Zesen, Philipp von: Assenat. Amsterdam, 1670.erstes Buch. bestürtzt: die andern Fürstinnen erstarret: die Stahts-jungfrauen vernarret. Ja alles Frauenzimmer kahm ihm anders nicht vor/ als über die maße verliebt. Auch betrog ihn diese einbildung nicht. Er war ein alter ab- gelebter Fürst. Er war ein eifersüchtiger/ und was geitziger Herr. Daher hassete er die fürtrefliche schön- heit des Ebreers. Daher liebete er die kostbarkeit der angebohtenen schätze. Ja er hassete den Josef üm so viel mehr; weil er ihm leichtlich einbilden konte/ daß ein alter und nunmehr ausgemärgelter König bei seinem Frauenzimmer/ durch ihn/ in die euserste verachtung kommen würde. Zum wenigsten/ gedachte er/ wird ei- ne unlust unter dem Weibesvolke entstehen. Die gött- liche schönheit dieses Ebreers wird sie zur liebe/ die liebe zur schählsichtigkeit/ die schählsichtigkeit zur unter- lichen feindschaft/ und diese endlich gar zu einer rasen- den tolsinnigkeit bewegen. Alsdan wird alles bunt durcheinander gehen. Alles wird in unordnung/ und mein Hof in gefahr schweben. Ja wan sich schon dieses unheil nicht erregen oder eusern möchte; so wird doch eine so übermäßige hertzentzükkenden schönheit meine Gemahlin und Tochter/ wo nicht in der taht selbsten/ doch gewislich in den gedanken/ an ihrer keuscheit ver- letzen. Wolte ich ihn auch schon münchen laßen; so würde es mich zwar ein wenig/ sie aber nichts helfen. Vielmehr schmertzen würde man ihnen zuziehen; weil man ihm dadurch die mittel/ sie würklich zu vergnü- gen/ entzöge/ und sie dannoch in der brunst verzappeln liesse. Aus diesen wüchtigen ursachen (schlos er seine gedanken) mus ich mich nohtdrünglich entschlüßen/ den schönen Leibeignen nicht an zu nehmen. Sein er- ster/ ja kaum halber anblik hat mir mein Frauenzim- mer schon gantz in ruhr gesetzt. Was würde wohl ge- schehen/ wan ich ihn gar auf das schlos nehmen solte. Nein! nein! man mus ihn aus dem wege schaffen. Ich
erſtes Buch. beſtuͤrtzt: die andern Fuͤrſtinnen erſtarret: die Stahts-jungfrauen vernarret. Ja alles Frauenzimmer kahm ihm anders nicht vor/ als uͤber die maße verliebt. Auch betrog ihn dieſe einbildung nicht. Er war ein alter ab- gelebter Fuͤrſt. Er war ein eiferſuͤchtiger/ und was geitziger Herꝛ. Daher haſſete er die fuͤrtrefliche ſchoͤn- heit des Ebreers. Daher liebete er die koſtbarkeit der angebohtenen ſchaͤtze. Ja er haſſete den Joſef uͤm ſo viel mehr; weil er ihm leichtlich einbilden konte/ daß ein alter und nunmehr ausgemaͤrgelter Koͤnig bei ſeinem Frauenzimmer/ durch ihn/ in die euſerſte verachtung kommen wuͤrde. Zum wenigſten/ gedachte er/ wird ei- ne unluſt unter dem Weibesvolke entſtehen. Die goͤtt- liche ſchoͤnheit dieſes Ebreers wird ſie zur liebe/ die liebe zur ſchaͤhlſichtigkeit/ die ſchaͤhlſichtigkeit zur unter- lichen feindſchaft/ und dieſe endlich gar zu einer raſen- den tolſinnigkeit bewegen. Alsdan wird alles bunt durcheinander gehen. Alles wird in unordnung/ und mein Hof in gefahr ſchweben. Ja wan ſich ſchon dieſes unheil nicht erregen oder euſern moͤchte; ſo wird doch eine ſo uͤbermaͤßige hertzentzuͤkkenden ſchoͤnheit meine Gemahlin und Tochter/ wo nicht in der taht ſelbſten/ doch gewislich in den gedanken/ an ihrer keuſcheit ver- letzen. Wolte ich ihn auch ſchon muͤnchen laßen; ſo wuͤrde es mich zwar ein wenig/ ſie aber nichts helfen. Vielmehr ſchmertzen wuͤrde man ihnen zuziehen; weil man ihm dadurch die mittel/ ſie wuͤrklich zu vergnuͤ- gen/ entzoͤge/ und ſie dannoch in der brunſt verzappeln lieſſe. Aus dieſen wuͤchtigen urſachen (ſchlos er ſeine gedanken) mus ich mich nohtdruͤnglich entſchluͤßen/ den ſchoͤnen Leibeignen nicht an zu nehmen. Sein er- ſter/ ja kaum halber anblik hat mir mein Frauenzim- mer ſchon gantz in ruhr geſetzt. Was wuͤrde wohl ge- ſchehen/ wan ich ihn gar auf das ſchlos nehmen ſolte. Nein! nein! man mus ihn aus dem wege ſchaffen. Ich
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erſtes Buch.
