Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Varnhagen von Ense, Rahel: Rahel. Bd. 1. Berlin, 1834.

Bild:
<< vorherige Seite

Sonst -- ist es wie es war. -- Vormittag war ich im schön-
sten Wetter weit allein in den Straßen spaziren. Es wirkte
so gut, daß mir luftig in der Seele, hell und klar im Kopf
zu tausend Gedanken wurde; und ich genoß vom ganzen
Gange so recht eigentlich den Genuß. Wie vieles wußte ich
mit einemmale deutlich, was Jahre lang ungeboren als
Schmerz in meiner Seele lag, und nun hervor an der
Sonne, im hellen Bewußtsein, beruhigendes Gut wurde.
Ich empfand den Besitz der mancherlei Gemüthsreichthümer
recht schwelgend, und doch fromm, möchte ich sagen; denn
meine Freude war nur Freude, und glich einem erwärmend
hellen Lichte. Auch dachte ich über die ganze Masse der Men-
schenbildung; und ob wohl alle Essenz davon, das höchste
Entzücken edler, reichbegabter Menschen an einander, und je-
der andere erhellte, erhobene Moment im Leben, das Placken
und den Jammer Aller werth ist, den es zum Dünger Jahr-
hunderte lang erfordert? Arbeitende Karrende, und ich, brach-
ten mich auf den Gedanken. --



An Varnhagen, in Tübingen.

-- -- Weißt du, warum ich dir besonders schreibe, mein
einziger Vertrauter meiner Gedanken, -- wegen Heinse! Denke
nur nicht, daß ich stupid bin! Ich habe mich bloß gröblich
geirrt; und das wieder auf Anstiften meines Gedächtnisses!
Wie ich dir sagte, Ardinghello gefalle mir nicht, meinte ich

24 *

Sonſt — iſt es wie es war. — Vormittag war ich im ſchön-
ſten Wetter weit allein in den Straßen ſpaziren. Es wirkte
ſo gut, daß mir luftig in der Seele, hell und klar im Kopf
zu tauſend Gedanken wurde; und ich genoß vom ganzen
Gange ſo recht eigentlich den Genuß. Wie vieles wußte ich
mit einemmale deutlich, was Jahre lang ungeboren als
Schmerz in meiner Seele lag, und nun hervor an der
Sonne, im hellen Bewußtſein, beruhigendes Gut wurde.
Ich empfand den Beſitz der mancherlei Gemüthsreichthümer
recht ſchwelgend, und doch fromm, möchte ich ſagen; denn
meine Freude war nur Freude, und glich einem erwärmend
hellen Lichte. Auch dachte ich über die ganze Maſſe der Men-
ſchenbildung; und ob wohl alle Eſſenz davon, das höchſte
Entzücken edler, reichbegabter Menſchen an einander, und je-
der andere erhellte, erhobene Moment im Leben, das Placken
und den Jammer Aller werth iſt, den es zum Dünger Jahr-
hunderte lang erfordert? Arbeitende Karrende, und ich, brach-
ten mich auf den Gedanken. —



An Varnhagen, in Tübingen.

— — Weißt du, warum ich dir beſonders ſchreibe, mein
einziger Vertrauter meiner Gedanken, — wegen Heinſe! Denke
nur nicht, daß ich ſtupid bin! Ich habe mich bloß gröblich
geirrt; und das wieder auf Anſtiften meines Gedächtniſſes!
Wie ich dir ſagte, Ardinghello gefalle mir nicht, meinte ich

