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Wieland, Christoph Martin: Geschichte des Agathon. Bd. 1. Frankfurt (Main) u. a., 1766.

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Agathon.
Schatten genug war, ihren Geliebten das Leben zu ko-
sten. Sie beklagten izt bey sich selbst, daß sie, nach
dem Beyspiel der Liebhaber in den Romanen, eine so
günstige Zeit mit unnöthigen Erzählungen verlohren, da
sie doch voraus sehen konnten, daß ihnen künftig wenig
Gelegenheit würde gegeben werden, sich zu besprechen.
Allein was sie hierüber hätte trösten können, war, daß
alle ihre Berathschlagungen und Erfindungen vergeblich
gewesen wären. Denn an eben diesem Morgen erhielt
der Hauptmann Nachricht von einem reichbeladnen
Schiffe, welches im Begrif sey, von Lesbos nach Co-
rinth abzugehen, und welches, nach den Umständen
die der Bericht angab, unterwegs aufgefangen werden
könnte. Diese Zeitung veranlaßte eine geheime Berath-
schlagung unter den Häuptern der Räuber, wovon der
Ausschlag war, daß Agathon mit den gefangnen Thra-
cierinnen und einigen andern jungen Sclaven unter ei-
ner Bedekung in eine Barke gesezt wurde, um unge-
säumt nach Smirna geführt und daselbst verkauft zu
werden; indeß, daß die Galeere mit dem grösten Theil
der Seeräuber sich fertig machte, der reichen Beute,
die sie schon in Gedanken verschlangen, entgegen zu
gehen. Jn diesem Augenblik verlohr Agathon die Ge-
lassenheit, mit der er bisher alle Stürme des widrigen
Glüks ausgehalten hatte. Der Gedanke, von seiner
Psyche wieder getrennt zu werden, sezte ihn ausser sich
selbst. Er warf sich zu den Füssen des Ciliciers, er
schwur ihm, daß der verkleidete Ganymedes sein Bru-
der sey; er bot sich selbst zu seinem Sclaven an, er

flehte,

Agathon.
Schatten genug war, ihren Geliebten das Leben zu ko-
ſten. Sie beklagten izt bey ſich ſelbſt, daß ſie, nach
dem Beyſpiel der Liebhaber in den Romanen, eine ſo
guͤnſtige Zeit mit unnoͤthigen Erzaͤhlungen verlohren, da
ſie doch voraus ſehen konnten, daß ihnen kuͤnftig wenig
Gelegenheit wuͤrde gegeben werden, ſich zu beſprechen.
Allein was ſie hieruͤber haͤtte troͤſten koͤnnen, war, daß
alle ihre Berathſchlagungen und Erfindungen vergeblich
geweſen waͤren. Denn an eben dieſem Morgen erhielt
der Hauptmann Nachricht von einem reichbeladnen
Schiffe, welches im Begrif ſey, von Lesbos nach Co-
rinth abzugehen, und welches, nach den Umſtaͤnden
die der Bericht angab, unterwegs aufgefangen werden
koͤnnte. Dieſe Zeitung veranlaßte eine geheime Berath-
ſchlagung unter den Haͤuptern der Raͤuber, wovon der
Ausſchlag war, daß Agathon mit den gefangnen Thra-
cierinnen und einigen andern jungen Sclaven unter ei-
ner Bedekung in eine Barke geſezt wurde, um unge-
ſaͤumt nach Smirna gefuͤhrt und daſelbſt verkauft zu
werden; indeß, daß die Galeere mit dem groͤſten Theil
der Seeraͤuber ſich fertig machte, der reichen Beute,
die ſie ſchon in Gedanken verſchlangen, entgegen zu
gehen. Jn dieſem Augenblik verlohr Agathon die Ge-
laſſenheit, mit der er bisher alle Stuͤrme des widrigen
Gluͤks ausgehalten hatte. Der Gedanke, von ſeiner
Pſyche wieder getrennt zu werden, ſezte ihn auſſer ſich
ſelbſt. Er warf ſich zu den Fuͤſſen des Ciliciers, er
ſchwur ihm, daß der verkleidete Ganymedes ſein Bru-
der ſey; er bot ſich ſelbſt zu ſeinem Sclaven an, er

flehte,
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[26/0048] Agathon. Schatten genug war, ihren Geliebten das Leben zu ko- ſten. Sie beklagten izt bey ſich ſelbſt, daß ſie, nach dem Beyſpiel der Liebhaber in den Romanen, eine ſo guͤnſtige Zeit mit unnoͤthigen Erzaͤhlungen verlohren, da ſie doch voraus ſehen konnten, daß ihnen kuͤnftig wenig Gelegenheit wuͤrde gegeben werden, ſich zu beſprechen. Allein was ſie hieruͤber haͤtte troͤſten koͤnnen, war, daß alle ihre Berathſchlagungen und Erfindungen vergeblich geweſen waͤren. Denn an eben dieſem Morgen erhielt der Hauptmann Nachricht von einem reichbeladnen Schiffe, welches im Begrif ſey, von Lesbos nach Co- rinth abzugehen, und welches, nach den Umſtaͤnden die der Bericht angab, unterwegs aufgefangen werden koͤnnte. Dieſe Zeitung veranlaßte eine geheime Berath- ſchlagung unter den Haͤuptern der Raͤuber, wovon der Ausſchlag war, daß Agathon mit den gefangnen Thra- cierinnen und einigen andern jungen Sclaven unter ei- ner Bedekung in eine Barke geſezt wurde, um unge- ſaͤumt nach Smirna gefuͤhrt und daſelbſt verkauft zu werden; indeß, daß die Galeere mit dem groͤſten Theil der Seeraͤuber ſich fertig machte, der reichen Beute, die ſie ſchon in Gedanken verſchlangen, entgegen zu gehen. Jn dieſem Augenblik verlohr Agathon die Ge- laſſenheit, mit der er bisher alle Stuͤrme des widrigen Gluͤks ausgehalten hatte. Der Gedanke, von ſeiner Pſyche wieder getrennt zu werden, ſezte ihn auſſer ſich ſelbſt. Er warf ſich zu den Fuͤſſen des Ciliciers, er ſchwur ihm, daß der verkleidete Ganymedes ſein Bru- der ſey; er bot ſich ſelbſt zu ſeinem Sclaven an, er flehte,

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Zitationshilfe: Wieland, Christoph Martin: Geschichte des Agathon. Bd. 1. Frankfurt (Main) u. a., 1766, S. 26. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/wieland_agathon01_1766/48>, abgerufen am 20.06.2021.