Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Varnhagen von Ense, Rahel: Rahel. Bd. 1. Berlin, 1834.

Bild:
<< vorherige Seite

ist es vorbehalten, mich über alles rechtfertigen zu können,
wenn ich will.

Ich will, weil ich kann: weil ich kann, brauchte ich nicht.
Aber Sie brauchen es; und in diesem Sinne, aus dieser Ur-
sach brauch ich's auch. Dies ist der Ruf in mir, und noch
um einen leiseren folg' ich diesem Rufe.

Adieu! R. L.


An Rose, in Amsterdam.


Vorgestern Abend aßen Markus'ens bei uns und Christel
-- die jetzt während einer Spiel-Reise alle Abend kömmt --
Mama prätendirte de but en blanc, sie sollten den andern
Mittag mit den Kindern bei uns essen: Fragen, die gescha-
hen, blieben unbefruchtet. Christel invitirte sich, Mama nahm
sie mit einer Festeslaune an. Gestern Morgen steh' ich auf,
und geh' in einem mild-himmelumzogenen Wetter in Geschäf-
ten aus; Line predigt mir während dem Anziehen vor, Mama
habe Marktorte, und Sardellensalat, und "ließen --! in der
rothen Stube decken." Ich verschwobe! Ich sage: "Ach
Gott! es wird Purim sein," denn den Hahn hatt' ich schon
den Abend geahndet. Poin du tout -- sag' ich, als Epiker, --
"Ne, der ist erst in vierzehn Tagen." Meine Konjekturen
und Gedanken gingen mir aus: ich that dasselbe. Als ich
ganz zuletzt zur Unzelmann komme, erzähle ich ihr die Bege-
benheit, und die Marktorte, versprech' ihr davon; sie kann
auch nichts ergründen, ich behaupte es muß ein anniversaire
sein, etwa eine silberne Hochzeit, oder Papa's seliger Geburts-

iſt es vorbehalten, mich über alles rechtfertigen zu können,
wenn ich will.

Ich will, weil ich kann: weil ich kann, brauchte ich nicht.
Aber Sie brauchen es; und in dieſem Sinne, aus dieſer Ur-
ſach brauch ich’s auch. Dies iſt der Ruf in mir, und noch
um einen leiſeren folg’ ich dieſem Rufe.

Adieu! R. L.


An Roſe, in Amſterdam.


Vorgeſtern Abend aßen Markus’ens bei uns und Chriſtel
— die jetzt während einer Spiel-Reiſe alle Abend kömmt —
Mama prätendirte de but en blanc, ſie ſollten den andern
Mittag mit den Kindern bei uns eſſen: Fragen, die geſcha-
hen, blieben unbefruchtet. Chriſtel invitirte ſich, Mama nahm
ſie mit einer Feſteslaune an. Geſtern Morgen ſteh’ ich auf,
und geh’ in einem mild-himmelumzogenen Wetter in Geſchäf-
ten aus; Line predigt mir während dem Anziehen vor, Mama
habe Marktorte, und Sardellenſalat, und „ließen —! in der
rothen Stube decken.“ Ich verſchwobe! Ich ſage: „Ach
Gott! es wird Purim ſein,“ denn den Hahn hatt’ ich ſchon
den Abend geahndet. Poin du tout — ſag’ ich, als Epiker, —
„Ne, der iſt erſt in vierzehn Tagen.“ Meine Konjekturen
und Gedanken gingen mir aus: ich that daſſelbe. Als ich
ganz zuletzt zur Unzelmann komme, erzähle ich ihr die Bege-
benheit, und die Marktorte, verſprech’ ihr davon; ſie kann
auch nichts ergründen, ich behaupte es muß ein anniversaire
ſein, etwa eine ſilberne Hochzeit, oder Papa’s ſeliger Geburts-

