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Wieland, Christoph Martin: Geschichte des Agathon. Bd. 1. Frankfurt (Main) u. a., 1766.

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Zweytes Buch, fünftes Capitel.
die er dem angenehmsten Taumel der Sinne unendlich
weit vorzog; hier konnt' er sich mit sich selbst besprechen;
hier war er von Gegenständen umgeben, die sich zu sei-
ner Gemüths-Beschaffenheit schikten, obgleich die selt-
same Denk-Art, wodurch er die Erwartung des Hip-
pias so sehr betrog, auch hier nicht ermangelte, sein
Vergnügen durch den Gedanken zu vermindern, daß
alle diese Gegenstände weit schöner wären, wenn sich
die Kunst nicht angemasset hätte, die Natur ihrer Frey-
heit und rührenden Einfältigkeit zu berauben. Oft
wenn er beym Mond-Schein, den er mehr als den Tag
liebte, so einsam im Schatten lag, erinnert' er sich
der frohen Scenen seiner ersten Jugend, der unbeschreib-
lichen Eindrüke, die jeder schöne Gegenstand, jeder ihm
neue Auftritt der Natur auf seine jugendlichen unver-
wöhnten Sinnen gemacht hatte, der süssen Stunden, die
ihm in den Entzükungen einer ersten und unschuldigen
Liebe zu Augenbliken geworden waren. Diese Erinne-
rungen, mit der Stille der Nacht und dem Gemurmel
sanfter Bäche und der sanft wehenden Sommer-Lüfte,
wiegten seine Sinnen in eine Art von leichtem Schlum-
mer ein, worinn die innerlichen Kräfte der Seele mit
verdoppelter Stärke würken; dann bildeten sich ihm die rei-
zenden Aussichten einer bessern Zukunft vor; er sah alle seine
Wünsch' erfüllt, er fühlte sich etliche Augenblike glük-
lich; und wenn sie vorbey waren, beredete er sich, daß
diese Hoffnungen ihn nicht so lebhaft rühren, nicht in
eine so gelassene Zufriedenheit senken würden, wenn es

nur
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Zweytes Buch, fuͤnftes Capitel.
die er dem angenehmſten Taumel der Sinne unendlich
weit vorzog; hier konnt’ er ſich mit ſich ſelbſt beſprechen;
hier war er von Gegenſtaͤnden umgeben, die ſich zu ſei-
ner Gemuͤths-Beſchaffenheit ſchikten, obgleich die ſelt-
ſame Denk-Art, wodurch er die Erwartung des Hip-
pias ſo ſehr betrog, auch hier nicht ermangelte, ſein
Vergnuͤgen durch den Gedanken zu vermindern, daß
alle dieſe Gegenſtaͤnde weit ſchoͤner waͤren, wenn ſich
die Kunſt nicht angemaſſet haͤtte, die Natur ihrer Frey-
heit und ruͤhrenden Einfaͤltigkeit zu berauben. Oft
wenn er beym Mond-Schein, den er mehr als den Tag
liebte, ſo einſam im Schatten lag, erinnert’ er ſich
der frohen Scenen ſeiner erſten Jugend, der unbeſchreib-
lichen Eindruͤke, die jeder ſchoͤne Gegenſtand, jeder ihm
neue Auftritt der Natur auf ſeine jugendlichen unver-
woͤhnten Sinnen gemacht hatte, der ſuͤſſen Stundẽ, die
ihm in den Entzuͤkungen einer erſten und unſchuldigen
Liebe zu Augenbliken geworden waren. Dieſe Erinne-
rungen, mit der Stille der Nacht und dem Gemurmel
ſanfter Baͤche und der ſanft wehenden Sommer-Luͤfte,
wiegten ſeine Sinnen in eine Art von leichtem Schlum-
mer ein, worinn die innerlichen Kraͤfte der Seele mit
verdoppelter Staͤrke wuͤrken; dann bildeten ſich ihm die rei-
zenden Ausſichten einer beſſern Zukunft vor; er ſah alle ſeine
Wuͤnſch’ erfuͤllt, er fuͤhlte ſich etliche Augenblike gluͤk-
lich; und wenn ſie vorbey waren, beredete er ſich, daß
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[55/0077] Zweytes Buch, fuͤnftes Capitel. die er dem angenehmſten Taumel der Sinne unendlich weit vorzog; hier konnt’ er ſich mit ſich ſelbſt beſprechen; hier war er von Gegenſtaͤnden umgeben, die ſich zu ſei- ner Gemuͤths-Beſchaffenheit ſchikten, obgleich die ſelt- ſame Denk-Art, wodurch er die Erwartung des Hip- pias ſo ſehr betrog, auch hier nicht ermangelte, ſein Vergnuͤgen durch den Gedanken zu vermindern, daß alle dieſe Gegenſtaͤnde weit ſchoͤner waͤren, wenn ſich die Kunſt nicht angemaſſet haͤtte, die Natur ihrer Frey- heit und ruͤhrenden Einfaͤltigkeit zu berauben. Oft wenn er beym Mond-Schein, den er mehr als den Tag liebte, ſo einſam im Schatten lag, erinnert’ er ſich der frohen Scenen ſeiner erſten Jugend, der unbeſchreib- lichen Eindruͤke, die jeder ſchoͤne Gegenſtand, jeder ihm neue Auftritt der Natur auf ſeine jugendlichen unver- woͤhnten Sinnen gemacht hatte, der ſuͤſſen Stundẽ, die ihm in den Entzuͤkungen einer erſten und unſchuldigen Liebe zu Augenbliken geworden waren. Dieſe Erinne- rungen, mit der Stille der Nacht und dem Gemurmel ſanfter Baͤche und der ſanft wehenden Sommer-Luͤfte, wiegten ſeine Sinnen in eine Art von leichtem Schlum- mer ein, worinn die innerlichen Kraͤfte der Seele mit verdoppelter Staͤrke wuͤrken; dann bildeten ſich ihm die rei- zenden Ausſichten einer beſſern Zukunft vor; er ſah alle ſeine Wuͤnſch’ erfuͤllt, er fuͤhlte ſich etliche Augenblike gluͤk- lich; und wenn ſie vorbey waren, beredete er ſich, daß dieſe Hoffnungen ihn nicht ſo lebhaft ruͤhren, nicht in eine ſo gelaſſene Zufriedenheit ſenken wuͤrden, wenn es nur D 4

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Zitationshilfe: Wieland, Christoph Martin: Geschichte des Agathon. Bd. 1. Frankfurt (Main) u. a., 1766, S. 55. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/wieland_agathon01_1766/77>, abgerufen am 13.05.2021.