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Wallner, Franz: Der arme Josy. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 15. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 147–167. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016.

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gericht gestellt und sein Verbrechen ohne Hehl gestanden. --

Der peinliche Prozeß nahm seinen Anfang, der vorsätzliche Mord lag klar am Tage; und wie viele Milderungsgründe auch für den Menschen vorlagen, das Gesetz konnte keinen anerkennen, sein tödtender Buchstabe sprach den Henkertod am Galgen über den ihm Verfallenen aus. Der unglückliche Josy hatte die Zwischenzeit in einer Art von stumpfsinniger Verzweiflung verlebt. Alle Versuche, den Freund zu sehen, zu sprechen, schlugen natürlich während der Dauer der Untersuchung fehl, und nur dem zum Tode Verurtheilten wurden zwei Bitten gewährt: erstens, von dem Jugendgespielen ohne Zeugen Abschied nehmen zu dürfen, zweitens diesen den Kameraden beigesellt zu sehen, welche ihn auf dem letzten schweren Gange zu escortiren die traurige Pflicht hatten. Was bei ihrem letzten Zusammensein von den Unglücklichen besprochen worden, welch herzzerreißender Jammer den Abschied fürs Leben begleitete, kann man nur vermuthen; denn als der Gefangenwärter sie zur Trennung aufforderte, fand er Istvan gefaßt und ruhig und vernahm nur die verhängnißvollen Worte: Gedenke deines Schwures, welche er nach einem langen und heißen Bruderkusse dem sich verzweiflungsvoll losreißenden Josy zurief.

Die nächste Frühsonne beschien eine unabsehbare

gericht gestellt und sein Verbrechen ohne Hehl gestanden. —

Der peinliche Prozeß nahm seinen Anfang, der vorsätzliche Mord lag klar am Tage; und wie viele Milderungsgründe auch für den Menschen vorlagen, das Gesetz konnte keinen anerkennen, sein tödtender Buchstabe sprach den Henkertod am Galgen über den ihm Verfallenen aus. Der unglückliche Josy hatte die Zwischenzeit in einer Art von stumpfsinniger Verzweiflung verlebt. Alle Versuche, den Freund zu sehen, zu sprechen, schlugen natürlich während der Dauer der Untersuchung fehl, und nur dem zum Tode Verurtheilten wurden zwei Bitten gewährt: erstens, von dem Jugendgespielen ohne Zeugen Abschied nehmen zu dürfen, zweitens diesen den Kameraden beigesellt zu sehen, welche ihn auf dem letzten schweren Gange zu escortiren die traurige Pflicht hatten. Was bei ihrem letzten Zusammensein von den Unglücklichen besprochen worden, welch herzzerreißender Jammer den Abschied fürs Leben begleitete, kann man nur vermuthen; denn als der Gefangenwärter sie zur Trennung aufforderte, fand er Istvan gefaßt und ruhig und vernahm nur die verhängnißvollen Worte: Gedenke deines Schwures, welche er nach einem langen und heißen Bruderkusse dem sich verzweiflungsvoll losreißenden Josy zurief.

Die nächste Frühsonne beschien eine unabsehbare

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[0019] gericht gestellt und sein Verbrechen ohne Hehl gestanden. — Der peinliche Prozeß nahm seinen Anfang, der vorsätzliche Mord lag klar am Tage; und wie viele Milderungsgründe auch für den Menschen vorlagen, das Gesetz konnte keinen anerkennen, sein tödtender Buchstabe sprach den Henkertod am Galgen über den ihm Verfallenen aus. Der unglückliche Josy hatte die Zwischenzeit in einer Art von stumpfsinniger Verzweiflung verlebt. Alle Versuche, den Freund zu sehen, zu sprechen, schlugen natürlich während der Dauer der Untersuchung fehl, und nur dem zum Tode Verurtheilten wurden zwei Bitten gewährt: erstens, von dem Jugendgespielen ohne Zeugen Abschied nehmen zu dürfen, zweitens diesen den Kameraden beigesellt zu sehen, welche ihn auf dem letzten schweren Gange zu escortiren die traurige Pflicht hatten. Was bei ihrem letzten Zusammensein von den Unglücklichen besprochen worden, welch herzzerreißender Jammer den Abschied fürs Leben begleitete, kann man nur vermuthen; denn als der Gefangenwärter sie zur Trennung aufforderte, fand er Istvan gefaßt und ruhig und vernahm nur die verhängnißvollen Worte: Gedenke deines Schwures, welche er nach einem langen und heißen Bruderkusse dem sich verzweiflungsvoll losreißenden Josy zurief. Die nächste Frühsonne beschien eine unabsehbare

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Thomas Weitin: Herausgeber
Digital Humanities Cooperation Konstanz/Darmstadt: Bereitstellung der Texttranskription. (2017-03-16T13:02:20Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Jan Merkt, Thomas Gilli, Jasmin Bieber, Katharina Herget, Anni Peter, Christian Thomas, Benjamin Fiechter: Bearbeitung der digitalen Edition. (2017-03-16T13:02:20Z)

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Zitationshilfe: Wallner, Franz: Der arme Josy. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 15. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 147–167. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/wallner_josy_1910/19>, abgerufen am 17.04.2021.