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Wilamowitz-Moellendorff, Ulrich von: Aristoteles und Athen. Bd. 2. Berlin, 1893.

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II. 3. Von Peisistratos bis Ephialtes.
Salamis bewiesen hatte, und der nicht den durch Solon gestürzten gross-
grundbesitz, sondern die kleinen leute und die wehrhafte bauernschaft
der Diakria hinter sich hatte. Peisistratos ward zwar alt und grau, ehe
er aus zehnjähriger verbannung heimkehrend auf dem throne fest ward
(541). dafür brachte er die anerkennung durch die bedeutendsten
nachbarstaaten, Boeotien und Euboia, ein bündnis mit Argos und eignen
besitz an der thrakischen küste mit. so konnte er frieden und wolstand,
ordnung und fortschritt auf sein panier schreiben, und mit ausnahme
der überwundenen adelsgeschlechter hatte er bald die sympathie des
volkes gewonnen, so dass sich bei seinem tode 528 nichts änderte,
sondern seine beiden ehelichen söhne die nicht festumschriebene oder
beschworene aber tatsächlich anerkannte herrschergewalt fortführten.
Hippias, schon ein reifer mann, war längst ein mitarbeiter an der politik
des vaters gewesen; Hipparchos, auch kein jüngling mehr, ergänzte ihn
für das prestige der tyrannis auf das glücklichste. denn seine beziehungen
zu den dichtern der zeit hatten eine sehr reale bedeutung. diese leisteten,
was heute die presse besorgt, die beherrschung der öffentlichen meinung.
orakelsprüche, wie sie damals besonders beliebt waren, haben mindestens
eben so oft die ereignisse vorbereitet und bewirkt, wie sie später ex
eventu verfertigt und umgeformt sind. weltkundige und allerorten wol-
gelittene litteraten, wie Lasos und Simonides, formulirten dem durch-
schnittshellenen, was er schön und gut finden sollte, und lebten davon,
sich von den mächtigen die parole dazu geben zu lassen, was sie also
den leuten darstellen sollten. sie sind die vorläufer der sophisten. die
breite masse aber bewunderte den herren von Athen, dessen lieblinge
die lieder eines Anakreon verherrlichten wie die des Polykrates. das
ist der lauf der welt; sie beugt sich dem glücklichen und nimmt an
seinem 'glücke' anteil. es musste die sittliche erhebung einer grossen zeit
kommen, damit das glück des Polykrates im sinne des Herodotos, nicht
in dem des Anakreon sprüchwörtlich werden konnte.

Der attische bauer sass leidlich zufrieden unter seinem feigen-
baum und weinstock und schaute mit andacht auf das geschenk seiner
göttin, die olive, deren anbau der staat jetzt wie von alters her
beförderte, so dass dies wichtigste product der heimischen landwirt-
schaft immer mehr eintrug. dazu tat der friede das beste: es hieb
eben kein feind die ölbäume um. ordnung war auch im lande und
die rechtsprechung nahe und rasch zu haben. eine steuer von fünf
procent lag allerdings auf dem ertrage, und das war eine mah-
nung, dass ein herr da war. aber der bauer durfte doch alljährlich zu

II. 3. Von Peisistratos bis Ephialtes.
Salamis bewiesen hatte, und der nicht den durch Solon gestürzten groſs-
grundbesitz, sondern die kleinen leute und die wehrhafte bauernschaft
der Diakria hinter sich hatte. Peisistratos ward zwar alt und grau, ehe
er aus zehnjähriger verbannung heimkehrend auf dem throne fest ward
(541). dafür brachte er die anerkennung durch die bedeutendsten
nachbarstaaten, Boeotien und Euboia, ein bündnis mit Argos und eignen
besitz an der thrakischen küste mit. so konnte er frieden und wolstand,
ordnung und fortschritt auf sein panier schreiben, und mit ausnahme
der überwundenen adelsgeschlechter hatte er bald die sympathie des
volkes gewonnen, so daſs sich bei seinem tode 528 nichts änderte,
sondern seine beiden ehelichen söhne die nicht festumschriebene oder
beschworene aber tatsächlich anerkannte herrschergewalt fortführten.
Hippias, schon ein reifer mann, war längst ein mitarbeiter an der politik
des vaters gewesen; Hipparchos, auch kein jüngling mehr, ergänzte ihn
für das prestige der tyrannis auf das glücklichste. denn seine beziehungen
zu den dichtern der zeit hatten eine sehr reale bedeutung. diese leisteten,
was heute die presse besorgt, die beherrschung der öffentlichen meinung.
orakelsprüche, wie sie damals besonders beliebt waren, haben mindestens
eben so oft die ereignisse vorbereitet und bewirkt, wie sie später ex
eventu verfertigt und umgeformt sind. weltkundige und allerorten wol-
gelittene litteraten, wie Lasos und Simonides, formulirten dem durch-
schnittshellenen, was er schön und gut finden sollte, und lebten davon,
sich von den mächtigen die parole dazu geben zu lassen, was sie also
den leuten darstellen sollten. sie sind die vorläufer der sophisten. die
breite masse aber bewunderte den herren von Athen, dessen lieblinge
die lieder eines Anakreon verherrlichten wie die des Polykrates. das
ist der lauf der welt; sie beugt sich dem glücklichen und nimmt an
seinem ‘glücke’ anteil. es muſste die sittliche erhebung einer groſsen zeit
kommen, damit das glück des Polykrates im sinne des Herodotos, nicht
in dem des Anakreon sprüchwörtlich werden konnte.

