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Varnhagen von Ense, Rahel: Rahel. Bd. 1. Berlin, 1834.

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Etwas muß man freilich thun, wenn man nicht reich ist:
und in böser Zeit. Warten wir hier die ersten Schlachten,
und die Wendung ab. Jedoch weiß man's vorher: so gut
das ohne Zeitung möglich ist. -- Wien meine ich, aber Paris
lasse ich mir wo möglich bereiten. Anders kann ich doch nichts
thun! -- Wir wollen uns über kein Vorhaben, und über kei-
nen Plan ängstigen, alle Menschen können jetzt nicht, was sie
sich ausdachten: wie Würmchen muß man von einem Spärt-
chen Holz, von einem Gräschen, von einem vergoldeten Träub-
chen zu dem andern kriechen. Kurz, sehen wie's geht: wie
man "fortkommt." Wären die Nächsten nur nicht elend.
Wären wir in der Schweiz vorläufig. Man ist da der Welt,
den Bergen und Bädern nah! --



An Karoline Gräfin von Schlabrendorf, in Schlesien.


-- Wir schmachten hier eben so in Ungewißheit über alles
Öffentliche, wie man es nur immer auf dem Lande kann. Als
ob nach lange verheerendem Wetter, wo man eben von den
Überbleibseln sich das Leben noch zurechte stellen will, doch noch
Wolken genug dasind, um den ganzen Himmel mit Gewitter-
drohung zu beschwerden, so stehen wir dunkel und gedrückt
da. Mit tausend Fäden in unserm Lande verwachsen jeder
Einzelne mit welchen es steht, wie Sie wissen; man will und
darf's nicht nennen. Lesen Sie, liebe Gräfin? Die letzten
Monate ich sehr wenig; die Unruhe erlaubt es mir nicht: die
gestörte Lage. Schillers Wallenstein liegt seit drei Tagen auf

meinem

Etwas muß man freilich thun, wenn man nicht reich iſt:
und in böſer Zeit. Warten wir hier die erſten Schlachten,
und die Wendung ab. Jedoch weiß man’s vorher: ſo gut
das ohne Zeitung möglich iſt. — Wien meine ich, aber Paris
laſſe ich mir wo möglich bereiten. Anders kann ich doch nichts
thun! — Wir wollen uns über kein Vorhaben, und über kei-
nen Plan ängſtigen, alle Menſchen können jetzt nicht, was ſie
ſich ausdachten: wie Würmchen muß man von einem Spärt-
chen Holz, von einem Gräschen, von einem vergoldeten Träub-
chen zu dem andern kriechen. Kurz, ſehen wie’s geht: wie
man „fortkommt.“ Wären die Nächſten nur nicht elend.
Wären wir in der Schweiz vorläufig. Man iſt da der Welt,
den Bergen und Bädern nah! —



An Karoline Gräfin von Schlabrendorf, in Schleſien.


— Wir ſchmachten hier eben ſo in Ungewißheit über alles
Öffentliche, wie man es nur immer auf dem Lande kann. Als
ob nach lange verheerendem Wetter, wo man eben von den
Überbleibſeln ſich das Leben noch zurechte ſtellen will, doch noch
Wolken genug daſind, um den ganzen Himmel mit Gewitter-
drohung zu beſchwerden, ſo ſtehen wir dunkel und gedrückt
da. Mit tauſend Fäden in unſerm Lande verwachſen jeder
Einzelne mit welchen es ſteht, wie Sie wiſſen; man will und
darf’s nicht nennen. Leſen Sie, liebe Gräfin? Die letzten
Monate ich ſehr wenig; die Unruhe erlaubt es mir nicht: die
geſtörte Lage. Schillers Wallenſtein liegt ſeit drei Tagen auf

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[416/0430] Etwas muß man freilich thun, wenn man nicht reich iſt: und in böſer Zeit. Warten wir hier die erſten Schlachten, und die Wendung ab. Jedoch weiß man’s vorher: ſo gut das ohne Zeitung möglich iſt. — Wien meine ich, aber Paris laſſe ich mir wo möglich bereiten. Anders kann ich doch nichts thun! — Wir wollen uns über kein Vorhaben, und über kei- nen Plan ängſtigen, alle Menſchen können jetzt nicht, was ſie ſich ausdachten: wie Würmchen muß man von einem Spärt- chen Holz, von einem Gräschen, von einem vergoldeten Träub- chen zu dem andern kriechen. Kurz, ſehen wie’s geht: wie man „fortkommt.“ Wären die Nächſten nur nicht elend. Wären wir in der Schweiz vorläufig. Man iſt da der Welt, den Bergen und Bädern nah! — An Karoline Gräfin von Schlabrendorf, in Schleſien. Berlin, den 9. Mai 1809. — Wir ſchmachten hier eben ſo in Ungewißheit über alles Öffentliche, wie man es nur immer auf dem Lande kann. Als ob nach lange verheerendem Wetter, wo man eben von den Überbleibſeln ſich das Leben noch zurechte ſtellen will, doch noch Wolken genug daſind, um den ganzen Himmel mit Gewitter- drohung zu beſchwerden, ſo ſtehen wir dunkel und gedrückt da. Mit tauſend Fäden in unſerm Lande verwachſen jeder Einzelne mit welchen es ſteht, wie Sie wiſſen; man will und darf’s nicht nennen. Leſen Sie, liebe Gräfin? Die letzten Monate ich ſehr wenig; die Unruhe erlaubt es mir nicht: die geſtörte Lage. Schillers Wallenſtein liegt ſeit drei Tagen auf meinem

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Zitationshilfe: Varnhagen von Ense, Rahel: Rahel. Bd. 1. Berlin, 1834, S. 416. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/varnhagen_rahel01_1834/430>, abgerufen am 03.03.2021.