Wolff, Christian von: Grundsätze des Natur- und Völckerrechts. Halle (Saale), 1754.Vorrede. Natur- und Völckerrechts an das Licht.Doch muß ich von diesem Vorhaben Re- chenschaft geben. Da mir die Liebe zur Wahrheit gleichsam von Natur eingepflan- tzet ist, und ich deßwegen schon oft erinnert habe, daß ich mich aus keiner andern Ab- sicht auf die Erlernung der Mathesis be- flißen, als die Ursach von der so grossen Ge- wißheit in der Geometrie auf das genaueste zu erkennen; so hat mir, als ich diese er- kant hatte, nichts so sehr am Hertzen gele- gen, als daß ich die Wahrheit offenbar machte, und ihr nicht aus einer Ueberre- dung sondern aus Ueberzeugung meinen Beyfall ertheilete. Mit eben diesem Ge- müthe bin ich zu der Auswicklung der Rech- te geschritten, und habe die Quelle alles Rechts in der menschlichen Natur gefun- den, welches von den alten schon lange ein- geschärfet, von den neuern wiederholet, keinesweges aber erwiesen worden; ich aber habe mich nicht durch Meynungen überre- det, sondern vielmehr bis zur Wahrheit überzeuget. Auf solche Weise ist mir nicht nur die Art, nach welcher uns die Natur selbst zur Ausübung und Unterlaßung ge- wisser Handlungen verbindet; sondern auch der
Vorrede. Natur- und Voͤlckerrechts an das Licht.Doch muß ich von dieſem Vorhaben Re- chenſchaft geben. Da mir die Liebe zur Wahrheit gleichſam von Natur eingepflan- tzet iſt, und ich deßwegen ſchon oft erinnert habe, daß ich mich aus keiner andern Ab- ſicht auf die Erlernung der Matheſis be- flißen, als die Urſach von der ſo groſſen Ge- wißheit in der Geometrie auf das genaueſte zu erkennen; ſo hat mir, als ich dieſe er- kant hatte, nichts ſo ſehr am Hertzen gele- gen, als daß ich die Wahrheit offenbar machte, und ihr nicht aus einer Ueberre- dung ſondern aus Ueberzeugung meinen Beyfall ertheilete. Mit eben dieſem Ge- muͤthe bin ich zu der Auswicklung der Rech- te geſchritten, und habe die Quelle alles Rechts in der menſchlichen Natur gefun- den, welches von den alten ſchon lange ein- geſchaͤrfet, von den neuern wiederholet, keinesweges aber erwieſen worden; ich aber habe mich nicht durch Meynungen uͤberre- det, ſondern vielmehr bis zur Wahrheit uͤberzeuget. Auf ſolche Weiſe iſt mir nicht nur die Art, nach welcher uns die Natur ſelbſt zur Ausuͤbung und Unterlaßung ge- wiſſer Handlungen verbindet; ſondern auch der
<TEI> <text> <front> <div type="preface"> <p><pb facs="#f0016"/><fw place="top" type="header"><hi rendition="#b">Vorrede.</hi></fw><lb/> Natur- und Voͤlckerrechts an das Licht.<lb/> Doch muß ich von dieſem Vorhaben Re-<lb/> chenſchaft geben. Da mir die Liebe zur<lb/> Wahrheit gleichſam von Natur eingepflan-<lb/> tzet iſt, und ich deßwegen ſchon oft erinnert<lb/> habe, daß ich mich aus keiner andern Ab-<lb/> ſicht auf die Erlernung der Matheſis be-<lb/> flißen, als die Urſach von der ſo groſſen Ge-<lb/> wißheit in der Geometrie auf das genaueſte<lb/> zu erkennen; ſo hat mir, als ich dieſe er-<lb/> kant hatte, nichts ſo ſehr am Hertzen gele-<lb/> gen, als daß ich die Wahrheit offenbar<lb/> machte, und ihr nicht aus einer Ueberre-<lb/> dung ſondern aus Ueberzeugung meinen<lb/> Beyfall ertheilete. Mit eben dieſem Ge-<lb/> muͤthe bin ich zu der Auswicklung der Rech-<lb/> te geſchritten, und habe die Quelle alles<lb/> Rechts in der menſchlichen Natur gefun-<lb/> den, welches von den alten ſchon lange ein-<lb/> geſchaͤrfet, von den neuern wiederholet,<lb/> keinesweges aber erwieſen worden; ich aber<lb/> habe mich nicht durch Meynungen uͤberre-<lb/> det, ſondern vielmehr bis zur Wahrheit<lb/> uͤberzeuget. Auf ſolche Weiſe iſt mir nicht<lb/> nur die Art, nach welcher uns die Natur<lb/> ſelbſt zur Ausuͤbung und Unterlaßung ge-<lb/> wiſſer Handlungen verbindet; ſondern auch<lb/> <fw place="bottom" type="catch">der</fw><lb/></p> </div> </front> </text> </TEI> [0016]
Vorrede.
Natur- und Voͤlckerrechts an das Licht.
Doch muß ich von dieſem Vorhaben Re-
chenſchaft geben. Da mir die Liebe zur
Wahrheit gleichſam von Natur eingepflan-
tzet iſt, und ich deßwegen ſchon oft erinnert
habe, daß ich mich aus keiner andern Ab-
ſicht auf die Erlernung der Matheſis be-
flißen, als die Urſach von der ſo groſſen Ge-
wißheit in der Geometrie auf das genaueſte
zu erkennen; ſo hat mir, als ich dieſe er-
kant hatte, nichts ſo ſehr am Hertzen gele-
gen, als daß ich die Wahrheit offenbar
machte, und ihr nicht aus einer Ueberre-
dung ſondern aus Ueberzeugung meinen
Beyfall ertheilete. Mit eben dieſem Ge-
muͤthe bin ich zu der Auswicklung der Rech-
te geſchritten, und habe die Quelle alles
Rechts in der menſchlichen Natur gefun-
den, welches von den alten ſchon lange ein-
geſchaͤrfet, von den neuern wiederholet,
keinesweges aber erwieſen worden; ich aber
habe mich nicht durch Meynungen uͤberre-
det, ſondern vielmehr bis zur Wahrheit
uͤberzeuget. Auf ſolche Weiſe iſt mir nicht
nur die Art, nach welcher uns die Natur
ſelbſt zur Ausuͤbung und Unterlaßung ge-
wiſſer Handlungen verbindet; ſondern auch
der
Suche im WerkInformationen zum Werk
Download dieses Werks
XML (TEI P5) ·
HTML ·
Text Metadaten zum WerkTEI-Header · CMDI · Dublin Core Ansichten dieser Seite
Voyant Tools
|
| URL zu diesem Werk: | https://www.deutschestextarchiv.de/wolff_voelckerrecht_1754 |
| URL zu dieser Seite: | https://www.deutschestextarchiv.de/wolff_voelckerrecht_1754/16 |
| Zitationshilfe: | Wolff, Christian von: Grundsätze des Natur- und Völckerrechts. Halle (Saale), 1754, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/wolff_voelckerrecht_1754/16>, abgerufen am 11.09.2024. |


