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Wilamowitz-Moellendorff, Ulrich von: Aristoteles und Athen. Bd. 2. Berlin, 1893.

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II. 10. Diobelie.
für die verteilung des geldes gab es eine behörde, denn Xenophon
Hell. I 7, 2 nennt den Archedemos tou demou proestekos kai tes dio-
belias epimelomenos. aber der ausdruck führt auf ein collegium von
epimeletai, das wir der weise des fünften jahrhunderts entsprechend
nicht über den beamten stehend denken dürfen wie im vierten die epi to
theoriko, sondern unter ihnen, also nicht befugt, selbst das geld aus
dem schatze zu entleihen. aber der erste demagoge (ta prota tes ekei
mokhtherias, sagen die seligen der Frösche von Archedemos 418), ein mann,
der sich von Kriton gegen tantieme zum schutze seines vermögens vor
den sykophanten anstellen liess (Xen. Memor. II 3), bekleidete doch dieses
amt, in dem wir also Kleophon und Kallikrates auch denken müssen.
als eine volkstümliche einrichtung hat das diobolon Theseus bereits im
schattenreiche verbreitet, so scherzt Aristophanes 405 (Frösch. 140). mit
dem sturze der demokratie ist die diobelie verschwunden.

Sie hat anderen für eine grosse vergeudung gegolten. Aischines sagt
von Kleophon 2, 76, wo er dieselbe tradition wiedergibt, die Aristoteles
in seinem passus über die diobelie vor augen hat, diephtharkos nome khre-
maton ton demon, und Aristoteles selbst sagt in der Politik (B. 1267 b)
um die unersättlichkeit des demos zu kennzeichnen, zuerst wäre er mit
der diobelia zufrieden, wenn die aber erst herkömmlich (patrion) ge-
worden wäre, verlange er mehr; was keinesweges im hinblick auf die
gegenwart gesagt sein muss, ja überhaupt nicht als geschichtliches exempel
angeführt wird. wol aber steht es in der auseinandersetzung, dass die
herbeiführung der gleichheit des vermögens kein radicales heilmittel
wäre, schliesst also jede deutung der diobelie auf sold für wirkliche oder
angebliche leistungen aus.

Was die diobelie gewesen ist, sagt Aischines eigentlich genugsam:
bürgersold, verteilung von geld an den demos, geradezu staatspension.
so erklärt auch das rhetorische lexicon, das im fünften Bekkers und im
Et. M. vorliegt: diobelia ; obeloi duo ous o demos kath emeran emi-
sthophorei. gedruckt wird zwar für kath emeran an beiden orten kathe-
menos, aber ich freue mich die emendation nicht als solche geben zu
müssen, da ich bei Gaisford in der anmerkung finde, dass der codex
Marcianus 530 das richtige hat; dem ächten Etymologicum ist die glosse
fremd. es ist ganz begreiflich, dass diese tägliche ausgabe zu einer fast täg-
lichen anleihe bei Athena führte, begreiflich auch, dass der sold dem volke
sehr behagte und für theseisch ausgegeben ward. dass ein solcher sold
gezahlt ward, hat Xenophon aus seinen jugenderinnerungen nicht ver-
gessen, wenn er es auch nur durch einen starken anachronismus in sein

II. 10. Diobelie.
für die verteilung des geldes gab es eine behörde, denn Xenophon
Hell. I 7, 2 nennt den Archedemos τοῦ δήμου πϱοεστηκὼς καὶ τῆς διω-
βελίας ἐπιμελόμενος. aber der ausdruck führt auf ein collegium von
ἐπιμεληταί, das wir der weise des fünften jahrhunderts entsprechend
nicht über den beamten stehend denken dürfen wie im vierten die ἐπὶ τῷ
ϑεωϱικῷ, sondern unter ihnen, also nicht befugt, selbst das geld aus
dem schatze zu entleihen. aber der erste demagoge (τὰ πϱῶτα τῆς ἐκεῖ
μοχϑηϱίας, sagen die seligen der Frösche von Archedemos 418), ein mann,
der sich von Kriton gegen tantième zum schutze seines vermögens vor
den sykophanten anstellen lieſs (Xen. Memor. II 3), bekleidete doch dieses
amt, in dem wir also Kleophon und Kallikrates auch denken müssen.
als eine volkstümliche einrichtung hat das diobolon Theseus bereits im
schattenreiche verbreitet, so scherzt Aristophanes 405 (Frösch. 140). mit
dem sturze der demokratie ist die diobelie verschwunden.

