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Robert, Waldmüller [d. i. Charles Edouard Duboc]: Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 10. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 203–295. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016.

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Anschauen der sonnigen Tenne fast wieder deutlich vor die Seele tritt und die Hauptschuld trägt, daß er sich in dem lächelnden Anschauen des alten Spielplatzes von der Wittwe selbst überraschen läßt.

Frau Pastor Anna Malter ist es in der That, die eben aus der Thür des Giebelhauses tritt und den fremd gewordenen Besucher einen Augenblick von ferne mustert, ungewiß, ob es der Nachbar aus der Küsterei oder der ihr durch ein unverständliches Gerichtsschreiben angekündigte Wolfenbütteler Amtsbote sei. Sie ist zart von Wuchs und blaß von Farbe. Die Krugwirthin würde sie zu Denjenigen gezählt haben, welche schwach im Leibe werden, wenn sie einen Kessel vom Feuer heben oder von zwei Uhr früh bis Mittag am Brunnen Zeug waschen sollen. Und mit Recht. Ihre Gesundheit hat gelitten, seit ihr plötzlich die Sorge für Unterhalt und Erziehung fünf unerwachsener Kinder allein auf die schmalen Schultern geladen worden ist, seit ihr ein Rechnungswesen zugefallen ist, von dem sie nichts begreift, und ein Rathgeber entrissen ward, dessen Unentbehrlichkeit sie jetzt erst zu ahnen beginnt. Drei Kinder sind ihre eigenen, zwei sind die der ersten Frau des seligen Herrn. Da giebt es abgesagte Gelder, vormundschaftliche Anfragen, gesteigerte Verantwortlichkeit schon um der vorausgesetzten Parteilichkeit willen, deren bloßen Schein es zu vermeiden gilt. Sie soll einen Curator wählen, und hat doch kein Vertrauen zu den ihr vorgeschlagenen. Von einem Monat zum andern hat sie ihren

Anschauen der sonnigen Tenne fast wieder deutlich vor die Seele tritt und die Hauptschuld trägt, daß er sich in dem lächelnden Anschauen des alten Spielplatzes von der Wittwe selbst überraschen läßt.

Frau Pastor Anna Malter ist es in der That, die eben aus der Thür des Giebelhauses tritt und den fremd gewordenen Besucher einen Augenblick von ferne mustert, ungewiß, ob es der Nachbar aus der Küsterei oder der ihr durch ein unverständliches Gerichtsschreiben angekündigte Wolfenbütteler Amtsbote sei. Sie ist zart von Wuchs und blaß von Farbe. Die Krugwirthin würde sie zu Denjenigen gezählt haben, welche schwach im Leibe werden, wenn sie einen Kessel vom Feuer heben oder von zwei Uhr früh bis Mittag am Brunnen Zeug waschen sollen. Und mit Recht. Ihre Gesundheit hat gelitten, seit ihr plötzlich die Sorge für Unterhalt und Erziehung fünf unerwachsener Kinder allein auf die schmalen Schultern geladen worden ist, seit ihr ein Rechnungswesen zugefallen ist, von dem sie nichts begreift, und ein Rathgeber entrissen ward, dessen Unentbehrlichkeit sie jetzt erst zu ahnen beginnt. Drei Kinder sind ihre eigenen, zwei sind die der ersten Frau des seligen Herrn. Da giebt es abgesagte Gelder, vormundschaftliche Anfragen, gesteigerte Verantwortlichkeit schon um der vorausgesetzten Parteilichkeit willen, deren bloßen Schein es zu vermeiden gilt. Sie soll einen Curator wählen, und hat doch kein Vertrauen zu den ihr vorgeschlagenen. Von einem Monat zum andern hat sie ihren

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[0037] Anschauen der sonnigen Tenne fast wieder deutlich vor die Seele tritt und die Hauptschuld trägt, daß er sich in dem lächelnden Anschauen des alten Spielplatzes von der Wittwe selbst überraschen läßt. Frau Pastor Anna Malter ist es in der That, die eben aus der Thür des Giebelhauses tritt und den fremd gewordenen Besucher einen Augenblick von ferne mustert, ungewiß, ob es der Nachbar aus der Küsterei oder der ihr durch ein unverständliches Gerichtsschreiben angekündigte Wolfenbütteler Amtsbote sei. Sie ist zart von Wuchs und blaß von Farbe. Die Krugwirthin würde sie zu Denjenigen gezählt haben, welche schwach im Leibe werden, wenn sie einen Kessel vom Feuer heben oder von zwei Uhr früh bis Mittag am Brunnen Zeug waschen sollen. Und mit Recht. Ihre Gesundheit hat gelitten, seit ihr plötzlich die Sorge für Unterhalt und Erziehung fünf unerwachsener Kinder allein auf die schmalen Schultern geladen worden ist, seit ihr ein Rechnungswesen zugefallen ist, von dem sie nichts begreift, und ein Rathgeber entrissen ward, dessen Unentbehrlichkeit sie jetzt erst zu ahnen beginnt. Drei Kinder sind ihre eigenen, zwei sind die der ersten Frau des seligen Herrn. Da giebt es abgesagte Gelder, vormundschaftliche Anfragen, gesteigerte Verantwortlichkeit schon um der vorausgesetzten Parteilichkeit willen, deren bloßen Schein es zu vermeiden gilt. Sie soll einen Curator wählen, und hat doch kein Vertrauen zu den ihr vorgeschlagenen. Von einem Monat zum andern hat sie ihren

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Thomas Weitin: Herausgeber
Digital Humanities Cooperation Konstanz/Darmstadt: Bereitstellung der Texttranskription. (2017-03-16T12:58:19Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Jan Merkt, Thomas Gilli, Jasmin Bieber, Katharina Herget, Anni Peter, Christian Thomas, Benjamin Fiechter: Bearbeitung der digitalen Edition. (2017-03-16T12:58:19Z)

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Zitationshilfe: Robert, Waldmüller [d. i. Charles Edouard Duboc]: Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 10. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 203–295. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/waldmueller_allein_1910/37>, abgerufen am 28.03.2024.