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Arent, Wilhelm (Hrsg.): Moderne Dichter-Charaktere. Leipzig, [1885].

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Oskar Jerschke.
Laß mein müdes Auge sich umflirren,
Wenn der Winter durch die Tannen saust
Und der wilde Forstwind durch die dürren,
Blätterlosen Buchenwipfel braust,
Eisige Wolken sich am Himmel ballen
Und in Schnee und Hagel niederfallen.
Gern und freudig werd' ich Deinem Winken
Dann mich weihen und mit voller Brust
Meines Daseins letzten Athem trinken,
Jener sel'gen Hoffnung froh bewußt:
Daß ich aus der Erde Winterwehe
In den ew'gen Sternenfrühling gehe.


Wechsel der Welt.

Originalbeitrag.

Die Welt ist nimmer geblieben
Die herrliche Welt des Homer,
Die Götter sind längst vertrieben,
Gestürzt sind die Tempel ins Meer.
Verschollen die heiligen Lieder,
Verwirbelt der Opferrauch,
In Hohn und Gespött darnieder
Gebrochen der Priester Brauch.
Nicht betende Völker mehr wallen
Zu schimmernden Säulenreihn,
Den hohen Olympiern allen
Geschmückte Geschenke zu weihn.
Die Himmlischen mußten erliegen
In toller Jahrhunderte Kampf,
Es schwelgt in Trophäen und Siegen,
Es herrscht: der allmächtige Dampf.

Oskar Jerſchke.
Laß mein müdes Auge ſich umflirren,
Wenn der Winter durch die Tannen ſauſt
Und der wilde Forſtwind durch die dürren,
Blätterloſen Buchenwipfel brauſt,
Eiſige Wolken ſich am Himmel ballen
Und in Schnee und Hagel niederfallen.
Gern und freudig werd’ ich Deinem Winken
Dann mich weihen und mit voller Bruſt
Meines Daſeins letzten Athem trinken,
Jener ſel’gen Hoffnung froh bewußt:
Daß ich aus der Erde Winterwehe
In den ew’gen Sternenfrühling gehe.


Wechſel der Welt.

Originalbeitrag.

Die Welt iſt nimmer geblieben
Die herrliche Welt des Homer,
Die Götter ſind längſt vertrieben,
Geſtürzt ſind die Tempel ins Meer.
Verſchollen die heiligen Lieder,
Verwirbelt der Opferrauch,
In Hohn und Geſpött darnieder
Gebrochen der Prieſter Brauch.
Nicht betende Völker mehr wallen
Zu ſchimmernden Säulenreihn,
Den hohen Olympiern allen
Geſchmückte Geſchenke zu weihn.
Die Himmliſchen mußten erliegen
In toller Jahrhunderte Kampf,
Es ſchwelgt in Trophäen und Siegen,
Es herrſcht: der allmächtige Dampf.

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[165/0183] Oskar Jerſchke. Laß mein müdes Auge ſich umflirren, Wenn der Winter durch die Tannen ſauſt Und der wilde Forſtwind durch die dürren, Blätterloſen Buchenwipfel brauſt, Eiſige Wolken ſich am Himmel ballen Und in Schnee und Hagel niederfallen. Gern und freudig werd’ ich Deinem Winken Dann mich weihen und mit voller Bruſt Meines Daſeins letzten Athem trinken, Jener ſel’gen Hoffnung froh bewußt: Daß ich aus der Erde Winterwehe In den ew’gen Sternenfrühling gehe. Wechſel der Welt. Originalbeitrag. Die Welt iſt nimmer geblieben Die herrliche Welt des Homer, Die Götter ſind längſt vertrieben, Geſtürzt ſind die Tempel ins Meer. Verſchollen die heiligen Lieder, Verwirbelt der Opferrauch, In Hohn und Geſpött darnieder Gebrochen der Prieſter Brauch. Nicht betende Völker mehr wallen Zu ſchimmernden Säulenreihn, Den hohen Olympiern allen Geſchmückte Geſchenke zu weihn. Die Himmliſchen mußten erliegen In toller Jahrhunderte Kampf, Es ſchwelgt in Trophäen und Siegen, Es herrſcht: der allmächtige Dampf.

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Zitationshilfe: Arent, Wilhelm (Hrsg.): Moderne Dichter-Charaktere. Leipzig, [1885], S. 165. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/arent_dichtercharaktere_1885/183>, abgerufen am 20.11.2018.