Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Wieland, Christoph Martin: Geschichte des Agathon. Bd. 1. Frankfurt (Main) u. a., 1766.

Bild:
<< vorherige Seite

Agathon.
nachdem man es einmal gesehen hat, immer zu sehen?
Solche Schlüsse macht die Leidenschaft. "Aber was
sagte denn die Vernunft dazu? " die Vernunft? O, die
sagte gar nichts. Uebrigens müssen wir doch, es mag
nun zur Entschuldigung unsers Helden dienen oder nicht,
den Umstand nicht aus der Acht lassen, daß er von der
schönen Danae nichts anders wußte, als was er gese-
hen hatte. Der Charakter, den ihr die Welt beylegte,
war ihm gänzlich unbekannt; er hatte noch keinen An-
laß, und, die Wahrheit zu sagen, auch kein Verlan-
gen gehabt, sich darnach zu erkundigeu.

Drittes Capitel.
Worinn die Absichten des Hippias einen
merklichen Schritt machen.

Jnzwischen waren ungefehr acht Tage verflossen, welche
dem stillschweigenden und melancholischen Agathon, zu
grossem Vergnügen des boshaften Sophisten, achthun-
dert Jahre däuchten, als dieser an einem Morgen zu
ihm kam, und mit einer gleichgültigen Art zu ihm sagte:
Danae hat einen Aufseher über ihre Gärten und Land-
güter vonnöthen; was sagst du zu dem Einfall, den
ich habe, dich an diesen Plaz zu sezen? Mich däucht, du
würdest dich nicht übel zu einem solchen Amte schiken;
hast du nicht Lust in ihre Dienste zu tretten? Ein Wort,
welches Bestürzung und übermäßige Freude, Mißtranen

und

Agathon.
nachdem man es einmal geſehen hat, immer zu ſehen?
Solche Schluͤſſe macht die Leidenſchaft. „Aber was
ſagte denn die Vernunft dazu? „ die Vernunft? O, die
ſagte gar nichts. Uebrigens muͤſſen wir doch, es mag
nun zur Entſchuldigung unſers Helden dienen oder nicht,
den Umſtand nicht aus der Acht laſſen, daß er von der
ſchoͤnen Danae nichts anders wußte, als was er geſe-
hen hatte. Der Charakter, den ihr die Welt beylegte,
war ihm gaͤnzlich unbekannt; er hatte noch keinen An-
laß, und, die Wahrheit zu ſagen, auch kein Verlan-
gen gehabt, ſich darnach zu erkundigeu.

Drittes Capitel.
Worinn die Abſichten des Hippias einen
merklichen Schritt machen.

Jnzwiſchen waren ungefehr acht Tage verfloſſen, welche
dem ſtillſchweigenden und melancholiſchen Agathon, zu
groſſem Vergnuͤgen des boshaften Sophiſten, achthun-
dert Jahre daͤuchten, als dieſer an einem Morgen zu
ihm kam, und mit einer gleichguͤltigen Art zu ihm ſagte:
Danae hat einen Aufſeher uͤber ihre Gaͤrten und Land-
guͤter vonnoͤthen; was ſagſt du zu dem Einfall, den
ich habe, dich an dieſen Plaz zu ſezen? Mich daͤucht, du
wuͤrdeſt dich nicht uͤbel zu einem ſolchen Amte ſchiken;
haſt du nicht Luſt in ihre Dienſte zu tretten? Ein Wort,
welches Beſtuͤrzung und uͤbermaͤßige Freude, Mißtranen

