dem Nachdenken, so würd' ich's
fromm nennen.



An Rose, in Berlin.

Es ist mir lieb, daß Lemos glücklich wird. Es ist doch
der Berliner? Ich sah gar kein Ende für ihn ab. Das sollte
ich aber öfter thun; dann käme manches Ende mehr! -- Die
Mutter spricht wohl mehr davon, als daß sie eigentlich glück-
lich ist. Sag' ihr doch ein Wort der Gratulation von mir.
Sage auch Mamaen, ich hätte Hans eine Liste der vorzuneh-
menden Reparaturen auf meinem Dachquartier geschickt, die
möchte sie doch die Gnade haben zu beherzigen. Hans selbst
sage, ich ließe sie bitten, den Kindern die Haare mit huile
antique
zu bestreichen; man thut dies mit einem kleinen Pin-
sel sehr bequem. Besonders Hanne ihre; damit sie ohne steif
und kraus machendes Wasser rein werden und bleiben; Fanny
ihre sind noch die schönen, feinen, lockigen Erstlinge. Ich
schicke ihr bei der ersten Gelegenheit neues Öl: das sag' ich
nicht aus Gemeinheit; aber weil ich just von Öl spreche. Sag'
ihr auch: sie würde mich unendlich verbinden! Fanny nicht
vor meiner Zurückkunst in die Schule zu schicken. Sie ist noch
so lieblich und jung! ich möchte sie gerne noch ganz kinderich

dieſen aufzulöſen. Ob wir damit zufrieden ſein wollen, wiſſen
wir nicht: denn das iſt unſere Gränze, und es geſchieht nur
mit halbem Bewußtſein, wenn wir unzufrieden ſind; ſind
wir ohne Bewußtſein zufrieden, ſo iſt das religiös; ſind
wir’s mit Bewußtſein nach dem Nachdenken, ſo würd’ ich’s
fromm nennen.



An Roſe, in Berlin.

Es iſt mir lieb, daß Lemos glücklich wird. Es iſt doch
der Berliner? Ich ſah gar kein Ende für ihn ab. Das ſollte
ich aber öfter thun; dann käme manches Ende mehr! — Die
Mutter ſpricht wohl mehr davon, als daß ſie eigentlich glück-
lich iſt. Sag’ ihr doch ein Wort der Gratulation von mir.
Sage auch Mamaen, ich hätte Hans eine Liſte der vorzuneh-
menden Reparaturen auf meinem Dachquartier geſchickt, die
möchte ſie doch die Gnade haben zu beherzigen. Hans ſelbſt
ſage, ich ließe ſie bitten, den Kindern die Haare mit huile
antique
zu beſtreichen; man thut dies mit einem kleinen Pin-
ſel ſehr bequem. Beſonders Hanne ihre; damit ſie ohne ſteif
und kraus machendes Waſſer rein werden und bleiben; Fanny
ihre ſind noch die ſchönen, feinen, lockigen Erſtlinge. Ich
ſchicke ihr bei der erſten Gelegenheit neues Öl: das ſag’ ich
nicht aus Gemeinheit; aber weil ich juſt von Öl ſpreche. Sag’
ihr auch: ſie würde mich unendlich verbinden! Fanny nicht
vor meiner Zurückkunſt in die Schule zu ſchicken. Sie iſt noch
ſo lieblich und jung! ich möchte ſie gerne noch ganz kinderich

