Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Varnhagen von Ense, Rahel: Rahel. Bd. 1. Berlin, 1834.

Bild:
<< vorherige Seite

mir gewiß, was ich brauche, oder beweine es! In Dumpfheit
wird mich mein Schöpfer nicht lassen. --

Die Anekdote von dem sächsischen Handwerksburschen ist
eine der großartigsten, es ist mir unendlich lieb, daß sie Ihnen
begegnet ist; dem einfachsten Menschen. Ich gönne sie Ihnen
mehr, als mir. --


Ich habe Ihnen gestern Abend in der entsetzlichsten Eil
rasend schlecht geschrieben: nicht eins wie es aus dem andern
hervorgeht, nicht ein bischen Zustand, Stimmung ausgedrückt,
Gedanken dargestellt. (Auch jetzt, schon bei den wenigen Wor-
ten, bin ich dreimal hinausgeholt worden, zu einer con-
sulte
,) -- Daß ich mich gestern Abend in allem ärmer nannte,
damit meinte ich nicht besonders das Geld; aber ich meine es
sehr mit. Bedenken Sie, welche Gesellschaft ich verlor: wel-
chen reichen geselligen Umgang, -- den Aufenthalt bei meiner
Mutter, der noch Sinn in mein Leben brachte -- mein einzi-
ger nennbarer Titel, -- und bei der ich wirklich dreimal rei-
cher war, als noch vor einem Monat. Wie behaglich wenig-
stens dies alles meinen Aufenthalt hier machte; wie ich mich
für Andere regen konnte, ihnen und Freunden zu allen Tages-
stunden angenehm sein konnte. Dies alles müssen Sie nur
noch hören, damit Sie eine Einsicht in meine Zerschlagenheit
bekommen, und mir die dumpfe Klage, den benommenen Sinn
zu Gute halten, mit dem ich Sie seit Potsdam quäle; rechnen
Sie dazu die Art meiner Komplexion, und was Sie schon von
mir und meinem Leben wissen. Ich hatte beinah nie ein re-
elles mir gehöriges; und mir ist genommen worden, und ge-

mir gewiß, was ich brauche, oder beweine es! In Dumpfheit
wird mich mein Schöpfer nicht laſſen. —

Die Anekdote von dem ſächſiſchen Handwerksburſchen iſt
eine der großartigſten, es iſt mir unendlich lieb, daß ſie Ihnen
begegnet iſt; dem einfachſten Menſchen. Ich gönne ſie Ihnen
mehr, als mir. —


Ich habe Ihnen geſtern Abend in der entſetzlichſten Eil
raſend ſchlecht geſchrieben: nicht eins wie es aus dem andern
hervorgeht, nicht ein bischen Zuſtand, Stimmung ausgedrückt,
Gedanken dargeſtellt. (Auch jetzt, ſchon bei den wenigen Wor-
ten, bin ich dreimal hinausgeholt worden, zu einer con-
sulte
,) — Daß ich mich geſtern Abend in allem ärmer nannte,
damit meinte ich nicht beſonders das Geld; aber ich meine es
ſehr mit. Bedenken Sie, welche Geſellſchaft ich verlor: wel-
chen reichen geſelligen Umgang, — den Aufenthalt bei meiner
Mutter, der noch Sinn in mein Leben brachte — mein einzi-
ger nennbarer Titel, — und bei der ich wirklich dreimal rei-
cher war, als noch vor einem Monat. Wie behaglich wenig-
ſtens dies alles meinen Aufenthalt hier machte; wie ich mich
für Andere regen konnte, ihnen und Freunden zu allen Tages-
ſtunden angenehm ſein konnte. Dies alles müſſen Sie nur
noch hören, damit Sie eine Einſicht in meine Zerſchlagenheit
bekommen, und mir die dumpfe Klage, den benommenen Sinn
zu Gute halten, mit dem ich Sie ſeit Potsdam quäle; rechnen
Sie dazu die Art meiner Komplexion, und was Sie ſchon von
mir und meinem Leben wiſſen. Ich hatte beinah nie ein re-
elles mir gehöriges; und mir iſt genommen worden, und ge-