und
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <p><pb facs="#f0194" n="172"/><fw place="top" type="header"><hi rendition="#b"><hi rendition="#g">Agathon.</hi></hi></fw><lb/>
nachdem man es einmal ge&#x017F;ehen hat, immer zu &#x017F;ehen?<lb/>
Solche Schlu&#x0364;&#x017F;&#x017F;e macht die Leiden&#x017F;chaft. &#x201E;Aber was<lb/>
&#x017F;agte denn die Vernunft dazu? &#x201E; die Vernunft? O, die<lb/>
&#x017F;agte gar nichts. Uebrigens mu&#x0364;&#x017F;&#x017F;en wir doch, es mag<lb/>
nun zur Ent&#x017F;chuldigung un&#x017F;ers Helden dienen oder nicht,<lb/>
den Um&#x017F;tand nicht aus der Acht la&#x017F;&#x017F;en, daß er von der<lb/>
&#x017F;cho&#x0364;nen Danae nichts anders wußte, als was er ge&#x017F;e-<lb/>
hen hatte. Der Charakter, den ihr die Welt beylegte,<lb/>
war ihm ga&#x0364;nzlich unbekannt; er hatte noch keinen An-<lb/>
laß, und, die Wahrheit zu &#x017F;agen, auch kein Verlan-<lb/>
gen gehabt, &#x017F;ich darnach zu erkundigeu.</p>
          </div><lb/>
          <div n="3">
            <head> <hi rendition="#b"><hi rendition="#g">Drittes Capitel.</hi><lb/>
Worinn die Ab&#x017F;ichten des Hippias einen<lb/>
merklichen Schritt machen.</hi> </head><lb/>
            <p><hi rendition="#in">J</hi>nzwi&#x017F;chen waren ungefehr acht Tage verflo&#x017F;&#x017F;en, welche<lb/>
dem &#x017F;till&#x017F;chweigenden und melancholi&#x017F;chen Agathon, zu<lb/>
gro&#x017F;&#x017F;em Vergnu&#x0364;gen des boshaften Sophi&#x017F;ten, achthun-<lb/>
dert Jahre da&#x0364;uchten, als die&#x017F;er an einem Morgen zu<lb/>
ihm kam, und mit einer gleichgu&#x0364;ltigen Art zu ihm &#x017F;agte:<lb/>
Danae hat einen Auf&#x017F;eher u&#x0364;ber ihre Ga&#x0364;rten und Land-<lb/>
gu&#x0364;ter vonno&#x0364;then; was &#x017F;ag&#x017F;t du zu dem Einfall, den<lb/>
ich habe, dich an die&#x017F;en Plaz zu &#x017F;ezen? Mich da&#x0364;ucht, du<lb/>
wu&#x0364;rde&#x017F;t dich nicht u&#x0364;bel zu einem &#x017F;olchen Amte &#x017F;chiken;<lb/>
ha&#x017F;t du nicht Lu&#x017F;t in ihre Dien&#x017F;te zu tretten? Ein Wort,<lb/>
welches Be&#x017F;tu&#x0364;rzung und u&#x0364;berma&#x0364;ßige Freude, Mißtranen<lb/>
<fw place="bottom" type="catch">und</fw><lb/></p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[172/0194] Agathon. nachdem man es einmal geſehen hat, immer zu ſehen? Solche Schluͤſſe macht die Leidenſchaft. „Aber was ſagte denn die Vernunft dazu? „ die Vernunft? O, die ſagte gar nichts. Uebrigens muͤſſen wir doch, es mag nun zur Entſchuldigung unſers Helden dienen oder nicht, den Umſtand nicht aus der Acht laſſen, daß er von der ſchoͤnen Danae nichts anders wußte, als was er geſe- hen hatte. Der Charakter, den ihr die Welt beylegte, war ihm gaͤnzlich unbekannt; er hatte noch keinen An- laß, und, die Wahrheit zu ſagen, auch kein Verlan- gen gehabt, ſich darnach zu erkundigeu. Drittes Capitel. Worinn die Abſichten des Hippias einen merklichen Schritt machen. Jnzwiſchen waren ungefehr acht Tage verfloſſen, welche dem ſtillſchweigenden und melancholiſchen Agathon, zu groſſem Vergnuͤgen des boshaften Sophiſten, achthun- dert Jahre daͤuchten, als dieſer an einem Morgen zu ihm kam, und mit einer gleichguͤltigen Art zu ihm ſagte: Danae hat einen Aufſeher uͤber ihre Gaͤrten und Land- guͤter vonnoͤthen; was ſagſt du zu dem Einfall, den ich habe, dich an dieſen Plaz zu ſezen? Mich daͤucht, du wuͤrdeſt dich nicht uͤbel zu einem ſolchen Amte ſchiken; haſt du nicht Luſt in ihre Dienſte zu tretten? Ein Wort, welches Beſtuͤrzung und uͤbermaͤßige Freude, Mißtranen und

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/wieland_agathon01_1766
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/wieland_agathon01_1766/194
Zitationshilfe: Wieland, Christoph Martin: Geschichte des Agathon. Bd. 1. Frankfurt (Main) u. a., 1766, S. 172. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/wieland_agathon01_1766/194>, abgerufen am 17.04.2021.