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Vischer, Friedrich Theodor von: Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen. Bd. 3,2,4. Stuttgart, 1857.

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oder Spielers oder des Künstlers, der musikalische Instrumente fertigt; kurz,
es verhält sich mit dem Einzeltone gerade so wie mit dem Tonmaterial
überhaupt, er ist bereits Kunstproduct, welchem die Natur vorarbeitet, das
aber erst durch freie Phantasiethätigkeit gewonnen wird.

§. 768.

Der Ton wird hervorgerufen durch regelmäßige Schwingungen eines1.
elastischen Körpers. Mit der verschiedenen Geschwindigkeit, in welcher die
einzelnen Schwingungen auf einander folgen, sind die Unterschiede der Höhe
und Tiefe der Töne gegeben. Empfindbar wird die Höhe eines Tons im2.
Verhältniß zu andern durch unbewußt vergleichende Auffassung der Zahl der
Schwingungen, welche während seiner Dauer den Hörnerv getroffen haben,
sowie durch den qualitativ verschiedenen Eindruck, welchen höhere und tiefere,
aus schnellern und langsamern Schwingungen entstehende Töne auf das Gehör-
organ hervorbringen. Der Höhenunterschied trennt jedoch nicht blos einzelne3.
Töne von einander, sondern er theilt auch die ganze Tonmasse ab in ver-
schiedene, höhere und niederere Tonlagen und Tongebiete, durch deren
gegensätzliche Beziehungen zu einander zuerst ein Element charakteristischen
Unterschiedes innerhalb des Tonmaterials hervortritt.

1. Die Natur kennt keine absolute Starrheit und Ruhe. Das Gleich-
gewicht der Theile eines Körpers kann durch äußere Einwirkung aufgehoben
werden, und zwar entweder bleibend oder vorübergehend; nach geringen
Störungen stellt es sich von selber wieder her: die Körper erweisen sich
elaftisch. Ein Anstoß von außen ist im Stande einen Körper im Innersten
erbeben zu machen; die zunächst getroffenen Moleküle weichen aus, kehren
zurück, erhalten sich einige Zeit in dieser oscillirenden Bewegung und theilen
sie zugleich den benachbarten Theilchen mit, so daß die Oscillation sich
durch die Gesammtmasse des Körpers fortpflanzt, zuweilen ihn als Ganzes
in sichtbare Erschütterung versetzt, ja selbst noch auf andere ihn berührende
Körper sich überträgt, insbesondere auf die umgebende Luft und durch deren
Vermittlung auf unser Gehörorgan; der irritirte Hörnerv schlägt die räthsel-
hafte Brücke zwischen Außen- und Innenwelt und läßt uns jenes Erzittern
als Schall vernehmen. Zum Ton veredelt sich der Schall, wenn die
Schwingungen des Körpers regelmäßig erfolgen, d. h. in gleichen Zeit-
abschnitten, in gleichem Rhythmus sich wiederholen; erst mit dieser Regel-
mäßigkeit wird der Schall ein meßbares, den Eindruck einer bestimmten
"Höhe" oder "Tiefe" gebendes und damit die Phantasie klar und deutlich
ansprechendes Tönen, erst mit dem Eintreten der Regel, des Ebenmaßes
beginnt die Musik. Je kürzer die Zeitdauer einer Schwingung, je schneller

oder Spielers oder des Künſtlers, der muſikaliſche Inſtrumente fertigt; kurz,
es verhält ſich mit dem Einzeltone gerade ſo wie mit dem Tonmaterial
überhaupt, er iſt bereits Kunſtproduct, welchem die Natur vorarbeitet, das
aber erſt durch freie Phantaſiethätigkeit gewonnen wird.

§. 768.

Der Ton wird hervorgerufen durch regelmäßige Schwingungen eines1.
elaſtiſchen Körpers. Mit der verſchiedenen Geſchwindigkeit, in welcher die
einzelnen Schwingungen auf einander folgen, ſind die Unterſchiede der Höhe
und Tiefe der Töne gegeben. Empfindbar wird die Höhe eines Tons im2.
Verhältniß zu andern durch unbewußt vergleichende Auffaſſung der Zahl der
Schwingungen, welche während ſeiner Dauer den Hörnerv getroffen haben,
ſowie durch den qualitativ verſchiedenen Eindruck, welchen höhere und tiefere,
aus ſchnellern und langſamern Schwingungen entſtehende Töne auf das Gehör-
organ hervorbringen. Der Höhenunterſchied trennt jedoch nicht blos einzelne3.
Töne von einander, ſondern er theilt auch die ganze Tonmaſſe ab in ver-
ſchiedene, höhere und niederere Tonlagen und Tongebiete, durch deren
gegenſätzliche Beziehungen zu einander zuerſt ein Element charakteriſtiſchen
Unterſchiedes innerhalb des Tonmaterials hervortritt.

