Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Varnhagen von Ense, Rahel: Rahel. Bd. 1. Berlin, 1834.

Bild:
<< vorherige Seite

Je weniger ein Mensch selber zärtlich sein kann, je nöthi-
ger hat er's, daß man's mit ihm sei: aber nur Herzen erschlie-
ßen Herzen: und wo Mangel ist, ist wohl Noth; nur das
Lebendige aber fühlt, was es nöthig hat. Doch haben alle
Sterbliche Momente von Leben.




Überall hab' ich an nichts mehr einen Ekel, als mich zu
verstellen. Für Königreiche, für ein Leben in glücklichen Thä-
lern! aber nicht, damit die, die einen niemals kennen, ein we-
nig anders kennen. Was in mir vorgeht, das ist gut: ich
sorge gar nicht! --



An Ludwig Robert, in Paris.

-- Wie freut es mich in der tiefsten Seele, dieselbe Auf-
nahme für unser Schicksal in der deinigen zu sehen! Nicht
Silbenmaß, nicht Dictionnaire jeder Art, nicht Titel, welche
Akademieen uns verleihen, sind das errungene Gut des durch-
schmerzten Herzens! Das gestählte Herz selber ist es: die sich
alles gewärtige Seele! der nichts bleibt, als ihr eigenes Ge-
wissen, die, von diesem innersten Punkt des Seins aus, sich
auf sich selbst stemmt, und so ihre Existenz erwartet! mit
ungetrübten, ungefangenem Geiste, unsere Mitgift, auf daß
wir nicht vergehen -- aus dem Hause Gottes. Der Kinder-
sinn -- nicht in neumodischer, nachplaudernder Sprache --


Je weniger ein Menſch ſelber zärtlich ſein kann, je nöthi-
ger hat er’s, daß man’s mit ihm ſei: aber nur Herzen erſchlie-
ßen Herzen: und wo Mangel iſt, iſt wohl Noth; nur das
Lebendige aber fühlt, was es nöthig hat. Doch haben alle
Sterbliche Momente von Leben.




Überall hab’ ich an nichts mehr einen Ekel, als mich zu
verſtellen. Für Königreiche, für ein Leben in glücklichen Thä-
lern! aber nicht, damit die, die einen niemals kennen, ein we-
nig anders kennen. Was in mir vorgeht, das iſt gut: ich
ſorge gar nicht! —



An Ludwig Robert, in Paris.

— Wie freut es mich in der tiefſten Seele, dieſelbe Auf-
nahme für unſer Schickſal in der deinigen zu ſehen! Nicht
Silbenmaß, nicht Dictionnaire jeder Art, nicht Titel, welche
Akademieen uns verleihen, ſind das errungene Gut des durch-
ſchmerzten Herzens! Das geſtählte Herz ſelber iſt es: die ſich
alles gewärtige Seele! der nichts bleibt, als ihr eigenes Ge-
wiſſen, die, von dieſem innerſten Punkt des Seins aus, ſich
auf ſich ſelbſt ſtemmt, und ſo ihre Exiſtenz erwartet! mit
ungetrübten, ungefangenem Geiſte, unſere Mitgift, auf daß
wir nicht vergehen — aus dem Hauſe Gottes. Der Kinder-
ſinn — nicht in neumodiſcher, nachplaudernder Sprache —

