Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Alexis, Willibald: Ruhe ist die erste Bürgerpflicht oder Vor fünfzig Jahren. Bd. 3. Berlin, 1852.

Bild:
<< vorherige Seite

sonst im Theater zu sehen pflegte, und die, welche zu
dem regierenden Kreise in näherer Beziehung stan¬
den. Man vermißte aber auch mehre eminente Per¬
sönlichkeiten, welche zu diesen Kreisen nicht gehörten,
sondern sich ihnen feindlich gegenüber stellten. Wenn
sie es waren, die das Schauspiel angeordnet, hielten
sie es für schicklich, wenigstens den Schein zu ver¬
meiden, und verbargen sich in der Tiefe der damals
sehr dunkeln Logen.

Nicht der Schauspieler und der Darstellung we¬
gen schien dieses große, lebhafte Publicum versam¬
melt, sondern seiner selbst willen. Es wollte sich
eine Darstellung geben. Auf dem Zettel stand an¬
gekündigt Babos: "Puls." Um dieses feinen, psy¬
chologischen Schauspiels willen hatte nicht das Offi¬
cierscorps für die Wacht- und Quartiermeister der
Regimenter Gensd'armen verschiedene Logen im er¬
sten und zweiten Range gemiethet, noch sah man
deshalb im Parterre und auf dem Amphitheater
Gruppen Infanteristen und Husaren, jede von 10
bis 12 Mann um ihren Unterofficier versammelt.
Auch saßen untersprengt in anderen Logen zwischen
geputzten Damen und aristokratischen Herren gemeine
Soldaten in ihrer Commisuniform, ein damals weit
grellerer Contrast und unerhörter Anblick. Die "ho¬
netten" Leute erschraken sonst vor der Berührung mit
der blauen Montur. Und so geschickt, aber doch nicht
glücklich hatte man das bürgerliche Publikum mit dem
Militair im ganzen Hause vermischt, denn wer Augen

III. 16

ſonſt im Theater zu ſehen pflegte, und die, welche zu
dem regierenden Kreiſe in näherer Beziehung ſtan¬
den. Man vermißte aber auch mehre eminente Per¬
ſönlichkeiten, welche zu dieſen Kreiſen nicht gehörten,
ſondern ſich ihnen feindlich gegenüber ſtellten. Wenn
ſie es waren, die das Schauſpiel angeordnet, hielten
ſie es für ſchicklich, wenigſtens den Schein zu ver¬
meiden, und verbargen ſich in der Tiefe der damals
ſehr dunkeln Logen.

Nicht der Schauſpieler und der Darſtellung we¬
gen ſchien dieſes große, lebhafte Publicum verſam¬
melt, ſondern ſeiner ſelbſt willen. Es wollte ſich
eine Darſtellung geben. Auf dem Zettel ſtand an¬
gekündigt Babos: „Puls.“ Um dieſes feinen, pſy¬
chologiſchen Schauſpiels willen hatte nicht das Offi¬
cierscorps für die Wacht- und Quartiermeiſter der
Regimenter Gensd'armen verſchiedene Logen im er¬
ſten und zweiten Range gemiethet, noch ſah man
deshalb im Parterre und auf dem Amphitheater
Gruppen Infanteriſten und Huſaren, jede von 10
bis 12 Mann um ihren Unterofficier verſammelt.
Auch ſaßen unterſprengt in anderen Logen zwiſchen
geputzten Damen und ariſtokratiſchen Herren gemeine
Soldaten in ihrer Commisuniform, ein damals weit
grellerer Contraſt und unerhörter Anblick. Die „ho¬
netten“ Leute erſchraken ſonſt vor der Berührung mit
der blauen Montur. Und ſo geſchickt, aber doch nicht
glücklich hatte man das bürgerliche Publikum mit dem
Militair im ganzen Hauſe vermiſcht, denn wer Augen