Sie hat anderen für eine groſse vergeudung gegolten. Aischines sagt
von Kleophon 2, 76, wo er dieselbe tradition wiedergibt, die Aristoteles
in seinem passus über die diobelie vor augen hat, διεφϑαϱκὼς νομῇ χϱη-
μάτων τὸν δῆμον, und Aristoteles selbst sagt in der Politik (B. 1267 b)
um die unersättlichkeit des demos zu kennzeichnen, zuerst wäre er mit
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worden wäre, verlange er mehr; was keinesweges im hinblick auf die
gegenwart gesagt sein muſs, ja überhaupt nicht als geschichtliches exempel
angeführt wird. wol aber steht es in der auseinandersetzung, daſs die
herbeiführung der gleichheit des vermögens kein radicales heilmittel
wäre, schlieſst also jede deutung der diobelie auf sold für wirkliche oder
angebliche leistungen aus.

Was die diobelie gewesen ist, sagt Aischines eigentlich genugsam:
bürgersold, verteilung von geld an den demos, geradezu staatspension.
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σϑοφόϱει. gedruckt wird zwar für καϑ̕ ἡμέϱαν an beiden orten καϑή-
μενος, aber ich freue mich die emendation nicht als solche geben zu
müssen, da ich bei Gaisford in der anmerkung finde, daſs der codex
Marcianus 530 das richtige hat; dem ächten Etymologicum ist die glosse
fremd. es ist ganz begreiflich, daſs diese tägliche ausgabe zu einer fast täg-
lichen anleihe bei Athena führte, begreiflich auch, daſs der sold dem volke
sehr behagte und für theseisch ausgegeben ward. daſs ein solcher sold
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[213/0223] II. 10. Diobelie. für die verteilung des geldes gab es eine behörde, denn Xenophon Hell. I 7, 2 nennt den Archedemos τοῦ δήμου πϱοεστηκὼς καὶ τῆς διω- βελίας ἐπιμελόμενος. aber der ausdruck führt auf ein collegium von ἐπιμεληταί, das wir der weise des fünften jahrhunderts entsprechend nicht über den beamten stehend denken dürfen wie im vierten die ἐπὶ τῷ ϑεωϱικῷ, sondern unter ihnen, also nicht befugt, selbst das geld aus dem schatze zu entleihen. aber der erste demagoge (τὰ πϱῶτα τῆς ἐκεῖ μοχϑηϱίας, sagen die seligen der Frösche von Archedemos 418), ein mann, der sich von Kriton gegen tantième zum schutze seines vermögens vor den sykophanten anstellen lieſs (Xen. Memor. II 3), bekleidete doch dieses amt, in dem wir also Kleophon und Kallikrates auch denken müssen. als eine volkstümliche einrichtung hat das diobolon Theseus bereits im schattenreiche verbreitet, so scherzt Aristophanes 405 (Frösch. 140). mit dem sturze der demokratie ist die diobelie verschwunden. Sie hat anderen für eine groſse vergeudung gegolten. Aischines sagt von Kleophon 2, 76, wo er dieselbe tradition wiedergibt, die Aristoteles in seinem passus über die diobelie vor augen hat, διεφϑαϱκὼς νομῇ χϱη- μάτων τὸν δῆμον, und Aristoteles selbst sagt in der Politik (B. 1267 b) um die unersättlichkeit des demos zu kennzeichnen, zuerst wäre er mit der διωβελία zufrieden, wenn die aber erst herkömmlich (πάτϱιον) ge- worden wäre, verlange er mehr; was keinesweges im hinblick auf die gegenwart gesagt sein muſs, ja überhaupt nicht als geschichtliches exempel angeführt wird. wol aber steht es in der auseinandersetzung, daſs die herbeiführung der gleichheit des vermögens kein radicales heilmittel wäre, schlieſst also jede deutung der diobelie auf sold für wirkliche oder angebliche leistungen aus. Was die diobelie gewesen ist, sagt Aischines eigentlich genugsam: bürgersold, verteilung von geld an den demos, geradezu staatspension. so erklärt auch das rhetorische lexicon, das im fünften Bekkers und im Et. M. vorliegt: διωβελία · ὀβελοὶ δύο οὓς ὁ δῆμος καϑ̕ ἡμέϱαν ἐμι- σϑοφόϱει. gedruckt wird zwar für καϑ̕ ἡμέϱαν an beiden orten καϑή- μενος, aber ich freue mich die emendation nicht als solche geben zu müssen, da ich bei Gaisford in der anmerkung finde, daſs der codex Marcianus 530 das richtige hat; dem ächten Etymologicum ist die glosse fremd. es ist ganz begreiflich, daſs diese tägliche ausgabe zu einer fast täg- lichen anleihe bei Athena führte, begreiflich auch, daſs der sold dem volke sehr behagte und für theseisch ausgegeben ward. daſs ein solcher sold gezahlt ward, hat Xenophon aus seinen jugenderinnerungen nicht ver- gessen, wenn er es auch nur durch einen starken anachronismus in sein

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Zitationshilfe: Wilamowitz-Moellendorff, Ulrich von: Aristoteles und Athen. Bd. 2. Berlin, 1893, S. 213. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/wilamowitz_aristoteles02_1893/223>, abgerufen am 10.05.2021.