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <pb facs="#f0324" n="310"/>
          <div n="3">
            <dateline> <hi rendition="#et">Den 14. Januar 1807.</hi> </dateline><lb/>
            <p>Je weniger ein Men&#x017F;ch &#x017F;elber zärtlich &#x017F;ein kann, je nöthi-<lb/>
ger hat er&#x2019;s, daß man&#x2019;s mit ihm &#x017F;ei: aber nur Herzen er&#x017F;chlie-<lb/>
ßen Herzen: und wo Mangel i&#x017F;t, i&#x017F;t wohl Noth; nur das<lb/>
Lebendige aber fühlt, was es nöthig hat. Doch haben alle<lb/>
Sterbliche Momente von Leben.</p>
          </div><lb/>
          <milestone rendition="#hr" unit="section"/>
          <div n="3">
            <dateline> <hi rendition="#et">Den 18. Januar 1807.</hi> </dateline><lb/>
            <p>Überall hab&#x2019; ich an nichts mehr einen Ekel, als mich zu<lb/>
ver&#x017F;tellen. Für Königreiche, für ein Leben in glücklichen Thä-<lb/>
lern! aber nicht, damit die, die einen niemals kennen, ein we-<lb/>
nig anders kennen. Was in mir vorgeht, das i&#x017F;t gut: ich<lb/>
&#x017F;orge gar nicht! &#x2014;</p>
          </div>
        </div><lb/>
        <milestone rendition="#hr" unit="section"/>
        <div n="2">
          <head>An Ludwig Robert, in Paris.</head><lb/>
          <div n="3">
            <dateline> <hi rendition="#et">Berlin, Dienstag den 3. Frbruar 1807.</hi> </dateline><lb/>
            <p>&#x2014; Wie freut es mich in der tief&#x017F;ten Seele, die&#x017F;elbe Auf-<lb/>
nahme für un&#x017F;er Schick&#x017F;al in der deinigen zu &#x017F;ehen! Nicht<lb/>
Silbenmaß, nicht Dictionnaire jeder Art, nicht Titel, welche<lb/>
Akademieen uns verleihen, &#x017F;ind das errungene Gut des durch-<lb/>
&#x017F;chmerzten Herzens! Das ge&#x017F;tählte Herz &#x017F;elber i&#x017F;t es: die &#x017F;ich<lb/>
alles gewärtige Seele! der nichts bleibt, als ihr eigenes Ge-<lb/>
wi&#x017F;&#x017F;en, die, von die&#x017F;em inner&#x017F;ten Punkt des Seins aus, &#x017F;ich<lb/>
auf &#x017F;ich &#x017F;elb&#x017F;t &#x017F;temmt, und &#x017F;o ihre Exi&#x017F;tenz <hi rendition="#g">erwartet</hi>! mit<lb/>
ungetrübten, un<hi rendition="#g">gef</hi>angenem Gei&#x017F;te, un&#x017F;ere Mitgift, auf daß<lb/>
wir nicht vergehen &#x2014; aus dem Hau&#x017F;e Gottes. Der Kinder-<lb/>
&#x017F;inn &#x2014; nicht in neumodi&#x017F;cher, nachplaudernder Sprache &#x2014;<lb/></p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[310/0324] Den 14. Januar 1807. Je weniger ein Menſch ſelber zärtlich ſein kann, je nöthi- ger hat er’s, daß man’s mit ihm ſei: aber nur Herzen erſchlie- ßen Herzen: und wo Mangel iſt, iſt wohl Noth; nur das Lebendige aber fühlt, was es nöthig hat. Doch haben alle Sterbliche Momente von Leben. Den 18. Januar 1807. Überall hab’ ich an nichts mehr einen Ekel, als mich zu verſtellen. Für Königreiche, für ein Leben in glücklichen Thä- lern! aber nicht, damit die, die einen niemals kennen, ein we- nig anders kennen. Was in mir vorgeht, das iſt gut: ich ſorge gar nicht! — An Ludwig Robert, in Paris. Berlin, Dienstag den 3. Frbruar 1807. — Wie freut es mich in der tiefſten Seele, dieſelbe Auf- nahme für unſer Schickſal in der deinigen zu ſehen! Nicht Silbenmaß, nicht Dictionnaire jeder Art, nicht Titel, welche Akademieen uns verleihen, ſind das errungene Gut des durch- ſchmerzten Herzens! Das geſtählte Herz ſelber iſt es: die ſich alles gewärtige Seele! der nichts bleibt, als ihr eigenes Ge- wiſſen, die, von dieſem innerſten Punkt des Seins aus, ſich auf ſich ſelbſt ſtemmt, und ſo ihre Exiſtenz erwartet! mit ungetrübten, ungefangenem Geiſte, unſere Mitgift, auf daß wir nicht vergehen — aus dem Hauſe Gottes. Der Kinder- ſinn — nicht in neumodiſcher, nachplaudernder Sprache —

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/varnhagen_rahel01_1834
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/varnhagen_rahel01_1834/324
Zitationshilfe: Varnhagen von Ense, Rahel: Rahel. Bd. 1. Berlin, 1834, S. 310. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/varnhagen_rahel01_1834/324>, abgerufen am 26.02.2021.