beſtuͤrtzt: die andern Fuͤrſtinnen erſtarret: die Stahts-
jungfrauen vernarret. Ja alles Frauenzimmer kahm
ihm anders nicht vor/ als uͤber die maße verliebt. Auch
betrog ihn dieſe einbildung nicht. Er war ein alter ab-
gelebter Fuͤrſt. Er war ein eiferſuͤchtiger/ und was
geitziger Herꝛ. Daher haſſete er die fuͤrtrefliche ſchoͤn-
heit des Ebreers. Daher liebete er die koſtbarkeit der
angebohtenen ſchaͤtze. Ja er haſſete den Joſef uͤm ſo
viel mehr; weil er ihm leichtlich einbilden konte/ daß ein
alter und nunmehr ausgemaͤrgelter Koͤnig bei ſeinem
Frauenzimmer/ durch ihn/ in die euſerſte verachtung
kommen wuͤrde. Zum wenigſten/ gedachte er/ wird ei-
ne unluſt unter dem Weibesvolke entſtehen. Die goͤtt-
liche ſchoͤnheit dieſes Ebreers wird ſie zur liebe/ die liebe
zur ſchaͤhlſichtigkeit/ die ſchaͤhlſichtigkeit zur unter-
lichen feindſchaft/ und dieſe endlich gar zu einer raſen-
den tolſinnigkeit bewegen. Alsdan wird alles bunt
durcheinander gehen. Alles wird in unordnung/ und
mein Hof in gefahr ſchweben. Ja wan ſich ſchon dieſes
unheil nicht erregen oder euſern moͤchte; ſo wird doch
eine ſo uͤbermaͤßige hertzentzuͤkkenden ſchoͤnheit meine
Gemahlin und Tochter/ wo nicht in der taht ſelbſten/
doch gewislich in den gedanken/ an ihrer keuſcheit ver-
letzen. Wolte ich ihn auch ſchon muͤnchen laßen; ſo
wuͤrde es mich zwar ein wenig/ ſie aber nichts helfen.
Vielmehr ſchmertzen wuͤrde man ihnen zuziehen; weil
man ihm dadurch die mittel/ ſie wuͤrklich zu vergnuͤ-
gen/ entzoͤge/ und ſie dannoch in der brunſt verzappeln
lieſſe. Aus dieſen wuͤchtigen urſachen (ſchlos er ſeine
gedanken) mus ich mich nohtdruͤnglich entſchluͤßen/
den ſchoͤnen Leibeignen nicht an zu nehmen. Sein er-
ſter/ ja kaum halber anblik hat mir mein Frauenzim-
mer ſchon gantz in ruhr geſetzt. Was wuͤrde wohl ge-
ſchehen/ wan ich ihn gar auf das ſchlos nehmen ſolte.
Nein! nein! man mus ihn aus dem wege ſchaffen.
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| Zitationshilfe: | Zesen, Philipp von: Assenat. Amsterdam, 1670, S. 11. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/zesen_assenat_1670/35>, abgerufen am 06.08.2024. |


