Eigennuz gepfropft: sollte die Frucht besser seyn, als die Säfte, die ihr der Stamm zu- führte? -- Jch mußte mich von Dir tren- nen, oder voll Treue mit Dir verhungern. Fromal verlangte schlechterdings, dir einen so empfindlichen Abschied zu geben; was konnte ich thun? -- Jch mußte mich zwin- gen, ihm zu gehorchen, oder ihn verlieren: der Wechsel war schrecklich: der Eigennuz drängte auf mich los, ich ließ mich überre- den, ich verübte die Gewaltthätigkeit an dir, und wünschte sie, durch Reue ungeschehen machen zu können. Belphegor, in Thränen habe ich geschwommen, in den heißesten Thrä- nen, wenn der Gedanke an meine Ungerech- tigkeit in mich zurückkam. --
O wenn ich dir nur glauben dürfte! --
Du mußt, wenn du nicht die Wahrheit verwerfen willst. -- Jch wandte mich von dir zu dem Unglücklichen, der mit Fromaln dich verdrängte, und den dieser Barbar sei- ner Misgunst und Eifersucht aufopferte --
Unverschämte! wagst du auch die Ehre meines Freundes zu beschmeißen, Jnsekt? -- Erdichtung! Geh! mein Freund --
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Eigennuz gepfropft: ſollte die Frucht beſſer ſeyn, als die Saͤfte, die ihr der Stamm zu- fuͤhrte? — Jch mußte mich von Dir tren- nen, oder voll Treue mit Dir verhungern. Fromal verlangte ſchlechterdings, dir einen ſo empfindlichen Abſchied zu geben; was konnte ich thun? — Jch mußte mich zwin- gen, ihm zu gehorchen, oder ihn verlieren: der Wechſel war ſchrecklich: der Eigennuz draͤngte auf mich los, ich ließ mich uͤberre- den, ich veruͤbte die Gewaltthaͤtigkeit an dir, und wuͤnſchte ſie, durch Reue ungeſchehen machen zu koͤnnen. Belphegor, in Thraͤnen habe ich geſchwommen, in den heißeſten Thraͤ- nen, wenn der Gedanke an meine Ungerech- tigkeit in mich zuruͤckkam. —
O wenn ich dir nur glauben duͤrfte! —
Du mußt, wenn du nicht die Wahrheit verwerfen willſt. — Jch wandte mich von dir zu dem Ungluͤcklichen, der mit Fromaln dich verdraͤngte, und den dieſer Barbar ſei- ner Misgunſt und Eiferſucht aufopferte —
Unverſchaͤmte! wagſt du auch die Ehre meines Freundes zu beſchmeißen, Jnſekt? — Erdichtung! Geh! mein Freund —
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Eigennuz gepfropft: ſollte die Frucht beſſer
ſeyn, als die Saͤfte, die ihr der Stamm zu-
fuͤhrte? — Jch mußte mich von Dir tren-
nen, oder voll Treue mit Dir verhungern.
Fromal verlangte ſchlechterdings, dir einen
ſo empfindlichen Abſchied zu geben; was
konnte ich thun? — Jch mußte mich zwin-
gen, ihm zu gehorchen, oder ihn verlieren:
der Wechſel war ſchrecklich: der Eigennuz
draͤngte auf mich los, ich ließ mich uͤberre-
den, ich veruͤbte die Gewaltthaͤtigkeit an dir,
und wuͤnſchte ſie, durch Reue ungeſchehen
machen zu koͤnnen. Belphegor, in Thraͤnen
habe ich geſchwommen, in den heißeſten Thraͤ-
nen, wenn der Gedanke an meine Ungerech-
tigkeit in mich zuruͤckkam. —
O wenn ich dir nur glauben duͤrfte! —
Du mußt, wenn du nicht die Wahrheit
verwerfen willſt. — Jch wandte mich von
dir zu dem Ungluͤcklichen, der mit Fromaln
dich verdraͤngte, und den dieſer Barbar ſei-
ner Misgunſt und Eiferſucht aufopferte —
Unverſchaͤmte! wagſt du auch die Ehre
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Wezel, Johann Carl: Belphegor, oder die wahrscheinlichste Geschichte unter der Sonne. Bd. 1. Leipzig, 1776, S. 87. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/wezel_belphegor01_1776/107>, abgerufen am 15.09.2024.
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