Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Varnhagen von Ense, Rahel: Rahel. Bd. 1. Berlin, 1834.

Bild:
<< vorherige Seite
An Frau' von F., in Berlin.

Glauben Sie, Liebe, daß ich den Brief, den ich letzthin
bei Ihnen siegelte, abgeschickt habe? Gott bewahre! keinen
Muth! -- Sie kennen mich nur stark: wüßten Sie auch,
wie zäh' ich bin, wahrhaftig! schwach dünkt mich noch zu
edel. --

Ich begreife es nicht! ich bin mit meinem Geiste nicht
still gestanden; aber mit meinem Herzklopfen seit achtzehn
Monaten. Ich bereue es nicht. Ob ich dieses oder anderes
hätte -- die "Witterung des Glücks" bleibt aus! da gebär-
det man sich, wie man kann; das heißt, man weint und
weint nicht. Alles in der Welt, nur nicht "sich trösten";
mich dünkt, Schmerzen sind die Rückseite des höchsten Glük-
kes, und mit mächtigem Herzen mag ich es festhalten, und
wenn es auch mir nur verkehrt begegnen konnte. Sinken
Sie nicht!! Daß ich Sie morgen harmonisch in Ihren Zügen
finde! ausgeschlafen! muthig zum Sommer! und Nichtigkeiten
gar nicht achtend finde. Wie jung sind Sie! Wie groß
die Welt! -- -- Sie, Sie können sich ja noch immer etwas
Schöneres denken, als das, was Ihnen begegnete: vielleicht
begegnet Ihnen noch etwas Schöneres, als Sie sich denken
können! -- Denken Sie sich!!! --




Das Kind Pauline ist bei mir seit fünf Uhr. Wie eine
Klapperrose sieht sie aus; lärmt und spielt mit Sand. Meine

An Frau’ von F., in Berlin.

Glauben Sie, Liebe, daß ich den Brief, den ich letzthin
bei Ihnen ſiegelte, abgeſchickt habe? Gott bewahre! keinen
Muth! — Sie kennen mich nur ſtark: wüßten Sie auch,
wie zäh’ ich bin, wahrhaftig! ſchwach dünkt mich noch zu
edel. —

Ich begreife es nicht! ich bin mit meinem Geiſte nicht
ſtill geſtanden; aber mit meinem Herzklopfen ſeit achtzehn
Monaten. Ich bereue es nicht. Ob ich dieſes oder anderes
hätte — die „Witterung des Glücks“ bleibt aus! da gebär-
det man ſich, wie man kann; das heißt, man weint und
weint nicht. Alles in der Welt, nur nicht „ſich tröſten“;
mich dünkt, Schmerzen ſind die Rückſeite des höchſten Glük-
kes, und mit mächtigem Herzen mag ich es feſthalten, und
wenn es auch mir nur verkehrt begegnen konnte. Sinken
Sie nicht!! Daß ich Sie morgen harmoniſch in Ihren Zügen
finde! ausgeſchlafen! muthig zum Sommer! und Nichtigkeiten
gar nicht achtend finde. Wie jung ſind Sie! Wie groß
die Welt! — — Sie, Sie können ſich ja noch immer etwas
Schöneres denken, als das, was Ihnen begegnete: vielleicht
begegnet Ihnen noch etwas Schöneres, als Sie ſich denken
können! — Denken Sie ſich!!! —




Das Kind Pauline iſt bei mir ſeit fünf Uhr. Wie eine
Klapperroſe ſieht ſie aus; lärmt und ſpielt mit Sand. Meine

