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Wilamowitz-Moellendorff, Ulrich von: Einleitung in die attische Tragödie (Euripides Herakles erklärt, Bd. 1). Berlin, 1889.

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2.
WAS IST EINE ATTISCHE TRAGÖDIE?

Wenn man ein attisches drama in die hand nimmt, so pflegt manStellung der
frage.

daran zu gehen in der voraussetzung, es sei ein gedicht derselben gattung
wie Sakuntala, Leben ein Traum, Polyeucte, Macbeth, Wallenstein. dem-
gemäss bringt man bestimmte anforderungen mit, die in dem wesen dieser
gattung liegen sollen; man erwartet eine aesthetische wirkung, welche
zu erzielen der zweck der tragödie sein soll, und das urteil über das
gelesene gedicht wird sich danach bemessen, in wie weit es seine aufgabe
erfüllt und die erwartungen befriedigt hat. nun wird zwar ein jeder in
jedem drama mancherlei gewahr, was ihm störend ist, was der dichter
aber mit absicht so gemacht hat, also entweder als vorzug oder doch
als etwas unerlässliches angesehen hat. im attischen drama ist ein chor
gegenwärtig, der oft dem interesse der handlung widerstrebt; bei Calderon
ermüdet das endlose a parte reden der personen und die eben so end-
losen schilderungen; im Cinna wird die einheit des ortes abgeschmackt,
bei Shakespeare die clowns, bei Schiller die liebespare. der leser ist zwar
in den meisten fällen schon zuvor davon unterrichtet, was er finden wird;
er ist also nicht mehr so stark befremdet, drückt ein auge zu, über-
schlägt auch wohl eine überflüssige partie, und findet sich schliesslich
mit dem störenden als einer berechtigten eigentümlichkeit ab. es ist
aber bekanntlich eine berechtigte eigentümlichkeit etwas, das allenfalls
entschuldigt werden mag, zumal sich's leider nicht ändern lässt, das aber
eigentlich durchaus unberechtigt ist. und die ehrlichkeit fordert das
eingeständnis, dass zwar die dichter durch diese dinge ihre aufgabe haben
erfüllen wollen, sie aber in wahrheit höchstens trotz denselben erfüllen.
sie haben also ihre aufgabe schlechter verstanden als wir; was denn
schliesslich eine schmeichelhafte bestätigung für das hochgefühl ist, wie
herrlich weit wir es gebracht haben.

2.
WAS IST EINE ATTISCHE TRAGÖDIE?

Wenn man ein attisches drama in die hand nimmt, so pflegt manStellung der
frage.

daran zu gehen in der voraussetzung, es sei ein gedicht derselben gattung
wie Sakuntala, Leben ein Traum, Polyeucte, Macbeth, Wallenstein. dem-
gemäſs bringt man bestimmte anforderungen mit, die in dem wesen dieser
gattung liegen sollen; man erwartet eine aesthetische wirkung, welche
zu erzielen der zweck der tragödie sein soll, und das urteil über das
gelesene gedicht wird sich danach bemessen, in wie weit es seine aufgabe
erfüllt und die erwartungen befriedigt hat. nun wird zwar ein jeder in
jedem drama mancherlei gewahr, was ihm störend ist, was der dichter
aber mit absicht so gemacht hat, also entweder als vorzug oder doch
als etwas unerläſsliches angesehen hat. im attischen drama ist ein chor
gegenwärtig, der oft dem interesse der handlung widerstrebt; bei Calderon
ermüdet das endlose a parte reden der personen und die eben so end-
losen schilderungen; im Cinna wird die einheit des ortes abgeschmackt,
bei Shakespeare die clowns, bei Schiller die liebespare. der leser ist zwar
in den meisten fällen schon zuvor davon unterrichtet, was er finden wird;
er ist also nicht mehr so stark befremdet, drückt ein auge zu, über-
schlägt auch wohl eine überflüssige partie, und findet sich schlieſslich
mit dem störenden als einer berechtigten eigentümlichkeit ab. es ist
aber bekanntlich eine berechtigte eigentümlichkeit etwas, das allenfalls
entschuldigt werden mag, zumal sich’s leider nicht ändern läſst, das aber
eigentlich durchaus unberechtigt ist. und die ehrlichkeit fordert das
eingeständnis, daſs zwar die dichter durch diese dinge ihre aufgabe haben
erfüllen wollen, sie aber in wahrheit höchstens trotz denselben erfüllen.
sie haben also ihre aufgabe schlechter verstanden als wir; was denn
schlieſslich eine schmeichelhafte bestätigung für das hochgefühl ist, wie
herrlich weit wir es gebracht haben.

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Zitationshilfe: Wilamowitz-Moellendorff, Ulrich von: Einleitung in die attische Tragödie (Euripides Herakles erklärt, Bd. 1). Berlin, 1889, S. [43]. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/wilamowitz_tragoedie_1889/63>, abgerufen am 16.08.2022.