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <p><pb facs="#f0242" n="228"/>
die&#x017F;en aufzulö&#x017F;en. Ob wir damit zufrieden &#x017F;ein wollen, wi&#x017F;&#x017F;en<lb/>
wir nicht: denn das i&#x017F;t un&#x017F;ere Gränze, und es ge&#x017F;chieht nur<lb/>
mit halbem Bewußt&#x017F;ein, wenn wir unzufrieden &#x017F;ind; &#x017F;ind<lb/>
wir ohne Bewußt&#x017F;ein zufrieden, &#x017F;o i&#x017F;t das religiös; &#x017F;ind<lb/>
wir&#x2019;s mit Bewußt&#x017F;ein nach dem Nachdenken, &#x017F;o würd&#x2019; ich&#x2019;s<lb/>
fromm nennen.</p>
          </div>
        </div><lb/>
        <milestone rendition="#hr" unit="section"/>
        <div n="2">
          <head>An Ro&#x017F;e, in Berlin.</head><lb/>
          <div n="3">
            <dateline> <hi rendition="#et">Paris, den 19. Januar 1801. Abends um 11 Uhr.</hi> </dateline><lb/>
            <p>Es i&#x017F;t mir lieb, daß Lemos glücklich wird. Es i&#x017F;t doch<lb/>
der Berliner? Ich &#x017F;ah gar kein Ende für ihn ab. Das &#x017F;ollte<lb/>
ich aber öfter thun; dann käme manches Ende mehr! &#x2014; Die<lb/>
Mutter &#x017F;pricht wohl mehr davon, als daß &#x017F;ie eigentlich glück-<lb/>
lich i&#x017F;t. Sag&#x2019; ihr doch ein Wort der Gratulation von mir.<lb/>
Sage auch Mamaen, ich hätte Hans eine Li&#x017F;te der vorzuneh-<lb/>
menden Reparaturen auf meinem Dachquartier ge&#x017F;chickt, die<lb/>
möchte &#x017F;ie doch die Gnade haben zu beherzigen. Hans &#x017F;elb&#x017F;t<lb/>
&#x017F;age, ich ließe &#x017F;ie bitten, den Kindern die Haare mit <hi rendition="#aq">huile<lb/>
antique</hi> zu be&#x017F;treichen; man thut dies mit einem kleinen Pin-<lb/>
&#x017F;el &#x017F;ehr bequem. Be&#x017F;onders Hanne ihre; damit &#x017F;ie ohne &#x017F;teif<lb/>
und kraus machendes Wa&#x017F;&#x017F;er rein werden und bleiben; Fanny<lb/>
ihre &#x017F;ind noch die &#x017F;chönen, feinen, lockigen Er&#x017F;tlinge. Ich<lb/>
&#x017F;chicke ihr bei der er&#x017F;ten Gelegenheit neues Öl: das &#x017F;ag&#x2019; ich<lb/>
nicht aus Gemeinheit; aber weil ich ju&#x017F;t von Öl &#x017F;preche. Sag&#x2019;<lb/>
ihr auch: &#x017F;ie würde mich <hi rendition="#g">unendlich</hi> verbinden! Fanny nicht<lb/>
vor meiner Zurückkun&#x017F;t in die Schule zu &#x017F;chicken. Sie i&#x017F;t noch<lb/>
&#x017F;o lieblich und jung! ich möchte &#x017F;ie gerne noch <hi rendition="#g">ganz</hi> kinderich<lb/></p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[228/0242] dieſen aufzulöſen. Ob wir damit zufrieden ſein wollen, wiſſen wir nicht: denn das iſt unſere Gränze, und es geſchieht nur mit halbem Bewußtſein, wenn wir unzufrieden ſind; ſind wir ohne Bewußtſein zufrieden, ſo iſt das religiös; ſind wir’s mit Bewußtſein nach dem Nachdenken, ſo würd’ ich’s fromm nennen. An Roſe, in Berlin. Paris, den 19. Januar 1801. Abends um 11 Uhr. Es iſt mir lieb, daß Lemos glücklich wird. Es iſt doch der Berliner? Ich ſah gar kein Ende für ihn ab. Das ſollte ich aber öfter thun; dann käme manches Ende mehr! — Die Mutter ſpricht wohl mehr davon, als daß ſie eigentlich glück- lich iſt. Sag’ ihr doch ein Wort der Gratulation von mir. Sage auch Mamaen, ich hätte Hans eine Liſte der vorzuneh- menden Reparaturen auf meinem Dachquartier geſchickt, die möchte ſie doch die Gnade haben zu beherzigen. Hans ſelbſt ſage, ich ließe ſie bitten, den Kindern die Haare mit huile antique zu beſtreichen; man thut dies mit einem kleinen Pin- ſel ſehr bequem. Beſonders Hanne ihre; damit ſie ohne ſteif und kraus machendes Waſſer rein werden und bleiben; Fanny ihre ſind noch die ſchönen, feinen, lockigen Erſtlinge. Ich ſchicke ihr bei der erſten Gelegenheit neues Öl: das ſag’ ich nicht aus Gemeinheit; aber weil ich juſt von Öl ſpreche. Sag’ ihr auch: ſie würde mich unendlich verbinden! Fanny nicht vor meiner Zurückkunſt in die Schule zu ſchicken. Sie iſt noch ſo lieblich und jung! ich möchte ſie gerne noch ganz kinderich

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/varnhagen_rahel01_1834
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/varnhagen_rahel01_1834/242
Zitationshilfe: Varnhagen von Ense, Rahel: Rahel. Bd. 1. Berlin, 1834, S. 228. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/varnhagen_rahel01_1834/242>, abgerufen am 26.02.2021.