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <pb facs="#f0297" n="283"/>
        <div n="2">
          <head>An Frau&#x2019; von F., in Berlin.</head><lb/>
          <div n="3">
            <dateline> <hi rendition="#et">Berlin, den 5. Januar 1806.</hi> </dateline><lb/>
            <p>Glauben Sie, Liebe, daß ich den Brief, den ich letzthin<lb/>
bei Ihnen &#x017F;iegelte, abge&#x017F;chickt habe? Gott bewahre! keinen<lb/>
Muth! &#x2014; Sie kennen mich nur <hi rendition="#g">&#x017F;tark</hi>: wüßten Sie auch,<lb/>
wie zäh&#x2019; ich bin, wahrhaftig! &#x017F;chwach dünkt mich noch zu<lb/>
edel. &#x2014;</p><lb/>
            <p>Ich begreife es nicht! ich bin mit meinem Gei&#x017F;te nicht<lb/>
&#x017F;till ge&#x017F;tanden; aber mit meinem Herzklopfen &#x017F;eit achtzehn<lb/>
Monaten. Ich bereue es <hi rendition="#g">nicht</hi>. Ob ich die&#x017F;es oder anderes<lb/>
hätte &#x2014; die &#x201E;Witterung des Glücks&#x201C; bleibt aus! da gebär-<lb/>
det man &#x017F;ich, wie man kann; das heißt, man weint und<lb/>
weint nicht. Alles in der Welt, nur nicht &#x201E;&#x017F;ich trö&#x017F;ten&#x201C;;<lb/>
mich dünkt, Schmerzen &#x017F;ind die Rück&#x017F;eite des höch&#x017F;ten Glük-<lb/>
kes, und mit mächtigem Herzen mag ich es fe&#x017F;thalten, und<lb/>
wenn es auch mir nur verkehrt begegnen konnte. Sinken<lb/>
Sie nicht!! Daß ich Sie morgen harmoni&#x017F;ch in Ihren Zügen<lb/>
finde! ausge&#x017F;chlafen! muthig zum Sommer! und Nichtigkeiten<lb/><hi rendition="#g">gar nicht</hi> achtend finde. Wie jung &#x017F;ind Sie! Wie <hi rendition="#g">groß</hi><lb/>
die Welt! &#x2014; &#x2014; Sie, Sie können &#x017F;ich ja noch immer etwas<lb/>
Schöneres denken, als das, was Ihnen begegnete: <hi rendition="#g">vielleicht</hi><lb/>
begegnet Ihnen noch etwas Schöneres, als Sie &#x017F;ich denken<lb/>
können! &#x2014; Denken Sie &#x017F;ich!!! &#x2014;</p>
          </div><lb/>
          <milestone rendition="#hr" unit="section"/>
          <div n="3">
            <dateline> <hi rendition="#et">Berlin, den 16. Januar 1806.</hi> </dateline><lb/>
            <p>Das Kind Pauline i&#x017F;t bei mir &#x017F;eit fünf Uhr. Wie eine<lb/>
Klapperro&#x017F;e &#x017F;ieht &#x017F;ie aus; lärmt und &#x017F;pielt mit Sand. Meine<lb/></p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[283/0297] An Frau’ von F., in Berlin. Berlin, den 5. Januar 1806. Glauben Sie, Liebe, daß ich den Brief, den ich letzthin bei Ihnen ſiegelte, abgeſchickt habe? Gott bewahre! keinen Muth! — Sie kennen mich nur ſtark: wüßten Sie auch, wie zäh’ ich bin, wahrhaftig! ſchwach dünkt mich noch zu edel. — Ich begreife es nicht! ich bin mit meinem Geiſte nicht ſtill geſtanden; aber mit meinem Herzklopfen ſeit achtzehn Monaten. Ich bereue es nicht. Ob ich dieſes oder anderes hätte — die „Witterung des Glücks“ bleibt aus! da gebär- det man ſich, wie man kann; das heißt, man weint und weint nicht. Alles in der Welt, nur nicht „ſich tröſten“; mich dünkt, Schmerzen ſind die Rückſeite des höchſten Glük- kes, und mit mächtigem Herzen mag ich es feſthalten, und wenn es auch mir nur verkehrt begegnen konnte. Sinken Sie nicht!! Daß ich Sie morgen harmoniſch in Ihren Zügen finde! ausgeſchlafen! muthig zum Sommer! und Nichtigkeiten gar nicht achtend finde. Wie jung ſind Sie! Wie groß die Welt! — — Sie, Sie können ſich ja noch immer etwas Schöneres denken, als das, was Ihnen begegnete: vielleicht begegnet Ihnen noch etwas Schöneres, als Sie ſich denken können! — Denken Sie ſich!!! — Berlin, den 16. Januar 1806. Das Kind Pauline iſt bei mir ſeit fünf Uhr. Wie eine Klapperroſe ſieht ſie aus; lärmt und ſpielt mit Sand. Meine

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/varnhagen_rahel01_1834
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/varnhagen_rahel01_1834/297
Zitationshilfe: Varnhagen von Ense, Rahel: Rahel. Bd. 1. Berlin, 1834, S. 283. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/varnhagen_rahel01_1834/297>, abgerufen am 08.03.2021.