wußte nicht zu leben; sie war unerträglich, weil sie al- les tadelte, und immer Recht hatte; sie wurde von dem geschäftigen Theil der Welt für unnüzlich, von dem müssigen für abgeschmakt, und von dem andächtigen gar für gefährlich erklärt. Wir würden nicht fertig wer- den, wenn wir diese Gegensäze so weit treiben wollten, als wir könnten. Genug, daß die Weisheit der So- phisten einen Vorzug hatte, den ihr die Socratische nicht streitig machen konnte; sie verschafte ihren Besi- zern Reichthum, Ansehen, Ruhm, und ein Leben, das von allem, was die Welt glüklich nennet, überfloß.
Hippias (so hieß der neue Herr unsers Agathon) war einer von diesen Glüklichen, dem die Kunst, sich die Thorheiten andrer Leute zinsbar zu machen, ein Vermögen erworben hatte; wodurch er sich im Stande sah, sich der Ausübung derselben zu begeben, und die andre Helfte seines Lebens in den Ergözungen eines be- güterten Müssigangs zu zubringen; zu deren angenehm- sten Genuß das zunehmende Alter viel geschikter scheint, als die ungestüme Jugend. Er hatte sich zu diesem Ende Smyrna zu seinem Wohn-Ort ausersehen, weil die An- nehmlichkeiten des Jonischen Clima, die schöne Lage die- ser Stadt, der Ueberfluß, der ihr durch die Handlung aus allen Theilen des Erdbodens zuströmte, und die Verbindung des griechischen Geschmaks mit der wollüsti- gen Ueppigkeit der Morgenländer ihm diesen Aufent- halt vor allen andern, die er kannte, vorzüglich machte.
Hippias
C 5
Zweytes Buch, erſtes Capitel.
wußte nicht zu leben; ſie war unertraͤglich, weil ſie al- les tadelte, und immer Recht hatte; ſie wurde von dem geſchaͤftigen Theil der Welt fuͤr unnuͤzlich, von dem muͤſſigen fuͤr abgeſchmakt, und von dem andaͤchtigen gar fuͤr gefaͤhrlich erklaͤrt. Wir wuͤrden nicht fertig wer- den, wenn wir dieſe Gegenſaͤze ſo weit treiben wollten, als wir koͤnnten. Genug, daß die Weisheit der So- phiſten einen Vorzug hatte, den ihr die Socratiſche nicht ſtreitig machen konnte; ſie verſchafte ihren Beſi- zern Reichthum, Anſehen, Ruhm, und ein Leben, das von allem, was die Welt gluͤklich nennet, uͤberfloß.
Hippias (ſo hieß der neue Herr unſers Agathon) war einer von dieſen Gluͤklichen, dem die Kunſt, ſich die Thorheiten andrer Leute zinsbar zu machen, ein Vermoͤgen erworben hatte; wodurch er ſich im Stande ſah, ſich der Ausuͤbung derſelben zu begeben, und die andre Helfte ſeines Lebens in den Ergoͤzungen eines be- guͤterten Muͤſſigangs zu zubringen; zu deren angenehm- ſten Genuß das zunehmende Alter viel geſchikter ſcheint, als die ungeſtuͤme Jugend. Er hatte ſich zu dieſem Ende Smyrna zu ſeinem Wohn-Ort auserſehen, weil die An- nehmlichkeiten des Joniſchen Clima, die ſchoͤne Lage die- ſer Stadt, der Ueberfluß, der ihr durch die Handlung aus allen Theilen des Erdbodens zuſtroͤmte, und die Verbindung des griechiſchen Geſchmaks mit der wolluͤſti- gen Ueppigkeit der Morgenlaͤnder ihm dieſen Aufent- halt vor allen andern, die er kannte, vorzuͤglich machte.
Hippias
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Zweytes Buch, erſtes Capitel.
wußte nicht zu leben; ſie war unertraͤglich, weil ſie al-
les tadelte, und immer Recht hatte; ſie wurde von dem
geſchaͤftigen Theil der Welt fuͤr unnuͤzlich, von dem
muͤſſigen fuͤr abgeſchmakt, und von dem andaͤchtigen
gar fuͤr gefaͤhrlich erklaͤrt. Wir wuͤrden nicht fertig wer-
den, wenn wir dieſe Gegenſaͤze ſo weit treiben wollten,
als wir koͤnnten. Genug, daß die Weisheit der So-
phiſten einen Vorzug hatte, den ihr die Socratiſche
nicht ſtreitig machen konnte; ſie verſchafte ihren Beſi-
zern Reichthum, Anſehen, Ruhm, und ein Leben,
das von allem, was die Welt gluͤklich nennet, uͤberfloß.
Hippias (ſo hieß der neue Herr unſers Agathon)
war einer von dieſen Gluͤklichen, dem die Kunſt, ſich
die Thorheiten andrer Leute zinsbar zu machen, ein
Vermoͤgen erworben hatte; wodurch er ſich im Stande
ſah, ſich der Ausuͤbung derſelben zu begeben, und die
andre Helfte ſeines Lebens in den Ergoͤzungen eines be-
guͤterten Muͤſſigangs zu zubringen; zu deren angenehm-
ſten Genuß das zunehmende Alter viel geſchikter ſcheint,
als die ungeſtuͤme Jugend. Er hatte ſich zu dieſem Ende
Smyrna zu ſeinem Wohn-Ort auserſehen, weil die An-
nehmlichkeiten des Joniſchen Clima, die ſchoͤne Lage die-
ſer Stadt, der Ueberfluß, der ihr durch die Handlung
aus allen Theilen des Erdbodens zuſtroͤmte, und die
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Wieland, Christoph Martin: Geschichte des Agathon. Bd. 1. Frankfurt (Main) u. a., 1766, S. 41. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/wieland_agathon01_1766/63>, abgerufen am 26.09.2024.
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