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0265" n="251"/>
i&#x017F;t es vorbehalten, mich über <hi rendition="#g">alles</hi> rechtfertigen zu können,<lb/><hi rendition="#g">wenn</hi> ich <hi rendition="#g">will</hi>.</p><lb/>
          <p>Ich will, weil ich kann: weil ich kann, brauchte ich nicht.<lb/>
Aber Sie brauchen es; und in die&#x017F;em Sinne, aus die&#x017F;er Ur-<lb/>
&#x017F;ach brauch ich&#x2019;s auch. Dies i&#x017F;t der Ruf in mir, und noch<lb/>
um einen lei&#x017F;eren folg&#x2019; ich die&#x017F;em Rufe.</p>
          <closer>
            <salute>Adieu! <hi rendition="#et">R. L.</hi></salute>
          </closer>
        </div><lb/>
        <milestone rendition="#hr" unit="section"/>
        <div n="2">
          <head>An Ro&#x017F;e, in Am&#x017F;terdam.</head><lb/>
          <dateline> <hi rendition="#et">Berlin, den 9. Februar 1802.</hi> </dateline><lb/>
          <p>Vorge&#x017F;tern Abend aßen Markus&#x2019;ens bei uns und Chri&#x017F;tel<lb/>
&#x2014; die jetzt während einer Spiel-Rei&#x017F;e alle Abend kömmt &#x2014;<lb/>
Mama prätendirte <hi rendition="#aq">de but en blanc,</hi> &#x017F;ie &#x017F;ollten den andern<lb/>
Mittag mit den Kindern bei uns e&#x017F;&#x017F;en: Fragen, die ge&#x017F;cha-<lb/>
hen, blieben unbefruchtet. Chri&#x017F;tel invitirte &#x017F;ich, Mama nahm<lb/>
&#x017F;ie mit einer Fe&#x017F;teslaune an. Ge&#x017F;tern Morgen &#x017F;teh&#x2019; ich auf,<lb/>
und geh&#x2019; in einem mild-himmelumzogenen Wetter in Ge&#x017F;chäf-<lb/>
ten aus; Line predigt mir während dem Anziehen vor, Mama<lb/>
habe Marktorte, und Sardellen&#x017F;alat, und &#x201E;ließen &#x2014;! in der<lb/><hi rendition="#g">rothen Stube</hi> decken.&#x201C; Ich ver&#x017F;chwobe! Ich &#x017F;age: &#x201E;Ach<lb/>
Gott! es wird <hi rendition="#g">Purim</hi> &#x017F;ein,&#x201C; denn den Hahn hatt&#x2019; ich &#x017F;chon<lb/>
den Abend geahndet. <hi rendition="#aq">Poin du tout</hi> &#x2014; &#x017F;ag&#x2019; ich, als Epiker, &#x2014;<lb/>
&#x201E;Ne, der i&#x017F;t er&#x017F;t in vierzehn Tagen.&#x201C; Meine Konjekturen<lb/>
und Gedanken gingen mir aus: ich that da&#x017F;&#x017F;elbe. Als ich<lb/>
ganz zuletzt zur Unzelmann komme, erzähle ich ihr die Bege-<lb/>
benheit, und die Marktorte, ver&#x017F;prech&#x2019; ihr davon; &#x017F;ie kann<lb/>
auch nichts ergründen, ich behaupte es muß ein <hi rendition="#aq">anniversaire</hi><lb/>
&#x017F;ein, etwa eine &#x017F;ilberne Hochzeit, oder Papa&#x2019;s &#x017F;eliger Geburts-<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[251/0265] iſt es vorbehalten, mich über alles rechtfertigen zu können, wenn ich will. Ich will, weil ich kann: weil ich kann, brauchte ich nicht. Aber Sie brauchen es; und in dieſem Sinne, aus dieſer Ur- ſach brauch ich’s auch. Dies iſt der Ruf in mir, und noch um einen leiſeren folg’ ich dieſem Rufe. Adieu! R. L. An Roſe, in Amſterdam. Berlin, den 9. Februar 1802. Vorgeſtern Abend aßen Markus’ens bei uns und Chriſtel — die jetzt während einer Spiel-Reiſe alle Abend kömmt — Mama prätendirte de but en blanc, ſie ſollten den andern Mittag mit den Kindern bei uns eſſen: Fragen, die geſcha- hen, blieben unbefruchtet. Chriſtel invitirte ſich, Mama nahm ſie mit einer Feſteslaune an. Geſtern Morgen ſteh’ ich auf, und geh’ in einem mild-himmelumzogenen Wetter in Geſchäf- ten aus; Line predigt mir während dem Anziehen vor, Mama habe Marktorte, und Sardellenſalat, und „ließen —! in der rothen Stube decken.“ Ich verſchwobe! Ich ſage: „Ach Gott! es wird Purim ſein,“ denn den Hahn hatt’ ich ſchon den Abend geahndet. Poin du tout — ſag’ ich, als Epiker, — „Ne, der iſt erſt in vierzehn Tagen.“ Meine Konjekturen und Gedanken gingen mir aus: ich that daſſelbe. Als ich ganz zuletzt zur Unzelmann komme, erzähle ich ihr die Bege- benheit, und die Marktorte, verſprech’ ihr davon; ſie kann auch nichts ergründen, ich behaupte es muß ein anniversaire ſein, etwa eine ſilberne Hochzeit, oder Papa’s ſeliger Geburts-

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/varnhagen_rahel01_1834
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/varnhagen_rahel01_1834/265
Zitationshilfe: Varnhagen von Ense, Rahel: Rahel. Bd. 1. Berlin, 1834, S. 251. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/varnhagen_rahel01_1834/265>, abgerufen am 16.04.2021.