Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Auerbach, Berthold: Die Geschichte des Diethelm von Buchenberg. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 7. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 45–268. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016.

Bild:
<< vorherige Seite
Zwölftes Kapitel.

Auch im Schicksal der Menschen giebt es veränderliches Aprilwetter, wenn neue Keime aufgehen. Ein Brief des von Reppenberger bestellten Käufers meldete einen Verschub seiner Ankunft auf mehrere Wochen und ersuchte Diethelm, wenn er bälder verkaufen wolle, mit Proben nach der Hauptstadt zu kommen. Diethelm ließ sich aber dadurch nicht abhalten, im Waldhorn prahlerisch seine günstigen Aussichten zu verkünden. Er lief dann hin und her und hatte für Alles die genaueste Fürsorge, und doch war ihm jedes Thun nur wie ein Nebengeschäft, wie ein gewaltsamer Zeitvertreib, bis es an die einzige wirkliche That ging. Als ihn der Waldhornwirth aufforderte, mit auf die Jagd zu gehen, schlug er es ab, und doch war sein Antlitz froh gespannt, denn er erinnerte sich des bedeutenden Pulvervorrathes, den er im Hause hatte, und der sich nun auch zu schicklicher Verwendung eignete. Als Diethelm beim Nachhausegehen in der Nacht an der Kirche vorüberkam, erschrak er plötzlich, da er hellen Schein durch die hohen Kirchenfenster blinken sah. Hat das eine Vorbedeutung, daß die Kirche brennt? Schon wollte Diethelm laut rufen, als es ihm einfiel, daß das ja die Weihekerze war, die er selbst aus der Stadt mitgebracht; auf die Minute hin ist berechnet, wie lang dieses Licht brennt, und ist es nieder und findet keine Nahrung seiner Flamme mehr, dann erlischt es, findet es aber neue weithinziehende, dann . . . Als Diethelm sich endlich von den Knieen aufrichtete, sah er wie verwirrt an sich herab, er konnte sich nicht erinnern, wie er niedergekniet war, es mußte das gegen seinen Willen geschehen sein. Hastig verscharrte er die Spuren seiner Kniee im Schnee, und wie er weiter schritt, verscharrte er jede Fußtapfe zur Unkenntlichkeit, und doch wagte er es nicht, geradenweges heimzugehen; bald ängstigte ihn der Gedanke, daß er entdeckt und verrathen sei, bald hatte er eine

Zwölftes Kapitel.

Auch im Schicksal der Menschen giebt es veränderliches Aprilwetter, wenn neue Keime aufgehen. Ein Brief des von Reppenberger bestellten Käufers meldete einen Verschub seiner Ankunft auf mehrere Wochen und ersuchte Diethelm, wenn er bälder verkaufen wolle, mit Proben nach der Hauptstadt zu kommen. Diethelm ließ sich aber dadurch nicht abhalten, im Waldhorn prahlerisch seine günstigen Aussichten zu verkünden. Er lief dann hin und her und hatte für Alles die genaueste Fürsorge, und doch war ihm jedes Thun nur wie ein Nebengeschäft, wie ein gewaltsamer Zeitvertreib, bis es an die einzige wirkliche That ging. Als ihn der Waldhornwirth aufforderte, mit auf die Jagd zu gehen, schlug er es ab, und doch war sein Antlitz froh gespannt, denn er erinnerte sich des bedeutenden Pulvervorrathes, den er im Hause hatte, und der sich nun auch zu schicklicher Verwendung eignete. Als Diethelm beim Nachhausegehen in der Nacht an der Kirche vorüberkam, erschrak er plötzlich, da er hellen Schein durch die hohen Kirchenfenster blinken sah. Hat das eine Vorbedeutung, daß die Kirche brennt? Schon wollte Diethelm laut rufen, als es ihm einfiel, daß das ja die Weihekerze war, die er selbst aus der Stadt mitgebracht; auf die Minute hin ist berechnet, wie lang dieses Licht brennt, und ist es nieder und findet keine Nahrung seiner Flamme mehr, dann erlischt es, findet es aber neue weithinziehende, dann . . . Als Diethelm sich endlich von den Knieen aufrichtete, sah er wie verwirrt an sich herab, er konnte sich nicht erinnern, wie er niedergekniet war, es mußte das gegen seinen Willen geschehen sein. Hastig verscharrte er die Spuren seiner Kniee im Schnee, und wie er weiter schritt, verscharrte er jede Fußtapfe zur Unkenntlichkeit, und doch wagte er es nicht, geradenweges heimzugehen; bald ängstigte ihn der Gedanke, daß er entdeckt und verrathen sei, bald hatte er eine

