Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Varnhagen von Ense, Rahel: Rahel. Bd. 1. Berlin, 1834.

Bild:
<< vorherige Seite
An David Veit, in Hamburg.


Veit, das ist nicht wahr! aber Sie irren sich bloß. Als
ich noch in Berlin war, konnt' ich mir, und hatte ich mir
schon ausgerechnet, wenn du in Paris bist, schreibst du Veit;
und was ist natürlicher oder vielmehr gewöhnlicher, als daß
ich's doch nicht that. (Die gewöhnliche Faulheit und Nach-
lässigkeit ist's doch nicht.) Aber seitdem ich alle Tage, auf
Wiesen, in Feld und Zimmern, beständig, und wie ich mag,
von Ihnen spreche, wäre es sündlich, mein Freund, nicht
auch zu Ihnen zu sprechen; und alle diese herzlichen (herz-
liche treue Meinung, sagt Goethe) Gedanken, wie Götterdank,
bloß im Herzen zu behalten, oder so umsonst auffliegen zu
lassen. Daß man Liebe zu Schüssen und Wunden vergleicht,
ist einfacher, als man denkt; man fühlt sie bloß, das ist ihr
Wesen; und da bleibt einem denn nichts, als das Vergleichen.
So hat Bokelmann meine ganze Liebe zu Ihnen aufgeregt:
und ich fühle sie wirklich wie einen alten Schaden; wie ich
mir Wunden mit verhaltenen Kugeln denken muß, und wie
ich wirklich oft alte Krankheiten erregt fühle. Glauben Sie
denn
, daß irgend etwas Wichtiges, Gescheidtes, Gutes, so
vor mir vorüber gehen kann, wie bei andern Leuten -- wie
Wolken über dem Wasser, wäre zu hübsch gewesen, um es
hier anzuwenden. -- Unmöglich! das ist mein einziger
Werth
, durch den ich mich als ich erkenne, und von Andern
unterscheide. Das thun Sie auch! Ich bitte Sie, trauen Sie
mir ganz; Sie verlören sonst zu viel dabei! Eins sein Sie

An David Veit, in Hamburg.


Veit, das iſt nicht wahr! aber Sie irren ſich bloß. Als
ich noch in Berlin war, konnt’ ich mir, und hatte ich mir
ſchon ausgerechnet, wenn du in Paris biſt, ſchreibſt du Veit;
und was iſt natürlicher oder vielmehr gewöhnlicher, als daß
ich’s doch nicht that. (Die gewöhnliche Faulheit und Nach-
läſſigkeit iſt’s doch nicht.) Aber ſeitdem ich alle Tage, auf
Wieſen, in Feld und Zimmern, beſtändig, und wie ich mag,
von Ihnen ſpreche, wäre es ſündlich, mein Freund, nicht
auch zu Ihnen zu ſprechen; und alle dieſe herzlichen (herz-
liche treue Meinung, ſagt Goethe) Gedanken, wie Götterdank,
bloß im Herzen zu behalten, oder ſo umſonſt auffliegen zu
laſſen. Daß man Liebe zu Schüſſen und Wunden vergleicht,
iſt einfacher, als man denkt; man fühlt ſie bloß, das iſt ihr
Weſen; und da bleibt einem denn nichts, als das Vergleichen.
So hat Bokelmann meine ganze Liebe zu Ihnen aufgeregt:
und ich fühle ſie wirklich wie einen alten Schaden; wie ich
mir Wunden mit verhaltenen Kugeln denken muß, und wie
ich wirklich oft alte Krankheiten erregt fühle. Glauben Sie
denn
, daß irgend etwas Wichtiges, Geſcheidtes, Gutes, ſo
vor mir vorüber gehen kann, wie bei andern Leuten — wie
Wolken über dem Waſſer, wäre zu hübſch geweſen, um es
hier anzuwenden. — Unmöglich! das iſt mein einziger
Werth
, durch den ich mich als ich erkenne, und von Andern
unterſcheide. Das thun Sie auch! Ich bitte Sie, trauen Sie
mir ganz; Sie verlören ſonſt zu viel dabei! Eins ſein Sie

