Ziegler, Franz Wilhelm: Saat und Ernte. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 24. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 129–196. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016.Es ist aus mit mir, sagte er zum Müller, ich habe meinen Abschied genommen. Hier kann ich nicht mehr wirken, ich bin an Leib und Seele gebrochen. Meine Strafe ist nicht zu Ende, sie geht erst an in einer bittern Reue über ein verfehltes Leben, das ich bewußtlos verpraßte, wie es so Viele verpraßt haben, ohne zu erkennen, ja ohne nur zu ahnen, was am Horizonte aufgeht. Ich will fortziehen, weit, weit, damit ich die Gelegenheit nicht sehe, wo ich hätte wirken können und sollen. Ich bin nichts mehr, nichts, wie so Viele, die nur durch ihr Unrecht wirken, als der Dünger für die neue Saat. Laßt mich nun ziehen, Marie werde ich nachholen! -- Der Müller empfing einen Brief. Er ist vom Lehrer, sagte er, Ihr kennt ihn ja; der Brief ist aus dem Auslande. -- Noch Jemand, der mich anzuklagen kommt? rief der Justizrath. Nein, sagte der Müller, er kommt nicht; Gott, wenn er wieder Recht hätte! Was schreibt er? -- "Ich komme noch nicht; denn es ist noch nicht Zeit. -- " "Die Gerechtigkeit ist ein Mittel der Tyrannis, aber die Ungerechtigkeit ist die Mutter der Freiheit." " "Euch aber war nicht Unrecht groß genug geschehen, es "muß noch anders kommen. Nehmt Euch in Acht; "denn es wird noch hart hergehen, und die über die "Ruthen schreien, werden über die Scorpionen jammern. Es ist aus mit mir, sagte er zum Müller, ich habe meinen Abschied genommen. Hier kann ich nicht mehr wirken, ich bin an Leib und Seele gebrochen. Meine Strafe ist nicht zu Ende, sie geht erst an in einer bittern Reue über ein verfehltes Leben, das ich bewußtlos verpraßte, wie es so Viele verpraßt haben, ohne zu erkennen, ja ohne nur zu ahnen, was am Horizonte aufgeht. Ich will fortziehen, weit, weit, damit ich die Gelegenheit nicht sehe, wo ich hätte wirken können und sollen. Ich bin nichts mehr, nichts, wie so Viele, die nur durch ihr Unrecht wirken, als der Dünger für die neue Saat. Laßt mich nun ziehen, Marie werde ich nachholen! — Der Müller empfing einen Brief. Er ist vom Lehrer, sagte er, Ihr kennt ihn ja; der Brief ist aus dem Auslande. — Noch Jemand, der mich anzuklagen kommt? rief der Justizrath. Nein, sagte der Müller, er kommt nicht; Gott, wenn er wieder Recht hätte! Was schreibt er? — „Ich komme noch nicht; denn es ist noch nicht Zeit. — „ „Die Gerechtigkeit ist ein Mittel der Tyrannis, aber die Ungerechtigkeit ist die Mutter der Freiheit.“ “ „Euch aber war nicht Unrecht groß genug geschehen, es „muß noch anders kommen. Nehmt Euch in Acht; „denn es wird noch hart hergehen, und die über die „Ruthen schreien, werden über die Scorpionen jammern. <TEI> <text> <body> <div> <pb facs="#f0069"/> <p>Es ist aus mit mir, sagte er zum Müller, ich habe meinen Abschied genommen. Hier kann ich nicht mehr wirken, ich bin an Leib und Seele gebrochen. Meine Strafe ist nicht zu Ende, sie geht erst an in einer bittern Reue über ein verfehltes Leben, das ich bewußtlos verpraßte, wie es so Viele verpraßt haben, ohne zu erkennen, ja ohne nur zu ahnen, was am Horizonte aufgeht. Ich will fortziehen, weit, weit, damit ich die Gelegenheit nicht sehe, wo ich hätte wirken können und sollen. Ich bin nichts mehr, nichts, wie so Viele, die nur durch ihr Unrecht wirken, als der Dünger für die neue Saat. Laßt mich nun ziehen, Marie werde ich nachholen! —</p><lb/> <p>Der Müller empfing einen Brief. Er ist vom Lehrer, sagte er, Ihr kennt ihn ja; der Brief ist aus dem Auslande. —</p><lb/> <p>Noch Jemand, der mich anzuklagen kommt? rief der Justizrath.</p><lb/> <p>Nein, sagte der Müller, er kommt nicht; Gott, wenn er wieder Recht hätte!</p><lb/> <p>Was schreibt er? —</p><lb/> <floatingText> <body> <div type="letter"> <p>„Ich komme noch nicht; denn es ist noch nicht Zeit. — </p><lb/> <p>„ „Die Gerechtigkeit ist ein Mittel der Tyrannis, aber die Ungerechtigkeit ist die Mutter der Freiheit.“ “ „Euch aber war nicht Unrecht groß genug geschehen, es „muß noch anders kommen. Nehmt Euch in Acht; „denn es wird noch hart hergehen, und die über die „Ruthen schreien, werden über die Scorpionen jammern.<lb/></p> </div> </body> </floatingText> </div> </body> </text> </TEI> [0069]
Es ist aus mit mir, sagte er zum Müller, ich habe meinen Abschied genommen. Hier kann ich nicht mehr wirken, ich bin an Leib und Seele gebrochen. Meine Strafe ist nicht zu Ende, sie geht erst an in einer bittern Reue über ein verfehltes Leben, das ich bewußtlos verpraßte, wie es so Viele verpraßt haben, ohne zu erkennen, ja ohne nur zu ahnen, was am Horizonte aufgeht. Ich will fortziehen, weit, weit, damit ich die Gelegenheit nicht sehe, wo ich hätte wirken können und sollen. Ich bin nichts mehr, nichts, wie so Viele, die nur durch ihr Unrecht wirken, als der Dünger für die neue Saat. Laßt mich nun ziehen, Marie werde ich nachholen! —
Der Müller empfing einen Brief. Er ist vom Lehrer, sagte er, Ihr kennt ihn ja; der Brief ist aus dem Auslande. —
Noch Jemand, der mich anzuklagen kommt? rief der Justizrath.
Nein, sagte der Müller, er kommt nicht; Gott, wenn er wieder Recht hätte!
Was schreibt er? —
„Ich komme noch nicht; denn es ist noch nicht Zeit. —
„ „Die Gerechtigkeit ist ein Mittel der Tyrannis, aber die Ungerechtigkeit ist die Mutter der Freiheit.“ “ „Euch aber war nicht Unrecht groß genug geschehen, es „muß noch anders kommen. Nehmt Euch in Acht; „denn es wird noch hart hergehen, und die über die „Ruthen schreien, werden über die Scorpionen jammern.
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| Zitationshilfe: | Ziegler, Franz Wilhelm: Saat und Ernte. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 24. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 129–196. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/ziegler_ernte_1910/69>, abgerufen am 11.09.2024. |


