Wieland, Christoph Martin: Geschichte des Agathon. Bd. 1. Frankfurt (Main) u. a., 1766.Agathon, durch einige Verehrer dieses Atheniensischen Bürgers soberühmt worden ist, so wol in ihrer Beschaffenheit, als in ihren Würkungen unendlich unterschieden; oder bes- ser zu sagen, sie war die vollkommne Antipode derselbi- gen. Die Sophisten lehrten die Kunst, die Leidenschaf- ten andrer Menschen zu erregen; Socrates die Kunst, seine eigene zu dämpfen. Jene lehrten, wie man es machen müsse, um weise und tugendhaft zu scheinen; dieser lehrte, wie man es sey. Jene munterten die Jünglinge von Athen auf, sich der Regierung des Staats anzumassen; Socrates, daß sie vorher die Helfte ihres Lebens anwenden sollten, sich selbst regieren zu lernen. Jene spotteten der Socratischen Weisheit, die nur in einem schlechten Mantel aufzog, und sich mit ei- ner Mahlzeit für sechs Pfenninge begnügte, da die ih- rige in Purpur schimmerte, und offne Tafel hielt. Die Socratische Weisheit war stolz darauf, den Reichthum entbehren zu können; die ihrige wußte, ihn zu erwer- ben. Sie war gefällig, einschmeichelnd, und wußte alle Gestalten anzunehmen; sie vergötterte die Grossen, kroch vor ihren Dienern, tändelte mit den Damen, und schmeichelte allen, welche es bezahlten. Sie war allenthalben an ihrem rechten Plaz; beliebt bey Hofe, beliebt an der Toilette, beliebt beym Spiel-Tisch, be- liebt beym Adel, beliebt bey den Finanz-Pachtern, be- liebt bey den Theater-Göttinnen, beliebt so gar bey der Priesterschaft. Die Socratische war weit entfernt, so lie- benswürdig zu seyn; sie war troken und langweilig; sie wußte
Agathon, durch einige Verehrer dieſes Athenienſiſchen Buͤrgers ſoberuͤhmt worden iſt, ſo wol in ihrer Beſchaffenheit, als in ihren Wuͤrkungen unendlich unterſchieden; oder beſ- ſer zu ſagen, ſie war die vollkommne Antipode derſelbi- gen. Die Sophiſten lehrten die Kunſt, die Leidenſchaf- ten andrer Menſchen zu erregen; Socrates die Kunſt, ſeine eigene zu daͤmpfen. Jene lehrten, wie man es machen muͤſſe, um weiſe und tugendhaft zu ſcheinen; dieſer lehrte, wie man es ſey. Jene munterten die Juͤnglinge von Athen auf, ſich der Regierung des Staats anzumaſſen; Socrates, daß ſie vorher die Helfte ihres Lebens anwenden ſollten, ſich ſelbſt regieren zu lernen. Jene ſpotteten der Socratiſchen Weisheit, die nur in einem ſchlechten Mantel aufzog, und ſich mit ei- ner Mahlzeit fuͤr ſechs Pfenninge begnuͤgte, da die ih- rige in Purpur ſchimmerte, und offne Tafel hielt. Die Socratiſche Weisheit war ſtolz darauf, den Reichthum entbehren zu koͤnnen; die ihrige wußte, ihn zu erwer- ben. Sie war gefaͤllig, einſchmeichelnd, und wußte alle Geſtalten anzunehmen; ſie vergoͤtterte die Groſſen, kroch vor ihren Dienern, taͤndelte mit den Damen, und ſchmeichelte allen, welche es bezahlten. Sie war allenthalben an ihrem rechten Plaz; beliebt bey Hofe, beliebt an der Toilette, beliebt beym Spiel-Tiſch, be- liebt beym Adel, beliebt bey den Finanz-Pachtern, be- liebt bey den Theater-Goͤttinnen, beliebt ſo gar bey der Prieſterſchaft. Die Socratiſche war weit entfernt, ſo lie- benswuͤrdig zu ſeyn; ſie war troken und langweilig; ſie wußte
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Agathon,
durch einige Verehrer dieſes Athenienſiſchen Buͤrgers ſo
beruͤhmt worden iſt, ſo wol in ihrer Beſchaffenheit, als
in ihren Wuͤrkungen unendlich unterſchieden; oder beſ-
ſer zu ſagen, ſie war die vollkommne Antipode derſelbi-
gen. Die Sophiſten lehrten die Kunſt, die Leidenſchaf-
ten andrer Menſchen zu erregen; Socrates die Kunſt,
ſeine eigene zu daͤmpfen. Jene lehrten, wie man es
machen muͤſſe, um weiſe und tugendhaft zu ſcheinen;
dieſer lehrte, wie man es ſey. Jene munterten die
Juͤnglinge von Athen auf, ſich der Regierung des
Staats anzumaſſen; Socrates, daß ſie vorher die Helfte
ihres Lebens anwenden ſollten, ſich ſelbſt regieren zu
lernen. Jene ſpotteten der Socratiſchen Weisheit, die
nur in einem ſchlechten Mantel aufzog, und ſich mit ei-
ner Mahlzeit fuͤr ſechs Pfenninge begnuͤgte, da die ih-
rige in Purpur ſchimmerte, und offne Tafel hielt. Die
Socratiſche Weisheit war ſtolz darauf, den Reichthum
entbehren zu koͤnnen; die ihrige wußte, ihn zu erwer-
ben. Sie war gefaͤllig, einſchmeichelnd, und wußte
alle Geſtalten anzunehmen; ſie vergoͤtterte die Groſſen,
kroch vor ihren Dienern, taͤndelte mit den Damen,
und ſchmeichelte allen, welche es bezahlten. Sie war
allenthalben an ihrem rechten Plaz; beliebt bey Hofe,
beliebt an der Toilette, beliebt beym Spiel-Tiſch, be-
liebt beym Adel, beliebt bey den Finanz-Pachtern, be-
liebt bey den Theater-Goͤttinnen, beliebt ſo gar bey der
Prieſterſchaft. Die Socratiſche war weit entfernt, ſo lie-
benswuͤrdig zu ſeyn; ſie war troken und langweilig; ſie
wußte
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| Zitationshilfe: | Wieland, Christoph Martin: Geschichte des Agathon. Bd. 1. Frankfurt (Main) u. a., 1766, S. 40. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/wieland_agathon01_1766/62>, abgerufen am 26.09.2024. |