Der attische bauer saſs leidlich zufrieden unter seinem feigen-
baum und weinstock und schaute mit andacht auf das geschenk seiner
göttin, die olive, deren anbau der staat jetzt wie von alters her
beförderte, so daſs dies wichtigste product der heimischen landwirt-
schaft immer mehr eintrug. dazu tat der friede das beste: es hieb
eben kein feind die ölbäume um. ordnung war auch im lande und
die rechtsprechung nahe und rasch zu haben. eine steuer von fünf
procent lag allerdings auf dem ertrage, und das war eine mah-
nung, daſs ein herr da war. aber der bauer durfte doch alljährlich zu

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[70/0080] II. 3. Von Peisistratos bis Ephialtes. Salamis bewiesen hatte, und der nicht den durch Solon gestürzten groſs- grundbesitz, sondern die kleinen leute und die wehrhafte bauernschaft der Diakria hinter sich hatte. Peisistratos ward zwar alt und grau, ehe er aus zehnjähriger verbannung heimkehrend auf dem throne fest ward (541). dafür brachte er die anerkennung durch die bedeutendsten nachbarstaaten, Boeotien und Euboia, ein bündnis mit Argos und eignen besitz an der thrakischen küste mit. so konnte er frieden und wolstand, ordnung und fortschritt auf sein panier schreiben, und mit ausnahme der überwundenen adelsgeschlechter hatte er bald die sympathie des volkes gewonnen, so daſs sich bei seinem tode 528 nichts änderte, sondern seine beiden ehelichen söhne die nicht festumschriebene oder beschworene aber tatsächlich anerkannte herrschergewalt fortführten. Hippias, schon ein reifer mann, war längst ein mitarbeiter an der politik des vaters gewesen; Hipparchos, auch kein jüngling mehr, ergänzte ihn für das prestige der tyrannis auf das glücklichste. denn seine beziehungen zu den dichtern der zeit hatten eine sehr reale bedeutung. diese leisteten, was heute die presse besorgt, die beherrschung der öffentlichen meinung. orakelsprüche, wie sie damals besonders beliebt waren, haben mindestens eben so oft die ereignisse vorbereitet und bewirkt, wie sie später ex eventu verfertigt und umgeformt sind. weltkundige und allerorten wol- gelittene litteraten, wie Lasos und Simonides, formulirten dem durch- schnittshellenen, was er schön und gut finden sollte, und lebten davon, sich von den mächtigen die parole dazu geben zu lassen, was sie also den leuten darstellen sollten. sie sind die vorläufer der sophisten. die breite masse aber bewunderte den herren von Athen, dessen lieblinge die lieder eines Anakreon verherrlichten wie die des Polykrates. das ist der lauf der welt; sie beugt sich dem glücklichen und nimmt an seinem ‘glücke’ anteil. es muſste die sittliche erhebung einer groſsen zeit kommen, damit das glück des Polykrates im sinne des Herodotos, nicht in dem des Anakreon sprüchwörtlich werden konnte. Der attische bauer saſs leidlich zufrieden unter seinem feigen- baum und weinstock und schaute mit andacht auf das geschenk seiner göttin, die olive, deren anbau der staat jetzt wie von alters her beförderte, so daſs dies wichtigste product der heimischen landwirt- schaft immer mehr eintrug. dazu tat der friede das beste: es hieb eben kein feind die ölbäume um. ordnung war auch im lande und die rechtsprechung nahe und rasch zu haben. eine steuer von fünf procent lag allerdings auf dem ertrage, und das war eine mah- nung, daſs ein herr da war. aber der bauer durfte doch alljährlich zu

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Zitationshilfe: Wilamowitz-Moellendorff, Ulrich von: Aristoteles und Athen. Bd. 2. Berlin, 1893, S. 70. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/wilamowitz_aristoteles02_1893/80>, abgerufen am 20.06.2021.