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <p><pb facs="#f0553" n="539"/>
mir gewiß, was ich brauche, oder beweine es! In Dumpfheit<lb/>
wird mich mein Schöpfer nicht la&#x017F;&#x017F;en. &#x2014;</p><lb/>
            <p>Die Anekdote von dem &#x017F;äch&#x017F;i&#x017F;chen Handwerksbur&#x017F;chen i&#x017F;t<lb/>
eine der großartig&#x017F;ten, es i&#x017F;t mir unendlich lieb, daß &#x017F;ie Ihnen<lb/>
begegnet i&#x017F;t; dem einfach&#x017F;ten Men&#x017F;chen. Ich gönne &#x017F;ie Ihnen<lb/>
mehr, als mir. &#x2014;</p>
          </div><lb/>
          <div n="3">
            <dateline> <hi rendition="#et">Sonntag, 9 Uhr Morgens.</hi> </dateline><lb/>
            <p>Ich habe Ihnen ge&#x017F;tern Abend in der ent&#x017F;etzlich&#x017F;ten Eil<lb/>
ra&#x017F;end &#x017F;chlecht ge&#x017F;chrieben: nicht eins wie es aus dem andern<lb/>
hervorgeht, nicht ein bischen Zu&#x017F;tand, Stimmung ausgedrückt,<lb/>
Gedanken darge&#x017F;tellt. (Auch jetzt, &#x017F;chon bei den wenigen Wor-<lb/>
ten, bin ich <hi rendition="#g">dreim</hi>al hinausgeholt worden, zu einer <hi rendition="#aq">con-<lb/>
sulte</hi>,) &#x2014; Daß ich mich ge&#x017F;tern Abend in allem ärmer nannte,<lb/>
damit meinte ich nicht be&#x017F;onders das Geld; aber ich meine es<lb/>
&#x017F;ehr mit. Bedenken Sie, welche Ge&#x017F;ell&#x017F;chaft ich verlor: wel-<lb/>
chen reichen ge&#x017F;elligen Umgang, &#x2014; den Aufenthalt bei meiner<lb/>
Mutter, der noch Sinn in mein Leben brachte &#x2014; mein einzi-<lb/>
ger nennbarer Titel, &#x2014; und bei der ich wirklich dreimal rei-<lb/>
cher war, als noch vor einem Monat. Wie behaglich wenig-<lb/>
&#x017F;tens dies alles meinen Aufenthalt hier machte; wie ich mich<lb/>
für Andere regen konnte, ihnen und Freunden zu allen Tages-<lb/>
&#x017F;tunden angenehm &#x017F;ein konnte. Dies alles mü&#x017F;&#x017F;en Sie nur<lb/>
noch hören, damit Sie eine Ein&#x017F;icht in meine Zer&#x017F;chlagenheit<lb/>
bekommen, und mir die dumpfe Klage, den benommenen Sinn<lb/>
zu Gute halten, mit dem ich Sie &#x017F;eit Potsdam quäle; rechnen<lb/>
Sie dazu die Art meiner Komplexion, und was Sie &#x017F;chon von<lb/>
mir und meinem Leben wi&#x017F;&#x017F;en. Ich hatte beinah nie ein re-<lb/>
elles mir gehöriges; und mir i&#x017F;t genommen worden, und ge-<lb/></p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[539/0553] mir gewiß, was ich brauche, oder beweine es! In Dumpfheit wird mich mein Schöpfer nicht laſſen. — Die Anekdote von dem ſächſiſchen Handwerksburſchen iſt eine der großartigſten, es iſt mir unendlich lieb, daß ſie Ihnen begegnet iſt; dem einfachſten Menſchen. Ich gönne ſie Ihnen mehr, als mir. — Sonntag, 9 Uhr Morgens. Ich habe Ihnen geſtern Abend in der entſetzlichſten Eil raſend ſchlecht geſchrieben: nicht eins wie es aus dem andern hervorgeht, nicht ein bischen Zuſtand, Stimmung ausgedrückt, Gedanken dargeſtellt. (Auch jetzt, ſchon bei den wenigen Wor- ten, bin ich dreimal hinausgeholt worden, zu einer con- sulte,) — Daß ich mich geſtern Abend in allem ärmer nannte, damit meinte ich nicht beſonders das Geld; aber ich meine es ſehr mit. Bedenken Sie, welche Geſellſchaft ich verlor: wel- chen reichen geſelligen Umgang, — den Aufenthalt bei meiner Mutter, der noch Sinn in mein Leben brachte — mein einzi- ger nennbarer Titel, — und bei der ich wirklich dreimal rei- cher war, als noch vor einem Monat. Wie behaglich wenig- ſtens dies alles meinen Aufenthalt hier machte; wie ich mich für Andere regen konnte, ihnen und Freunden zu allen Tages- ſtunden angenehm ſein konnte. Dies alles müſſen Sie nur noch hören, damit Sie eine Einſicht in meine Zerſchlagenheit bekommen, und mir die dumpfe Klage, den benommenen Sinn zu Gute halten, mit dem ich Sie ſeit Potsdam quäle; rechnen Sie dazu die Art meiner Komplexion, und was Sie ſchon von mir und meinem Leben wiſſen. Ich hatte beinah nie ein re- elles mir gehöriges; und mir iſt genommen worden, und ge-

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/varnhagen_rahel01_1834
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/varnhagen_rahel01_1834/553
Zitationshilfe: Varnhagen von Ense, Rahel: Rahel. Bd. 1. Berlin, 1834, S. 539. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/varnhagen_rahel01_1834/553>, abgerufen am 26.02.2021.