III. 16
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <p><pb facs="#f0251" n="241"/>
&#x017F;on&#x017F;t im Theater zu &#x017F;ehen pflegte, und die, welche zu<lb/>
dem regierenden Krei&#x017F;e in näherer Beziehung &#x017F;tan¬<lb/>
den. Man vermißte aber auch mehre eminente Per¬<lb/>
&#x017F;önlichkeiten, welche zu die&#x017F;en Krei&#x017F;en nicht gehörten,<lb/>
&#x017F;ondern &#x017F;ich ihnen feindlich gegenüber &#x017F;tellten. Wenn<lb/>
&#x017F;ie es waren, die das Schau&#x017F;piel angeordnet, hielten<lb/>
&#x017F;ie es für &#x017F;chicklich, wenig&#x017F;tens den Schein zu ver¬<lb/>
meiden, und verbargen &#x017F;ich in der Tiefe der damals<lb/>
&#x017F;ehr dunkeln Logen.</p><lb/>
        <p>Nicht der Schau&#x017F;pieler und der Dar&#x017F;tellung we¬<lb/>
gen &#x017F;chien die&#x017F;es große, lebhafte Publicum ver&#x017F;am¬<lb/>
melt, &#x017F;ondern &#x017F;einer &#x017F;elb&#x017F;t willen. Es wollte &#x017F;ich<lb/>
eine Dar&#x017F;tellung geben. Auf dem Zettel &#x017F;tand an¬<lb/>
gekündigt Babos: &#x201E;Puls.&#x201C; Um die&#x017F;es feinen, p&#x017F;<lb/>
chologi&#x017F;chen Schau&#x017F;piels willen hatte nicht das Offi¬<lb/>
cierscorps für die Wacht- und Quartiermei&#x017F;ter der<lb/>
Regimenter Gensd'armen ver&#x017F;chiedene Logen im er¬<lb/>
&#x017F;ten und zweiten Range gemiethet, noch &#x017F;ah man<lb/>
deshalb im Parterre und auf dem Amphitheater<lb/>
Gruppen Infanteri&#x017F;ten und Hu&#x017F;aren, jede von 10<lb/>
bis 12 Mann um ihren Unterofficier ver&#x017F;ammelt.<lb/>
Auch &#x017F;aßen unter&#x017F;prengt in anderen Logen zwi&#x017F;chen<lb/>
geputzten Damen und ari&#x017F;tokrati&#x017F;chen Herren gemeine<lb/>
Soldaten in ihrer Commisuniform, ein damals weit<lb/>
grellerer Contra&#x017F;t und unerhörter Anblick. Die &#x201E;ho¬<lb/>
netten&#x201C; Leute er&#x017F;chraken &#x017F;on&#x017F;t vor der Berührung mit<lb/>
der blauen Montur. Und &#x017F;o ge&#x017F;chickt, aber doch nicht<lb/>
glücklich hatte man das bürgerliche Publikum mit dem<lb/>
Militair im ganzen Hau&#x017F;e vermi&#x017F;cht, denn wer Augen<lb/>
<fw place="bottom" type="sig"><hi rendition="#aq">III</hi>. 16<lb/></fw>
</p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[241/0251] ſonſt im Theater zu ſehen pflegte, und die, welche zu dem regierenden Kreiſe in näherer Beziehung ſtan¬ den. Man vermißte aber auch mehre eminente Per¬ ſönlichkeiten, welche zu dieſen Kreiſen nicht gehörten, ſondern ſich ihnen feindlich gegenüber ſtellten. Wenn ſie es waren, die das Schauſpiel angeordnet, hielten ſie es für ſchicklich, wenigſtens den Schein zu ver¬ meiden, und verbargen ſich in der Tiefe der damals ſehr dunkeln Logen. Nicht der Schauſpieler und der Darſtellung we¬ gen ſchien dieſes große, lebhafte Publicum verſam¬ melt, ſondern ſeiner ſelbſt willen. Es wollte ſich eine Darſtellung geben. Auf dem Zettel ſtand an¬ gekündigt Babos: „Puls.“ Um dieſes feinen, pſy¬ chologiſchen Schauſpiels willen hatte nicht das Offi¬ cierscorps für die Wacht- und Quartiermeiſter der Regimenter Gensd'armen verſchiedene Logen im er¬ ſten und zweiten Range gemiethet, noch ſah man deshalb im Parterre und auf dem Amphitheater Gruppen Infanteriſten und Huſaren, jede von 10 bis 12 Mann um ihren Unterofficier verſammelt. Auch ſaßen unterſprengt in anderen Logen zwiſchen geputzten Damen und ariſtokratiſchen Herren gemeine Soldaten in ihrer Commisuniform, ein damals weit grellerer Contraſt und unerhörter Anblick. Die „ho¬ netten“ Leute erſchraken ſonſt vor der Berührung mit der blauen Montur. Und ſo geſchickt, aber doch nicht glücklich hatte man das bürgerliche Publikum mit dem Militair im ganzen Hauſe vermiſcht, denn wer Augen III. 16

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/alexis_ruhe03_1852
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/alexis_ruhe03_1852/251
Zitationshilfe: Alexis, Willibald: Ruhe ist die erste Bürgerpflicht oder Vor fünfzig Jahren. Bd. 3. Berlin, 1852, S. 241. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/alexis_ruhe03_1852/251>, abgerufen am 16.02.2020.