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Auerbach, Berthold: Die Geschichte des Diethelm von Buchenberg. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 7. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 45–268. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016.

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die Pferde, um sie nachzubringen, und eilte voraus durch Nebengäßchen und Durchhäuser nach dem Rautenkranz. Als er hier von Fränz hörte, was geschehen war, erschrak er anfangs, so weit hatte er's mit Munde nicht treiben, er hatte ihm nur den Daumen aufs Aug halten wollen. Bald aber sagte er: es hat sein müssen, drum ist's besser heut als morgen. Fränz war nicht so leicht zu beruhigen, sie nahm den Vater aus der Wirthsstube fort nach dem stillen Zimmer und sagte hier, daß man nicht wissen könne, was Munde vorhabe, er wisse Alles, Medard habe ihm das Gleiche gesagt wie dem alten Schäferle.

Das ist vorbei, beruhigte Diethelm, davon bin ich freigesprochen; was gemäht ist, ist gemäht. Red mir heut nichts mehr von der Geschichte.

Ja, Vater, aber er wird mich deßwegen vor Gericht fordern.

Dich? Warum? Was hast denn du dabei?

Ich hab' ihm Alles gesagt, erwiderte Fränz mit niedergeschlagenem Blicke.

Was? Was hast ihm gesagt? Was weißt denn du? Ich versteh' den blauen Teufel von all deinem Geschwätz.

Vater, ich hab' gemeint, er sei mein Mann, und ihm darf ich Alles sagen, und da hab' ich ihm erzählt, wie Ihr damals auf der kalten Herberge die Farb' gewechselt habt, wie der Wirth erzählt hat, und wie Ihr mir hier in diesem Zimmer vier Wochen vor dem Brand gesagt habt, Ihr wisset nicht mehr wo aus noch ein. Vater, ich hab's ja nicht bös gemeint, ich hab' ja nie daran denken können, daß uns der Munde verrathen könnt'.

Diethelm schnaubte wild vor Zorn und Schreck, er ballte die Faust, als wollte er Fränz zu Boden schlagen: sein eigen Kind wußte um seine Schuld, und hatte sie preisgegeben, aber schnell entballte er seine Faust wieder, spielte in der Luft mit den Fingern wie auf Claviertasten und sagte bitter lächelnd:

So? Also du bist so gescheit und willst deinem Vater was zusammenzwirnen? Aber du bist zu dumm, daß dich

die Pferde, um sie nachzubringen, und eilte voraus durch Nebengäßchen und Durchhäuser nach dem Rautenkranz. Als er hier von Fränz hörte, was geschehen war, erschrak er anfangs, so weit hatte er's mit Munde nicht treiben, er hatte ihm nur den Daumen aufs Aug halten wollen. Bald aber sagte er: es hat sein müssen, drum ist's besser heut als morgen. Fränz war nicht so leicht zu beruhigen, sie nahm den Vater aus der Wirthsstube fort nach dem stillen Zimmer und sagte hier, daß man nicht wissen könne, was Munde vorhabe, er wisse Alles, Medard habe ihm das Gleiche gesagt wie dem alten Schäferle.

Das ist vorbei, beruhigte Diethelm, davon bin ich freigesprochen; was gemäht ist, ist gemäht. Red mir heut nichts mehr von der Geschichte.

Ja, Vater, aber er wird mich deßwegen vor Gericht fordern.

Dich? Warum? Was hast denn du dabei?

Ich hab' ihm Alles gesagt, erwiderte Fränz mit niedergeschlagenem Blicke.

Was? Was hast ihm gesagt? Was weißt denn du? Ich versteh' den blauen Teufel von all deinem Geschwätz.

Vater, ich hab' gemeint, er sei mein Mann, und ihm darf ich Alles sagen, und da hab' ich ihm erzählt, wie Ihr damals auf der kalten Herberge die Farb' gewechselt habt, wie der Wirth erzählt hat, und wie Ihr mir hier in diesem Zimmer vier Wochen vor dem Brand gesagt habt, Ihr wisset nicht mehr wo aus noch ein. Vater, ich hab's ja nicht bös gemeint, ich hab' ja nie daran denken können, daß uns der Munde verrathen könnt'.

Diethelm schnaubte wild vor Zorn und Schreck, er ballte die Faust, als wollte er Fränz zu Boden schlagen: sein eigen Kind wußte um seine Schuld, und hatte sie preisgegeben, aber schnell entballte er seine Faust wieder, spielte in der Luft mit den Fingern wie auf Claviertasten und sagte bitter lächelnd:

So? Also du bist so gescheit und willst deinem Vater was zusammenzwirnen? Aber du bist zu dumm, daß dich

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[0184] die Pferde, um sie nachzubringen, und eilte voraus durch Nebengäßchen und Durchhäuser nach dem Rautenkranz. Als er hier von Fränz hörte, was geschehen war, erschrak er anfangs, so weit hatte er's mit Munde nicht treiben, er hatte ihm nur den Daumen aufs Aug halten wollen. Bald aber sagte er: es hat sein müssen, drum ist's besser heut als morgen. Fränz war nicht so leicht zu beruhigen, sie nahm den Vater aus der Wirthsstube fort nach dem stillen Zimmer und sagte hier, daß man nicht wissen könne, was Munde vorhabe, er wisse Alles, Medard habe ihm das Gleiche gesagt wie dem alten Schäferle. Das ist vorbei, beruhigte Diethelm, davon bin ich freigesprochen; was gemäht ist, ist gemäht. Red mir heut nichts mehr von der Geschichte. Ja, Vater, aber er wird mich deßwegen vor Gericht fordern. Dich? Warum? Was hast denn du dabei? Ich hab' ihm Alles gesagt, erwiderte Fränz mit niedergeschlagenem Blicke. Was? Was hast ihm gesagt? Was weißt denn du? Ich versteh' den blauen Teufel von all deinem Geschwätz. Vater, ich hab' gemeint, er sei mein Mann, und ihm darf ich Alles sagen, und da hab' ich ihm erzählt, wie Ihr damals auf der kalten Herberge die Farb' gewechselt habt, wie der Wirth erzählt hat, und wie Ihr mir hier in diesem Zimmer vier Wochen vor dem Brand gesagt habt, Ihr wisset nicht mehr wo aus noch ein. Vater, ich hab's ja nicht bös gemeint, ich hab' ja nie daran denken können, daß uns der Munde verrathen könnt'. Diethelm schnaubte wild vor Zorn und Schreck, er ballte die Faust, als wollte er Fränz zu Boden schlagen: sein eigen Kind wußte um seine Schuld, und hatte sie preisgegeben, aber schnell entballte er seine Faust wieder, spielte in der Luft mit den Fingern wie auf Claviertasten und sagte bitter lächelnd: So? Also du bist so gescheit und willst deinem Vater was zusammenzwirnen? Aber du bist zu dumm, daß dich

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Digital Humanities Cooperation Konstanz/Darmstadt: Bereitstellung der Texttranskription. (2017-03-14T13:04:01Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Jan Merkt, Thomas Gilli, Jasmin Bieber, Katharina Herget, Anni Peter, Christian Thomas, Benjamin Fiechter: Bearbeitung der digitalen Edition. (2017-03-14T13:04:01Z)

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Zitationshilfe: Auerbach, Berthold: Die Geschichte des Diethelm von Buchenberg. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 7. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 45–268. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016, S. . In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/auerbach_diethelm_1910/184>, abgerufen am 04.07.2020.