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div type="chapter" n="11">
        <pb facs="#f0083"/>
      </div>
      <div type="chapter" n="12">
        <head>Zwölftes Kapitel.</head><lb/>
        <p>Auch im Schicksal der Menschen giebt es veränderliches Aprilwetter, wenn neue Keime                aufgehen. Ein Brief des von Reppenberger bestellten Käufers meldete einen Verschub                seiner Ankunft auf mehrere Wochen und ersuchte Diethelm, wenn er bälder verkaufen                wolle, mit Proben nach der Hauptstadt zu kommen. Diethelm ließ sich aber dadurch                nicht abhalten, im Waldhorn prahlerisch seine günstigen Aussichten zu verkünden. Er                lief dann hin und her und hatte für Alles die genaueste Fürsorge, und doch war ihm                jedes Thun nur wie ein Nebengeschäft, wie ein gewaltsamer Zeitvertreib, bis es an die                einzige wirkliche That ging. Als ihn der Waldhornwirth aufforderte, mit auf die Jagd                zu gehen, schlug er es ab, und doch war sein Antlitz froh gespannt, denn er erinnerte                sich des bedeutenden Pulvervorrathes, den er im Hause hatte, und der sich nun auch zu                schicklicher Verwendung eignete. Als Diethelm beim Nachhausegehen in der Nacht an der                Kirche vorüberkam, erschrak er plötzlich, da er hellen Schein durch die hohen                Kirchenfenster blinken sah. Hat das eine Vorbedeutung, daß die Kirche brennt? Schon                wollte Diethelm laut rufen, als es ihm einfiel, daß das ja die Weihekerze war, die er                selbst aus der Stadt mitgebracht; auf die Minute hin ist berechnet, wie lang dieses                Licht brennt, und ist es nieder und findet keine Nahrung seiner Flamme mehr, dann                erlischt es, findet es aber neue weithinziehende, dann . . . Als Diethelm sich                endlich von den Knieen aufrichtete, sah er wie verwirrt an sich herab, er konnte sich                nicht erinnern, wie er niedergekniet war, es mußte das gegen seinen Willen geschehen                sein. Hastig verscharrte er die Spuren seiner Kniee im Schnee, und wie er weiter                schritt, verscharrte er jede Fußtapfe zur Unkenntlichkeit, und doch wagte er es                nicht, geradenweges heimzugehen; bald ängstigte ihn der Gedanke, daß er entdeckt und                verrathen sei, bald hatte er eine<lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[0083] Zwölftes Kapitel. Auch im Schicksal der Menschen giebt es veränderliches Aprilwetter, wenn neue Keime aufgehen. Ein Brief des von Reppenberger bestellten Käufers meldete einen Verschub seiner Ankunft auf mehrere Wochen und ersuchte Diethelm, wenn er bälder verkaufen wolle, mit Proben nach der Hauptstadt zu kommen. Diethelm ließ sich aber dadurch nicht abhalten, im Waldhorn prahlerisch seine günstigen Aussichten zu verkünden. Er lief dann hin und her und hatte für Alles die genaueste Fürsorge, und doch war ihm jedes Thun nur wie ein Nebengeschäft, wie ein gewaltsamer Zeitvertreib, bis es an die einzige wirkliche That ging. Als ihn der Waldhornwirth aufforderte, mit auf die Jagd zu gehen, schlug er es ab, und doch war sein Antlitz froh gespannt, denn er erinnerte sich des bedeutenden Pulvervorrathes, den er im Hause hatte, und der sich nun auch zu schicklicher Verwendung eignete. Als Diethelm beim Nachhausegehen in der Nacht an der Kirche vorüberkam, erschrak er plötzlich, da er hellen Schein durch die hohen Kirchenfenster blinken sah. Hat das eine Vorbedeutung, daß die Kirche brennt? Schon wollte Diethelm laut rufen, als es ihm einfiel, daß das ja die Weihekerze war, die er selbst aus der Stadt mitgebracht; auf die Minute hin ist berechnet, wie lang dieses Licht brennt, und ist es nieder und findet keine Nahrung seiner Flamme mehr, dann erlischt es, findet es aber neue weithinziehende, dann . . . Als Diethelm sich endlich von den Knieen aufrichtete, sah er wie verwirrt an sich herab, er konnte sich nicht erinnern, wie er niedergekniet war, es mußte das gegen seinen Willen geschehen sein. Hastig verscharrte er die Spuren seiner Kniee im Schnee, und wie er weiter schritt, verscharrte er jede Fußtapfe zur Unkenntlichkeit, und doch wagte er es nicht, geradenweges heimzugehen; bald ängstigte ihn der Gedanke, daß er entdeckt und verrathen sei, bald hatte er eine

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Thomas Weitin: Herausgeber
Digital Humanities Cooperation Konstanz/Darmstadt: Bereitstellung der Texttranskription. (2017-03-14T13:04:01Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Jan Merkt, Thomas Gilli, Jasmin Bieber, Katharina Herget, Anni Peter, Christian Thomas, Benjamin Fiechter: Bearbeitung der digitalen Edition. (2017-03-14T13:04:01Z)

Weitere Informationen:

Bogensignaturen: nicht gekennzeichnet; Druckfehler: dokumentiert; fremdsprachliches Material: nicht gekennzeichnet; Geminations-/Abkürzungsstriche: keine Angabe; Hervorhebungen (Antiqua, Sperrschrift, Kursive etc.): nicht ausgezeichnet; i/j in Fraktur: keine Angabe; I/J in Fraktur: Lautwert transkribiert; Kolumnentitel: nicht gekennzeichnet; Kustoden: nicht gekennzeichnet; langes s (ſ): als s transkribiert; Normalisierungen: keine; rundes r (&#xa75b;): keine Angabe; Seitenumbrüche markiert: ja; Silbentrennung: aufgelöst; u/v bzw. U/V: keine Angabe; Vokale mit übergest. e: keine Angabe; Vollständigkeit: vollständig erfasst; Zeichensetzung: wie Vorlage; Zeilenumbrüche markiert: nein;




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/auerbach_diethelm_1910
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/auerbach_diethelm_1910/83
Zitationshilfe: Auerbach, Berthold: Die Geschichte des Diethelm von Buchenberg. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 7. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 45–268. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016, S. . In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/auerbach_diethelm_1910/83>, abgerufen am 14.07.2020.