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <pb facs="#f0252" n="238"/>
        <div n="2">
          <head>An David Veit, in Hamburg.</head><lb/>
          <dateline> <hi rendition="#et">Paris, den 2. April 1801.</hi> </dateline><lb/>
          <p>Veit, das i&#x017F;t nicht wahr! aber Sie irren &#x017F;ich bloß. Als<lb/>
ich noch in Berlin war, konnt&#x2019; ich mir, und hatte ich mir<lb/>
&#x017F;chon ausgerechnet, wenn du in Paris bi&#x017F;t, &#x017F;chreib&#x017F;t du Veit;<lb/>
und was i&#x017F;t natürlicher oder vielmehr gewöhnlicher, als daß<lb/>
ich&#x2019;s doch nicht that. (Die gewöhnliche Faulheit und Nach-<lb/>&#x017F;&#x017F;igkeit i&#x017F;t&#x2019;s doch nicht.) Aber &#x017F;eitdem ich alle Tage, auf<lb/>
Wie&#x017F;en, in Feld und Zimmern, be&#x017F;tändig, und wie ich mag,<lb/><hi rendition="#g">von</hi> Ihnen &#x017F;preche, wäre es &#x017F;ündlich, mein Freund, nicht<lb/>
auch <hi rendition="#g">zu</hi> Ihnen zu &#x017F;prechen; und alle die&#x017F;e herzlichen (herz-<lb/>
liche treue Meinung, &#x017F;agt Goethe) Gedanken, wie Götterdank,<lb/>
bloß im Herzen zu behalten, oder &#x017F;o um&#x017F;on&#x017F;t auffliegen zu<lb/>
la&#x017F;&#x017F;en. Daß man Liebe zu Schü&#x017F;&#x017F;en und Wunden vergleicht,<lb/>
i&#x017F;t einfacher, als man denkt; man fühlt &#x017F;ie bloß, das i&#x017F;t ihr<lb/>
We&#x017F;en; und da bleibt einem denn nichts, als das Vergleichen.<lb/>
So hat Bokelmann meine ganze Liebe zu Ihnen aufgeregt:<lb/>
und ich fühle &#x017F;ie wirklich wie einen alten Schaden; wie ich<lb/>
mir Wunden mit verhaltenen Kugeln denken muß, und wie<lb/>
ich wirklich oft alte Krankheiten erregt fühle. <hi rendition="#g">Glauben Sie<lb/>
denn</hi>, daß irgend etwas Wichtiges, Ge&#x017F;cheidtes, Gutes, &#x017F;o<lb/>
vor mir vorüber gehen kann, wie bei andern Leuten &#x2014; wie<lb/>
Wolken über dem Wa&#x017F;&#x017F;er, wäre zu hüb&#x017F;ch gewe&#x017F;en, um es<lb/>
hier anzuwenden. &#x2014; Unmöglich! das i&#x017F;t mein <hi rendition="#g">einziger<lb/>
Werth</hi>, durch den ich mich als ich erkenne, und von Andern<lb/>
unter&#x017F;cheide. Das thun Sie auch! Ich bitte Sie, trauen Sie<lb/>
mir ganz; Sie verlören &#x017F;on&#x017F;t zu viel dabei! Eins &#x017F;ein Sie<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[238/0252] An David Veit, in Hamburg. Paris, den 2. April 1801. Veit, das iſt nicht wahr! aber Sie irren ſich bloß. Als ich noch in Berlin war, konnt’ ich mir, und hatte ich mir ſchon ausgerechnet, wenn du in Paris biſt, ſchreibſt du Veit; und was iſt natürlicher oder vielmehr gewöhnlicher, als daß ich’s doch nicht that. (Die gewöhnliche Faulheit und Nach- läſſigkeit iſt’s doch nicht.) Aber ſeitdem ich alle Tage, auf Wieſen, in Feld und Zimmern, beſtändig, und wie ich mag, von Ihnen ſpreche, wäre es ſündlich, mein Freund, nicht auch zu Ihnen zu ſprechen; und alle dieſe herzlichen (herz- liche treue Meinung, ſagt Goethe) Gedanken, wie Götterdank, bloß im Herzen zu behalten, oder ſo umſonſt auffliegen zu laſſen. Daß man Liebe zu Schüſſen und Wunden vergleicht, iſt einfacher, als man denkt; man fühlt ſie bloß, das iſt ihr Weſen; und da bleibt einem denn nichts, als das Vergleichen. So hat Bokelmann meine ganze Liebe zu Ihnen aufgeregt: und ich fühle ſie wirklich wie einen alten Schaden; wie ich mir Wunden mit verhaltenen Kugeln denken muß, und wie ich wirklich oft alte Krankheiten erregt fühle. Glauben Sie denn, daß irgend etwas Wichtiges, Geſcheidtes, Gutes, ſo vor mir vorüber gehen kann, wie bei andern Leuten — wie Wolken über dem Waſſer, wäre zu hübſch geweſen, um es hier anzuwenden. — Unmöglich! das iſt mein einziger Werth, durch den ich mich als ich erkenne, und von Andern unterſcheide. Das thun Sie auch! Ich bitte Sie, trauen Sie mir ganz; Sie verlören ſonſt zu viel dabei! Eins ſein Sie

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/varnhagen_rahel01_1834
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/varnhagen_rahel01_1834/252
Zitationshilfe: Varnhagen von Ense, Rahel: Rahel. Bd. 1. Berlin, 1834, S. 238. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/varnhagen_rahel01_1834/252>, abgerufen am 07.03.2021.