24 *
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <p><pb facs="#f0385" n="371"/>
Son&#x017F;t &#x2014; i&#x017F;t es wie es war. &#x2014; Vormittag war ich im &#x017F;chön-<lb/>
&#x017F;ten Wetter weit allein in den Straßen &#x017F;paziren. Es wirkte<lb/>
&#x017F;o gut, daß mir luftig in der Seele, hell und klar im Kopf<lb/>
zu tau&#x017F;end Gedanken wurde; und ich genoß vom ganzen<lb/>
Gange &#x017F;o recht eigentlich den Genuß. Wie vieles wußte ich<lb/>
mit einemmale deutlich, was Jahre lang ungeboren als<lb/>
Schmerz in meiner Seele lag, und nun hervor an der<lb/>
Sonne, im hellen Bewußt&#x017F;ein, beruhigendes Gut wurde.<lb/>
Ich empfand den Be&#x017F;itz der mancherlei Gemüthsreichthümer<lb/>
recht &#x017F;chwelgend, und doch fromm, möchte ich &#x017F;agen; denn<lb/>
meine Freude war nur Freude, und glich einem erwärmend<lb/>
hellen Lichte. Auch dachte ich über die ganze Ma&#x017F;&#x017F;e der Men-<lb/>
&#x017F;chenbildung; und ob wohl alle E&#x017F;&#x017F;enz davon, das höch&#x017F;te<lb/>
Entzücken edler, reichbegabter Men&#x017F;chen an einander, und je-<lb/>
der andere erhellte, erhobene Moment im Leben, das Placken<lb/>
und den Jammer Aller werth i&#x017F;t, den es zum Dünger Jahr-<lb/>
hunderte lang erfordert? Arbeitende Karrende, und ich, brach-<lb/>
ten mich auf den Gedanken. &#x2014;</p>
          </div>
        </div><lb/>
        <milestone rendition="#hr" unit="section"/>
        <div n="2">
          <head>An Varnhagen, in Tübingen.</head><lb/>
          <div n="3">
            <dateline> <hi rendition="#et">Berlin, den 5. December 1808.<lb/>
Dienstag Abend, bald 10 Uhr.</hi> </dateline><lb/>
            <p>&#x2014; &#x2014; Weißt du, warum ich dir be&#x017F;onders &#x017F;chreibe, mein<lb/>
einziger Vertrauter meiner Gedanken, &#x2014; wegen Hein&#x017F;e! Denke<lb/>
nur nicht, daß ich &#x017F;tupid bin! Ich habe mich bloß gröblich<lb/>
geirrt; und das wieder auf An&#x017F;tiften meines Gedächtni&#x017F;&#x017F;es!<lb/>
Wie ich dir &#x017F;agte, Ardinghello gefalle mir nicht, meinte ich<lb/>
<fw place="bottom" type="sig">24 *</fw><lb/></p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[371/0385] Sonſt — iſt es wie es war. — Vormittag war ich im ſchön- ſten Wetter weit allein in den Straßen ſpaziren. Es wirkte ſo gut, daß mir luftig in der Seele, hell und klar im Kopf zu tauſend Gedanken wurde; und ich genoß vom ganzen Gange ſo recht eigentlich den Genuß. Wie vieles wußte ich mit einemmale deutlich, was Jahre lang ungeboren als Schmerz in meiner Seele lag, und nun hervor an der Sonne, im hellen Bewußtſein, beruhigendes Gut wurde. Ich empfand den Beſitz der mancherlei Gemüthsreichthümer recht ſchwelgend, und doch fromm, möchte ich ſagen; denn meine Freude war nur Freude, und glich einem erwärmend hellen Lichte. Auch dachte ich über die ganze Maſſe der Men- ſchenbildung; und ob wohl alle Eſſenz davon, das höchſte Entzücken edler, reichbegabter Menſchen an einander, und je- der andere erhellte, erhobene Moment im Leben, das Placken und den Jammer Aller werth iſt, den es zum Dünger Jahr- hunderte lang erfordert? Arbeitende Karrende, und ich, brach- ten mich auf den Gedanken. — An Varnhagen, in Tübingen. Berlin, den 5. December 1808. Dienstag Abend, bald 10 Uhr. — — Weißt du, warum ich dir beſonders ſchreibe, mein einziger Vertrauter meiner Gedanken, — wegen Heinſe! Denke nur nicht, daß ich ſtupid bin! Ich habe mich bloß gröblich geirrt; und das wieder auf Anſtiften meines Gedächtniſſes! Wie ich dir ſagte, Ardinghello gefalle mir nicht, meinte ich 24 *

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/varnhagen_rahel01_1834
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/varnhagen_rahel01_1834/385
Zitationshilfe: Varnhagen von Ense, Rahel: Rahel. Bd. 1. Berlin, 1834, S. 371. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/varnhagen_rahel01_1834/385>, abgerufen am 07.03.2021.