1. Die Natur kennt keine abſolute Starrheit und Ruhe. Das Gleich-
gewicht der Theile eines Körpers kann durch äußere Einwirkung aufgehoben
werden, und zwar entweder bleibend oder vorübergehend; nach geringen
Störungen ſtellt es ſich von ſelber wieder her: die Körper erweiſen ſich
elaftiſch. Ein Anſtoß von außen iſt im Stande einen Körper im Innerſten
erbeben zu machen; die zunächſt getroffenen Moleküle weichen aus, kehren
zurück, erhalten ſich einige Zeit in dieſer oscillirenden Bewegung und theilen
ſie zugleich den benachbarten Theilchen mit, ſo daß die Oscillation ſich
durch die Geſammtmaſſe des Körpers fortpflanzt, zuweilen ihn als Ganzes
in ſichtbare Erſchütterung verſetzt, ja ſelbſt noch auf andere ihn berührende
Körper ſich überträgt, insbeſondere auf die umgebende Luft und durch deren
Vermittlung auf unſer Gehörorgan; der irritirte Hörnerv ſchlägt die räthſel-
hafte Brücke zwiſchen Außen- und Innenwelt und läßt uns jenes Erzittern
als Schall vernehmen. Zum Ton veredelt ſich der Schall, wenn die
Schwingungen des Körpers regelmäßig erfolgen, d. h. in gleichen Zeit-
abſchnitten, in gleichem Rhythmus ſich wiederholen; erſt mit dieſer Regel-
mäßigkeit wird der Schall ein meßbares, den Eindruck einer beſtimmten
„Höhe“ oder „Tiefe“ gebendes und damit die Phantaſie klar und deutlich
anſprechendes Tönen, erſt mit dem Eintreten der Regel, des Ebenmaßes
beginnt die Muſik. Je kürzer die Zeitdauer einer Schwingung, je ſchneller

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[847/0085] oder Spielers oder des Künſtlers, der muſikaliſche Inſtrumente fertigt; kurz, es verhält ſich mit dem Einzeltone gerade ſo wie mit dem Tonmaterial überhaupt, er iſt bereits Kunſtproduct, welchem die Natur vorarbeitet, das aber erſt durch freie Phantaſiethätigkeit gewonnen wird. §. 768. Der Ton wird hervorgerufen durch regelmäßige Schwingungen eines elaſtiſchen Körpers. Mit der verſchiedenen Geſchwindigkeit, in welcher die einzelnen Schwingungen auf einander folgen, ſind die Unterſchiede der Höhe und Tiefe der Töne gegeben. Empfindbar wird die Höhe eines Tons im Verhältniß zu andern durch unbewußt vergleichende Auffaſſung der Zahl der Schwingungen, welche während ſeiner Dauer den Hörnerv getroffen haben, ſowie durch den qualitativ verſchiedenen Eindruck, welchen höhere und tiefere, aus ſchnellern und langſamern Schwingungen entſtehende Töne auf das Gehör- organ hervorbringen. Der Höhenunterſchied trennt jedoch nicht blos einzelne Töne von einander, ſondern er theilt auch die ganze Tonmaſſe ab in ver- ſchiedene, höhere und niederere Tonlagen und Tongebiete, durch deren gegenſätzliche Beziehungen zu einander zuerſt ein Element charakteriſtiſchen Unterſchiedes innerhalb des Tonmaterials hervortritt. 1. Die Natur kennt keine abſolute Starrheit und Ruhe. Das Gleich- gewicht der Theile eines Körpers kann durch äußere Einwirkung aufgehoben werden, und zwar entweder bleibend oder vorübergehend; nach geringen Störungen ſtellt es ſich von ſelber wieder her: die Körper erweiſen ſich elaftiſch. Ein Anſtoß von außen iſt im Stande einen Körper im Innerſten erbeben zu machen; die zunächſt getroffenen Moleküle weichen aus, kehren zurück, erhalten ſich einige Zeit in dieſer oscillirenden Bewegung und theilen ſie zugleich den benachbarten Theilchen mit, ſo daß die Oscillation ſich durch die Geſammtmaſſe des Körpers fortpflanzt, zuweilen ihn als Ganzes in ſichtbare Erſchütterung verſetzt, ja ſelbſt noch auf andere ihn berührende Körper ſich überträgt, insbeſondere auf die umgebende Luft und durch deren Vermittlung auf unſer Gehörorgan; der irritirte Hörnerv ſchlägt die räthſel- hafte Brücke zwiſchen Außen- und Innenwelt und läßt uns jenes Erzittern als Schall vernehmen. Zum Ton veredelt ſich der Schall, wenn die Schwingungen des Körpers regelmäßig erfolgen, d. h. in gleichen Zeit- abſchnitten, in gleichem Rhythmus ſich wiederholen; erſt mit dieſer Regel- mäßigkeit wird der Schall ein meßbares, den Eindruck einer beſtimmten „Höhe“ oder „Tiefe“ gebendes und damit die Phantaſie klar und deutlich anſprechendes Tönen, erſt mit dem Eintreten der Regel, des Ebenmaßes beginnt die Muſik. Je kürzer die Zeitdauer einer Schwingung, je ſchneller

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Zitationshilfe: Vischer, Friedrich Theodor von: Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen. Bd. 3,2,4. Stuttgart, 1857, S. 847. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/vischer_aesthetik030204_1857/85>, abgerufen am 28.02.2021.