Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

[Berg, Albert]: Die preussische Expedition nach Ost-Asien. Bd. 3. Berlin, 1873.

Bild:
<< vorherige Seite
V.
DER LORCHA-KRIEG.

BIS 1858.

Bei Davis' Anwesenheit in Kan-ton 1847 wurde in den Ver-
handlungen mit Ki-yin auch das im Vertrage von Nan-kin
den Engländern gewährte Recht auf freien Zutritt in die Stadt
Kan-ton erörtert, und ausgemacht, dass die Ausführung dieser Be-
stimmung wegen der feindseligen Haltung des Volkes auf weitere zwei
Jahre hinausgeschoben werden solle. Nach Ablauf dieser Frist
brachte Davis' Nachfolger, Herr Bonham, die Sache wieder zur
Sprache, wechselte mehrere Schreiben darüber mit dem Vice-
König Siu und überzeugte sich schliesslich, dass der Zeitpunct
nicht geeignet sei auf die Zulassung zu dringen. Er erklärte den
Chinesen, dass die Frage in ihrer Integrität ruhen und zur Erledi-
gung offen bleiben müsse. Gützlaff übersetzte die betreffenden
Worte 89) in Ausdrücken, die zwar nach dem Zeugniss der kundigsten
Dolmetscher nicht missverstanden werden konnten, von den Chi-
nesen aber so gedeutet wurden, als gäbe England seine Ansprüche
auf. Bonham erhielt für die unklare Fassung von seinem Vor-
gesetzten eine Rüge, und in der That hat dieselbe zur Verschlim-
merung der Beziehungen wesentlich beigetragen. Siu und sein
Nachfolger Yi kamen bei allen späteren Erörterungen darauf zu-
rück und verwiesen auf Bonham's öffentliche Bekanntmachungen
durch Maueranschlag und die Zeitungen, in welchen den englischen
Unterthanen der Eintritt in die Mauern von Kan-ton unter-
sagt wird. 90)

89) "The question at issue rests where it was and must remain in abeyance."
90) Aus mehreren gedruckten Depeschen des Yi scheint hervorzugehen, dass
Herr Bonham oder ein Vertreter desselben den freien Zutritt in Kan-ton 1850 an
der Pei-ho-Mündung gefordert hätte. Er sei, erzählt Yi, von den kaiserlichen Be-
vollmächtigten abgewiesen worden, weil im Vertrage von Nan-kin nichts davon
V.
DER LORCHA-KRIEG.

BIS 1858.

Bei Davis’ Anwesenheit in Kan-ton 1847 wurde in den Ver-
handlungen mit Ki-yiṅ auch das im Vertrage von Nan-kiṅ
den Engländern gewährte Recht auf freien Zutritt in die Stadt
Kan-ton erörtert, und ausgemacht, dass die Ausführung dieser Be-
stimmung wegen der feindseligen Haltung des Volkes auf weitere zwei
Jahre hinausgeschoben werden solle. Nach Ablauf dieser Frist
brachte Davis’ Nachfolger, Herr Bonham, die Sache wieder zur
Sprache, wechselte mehrere Schreiben darüber mit dem Vice-
König Siu und überzeugte sich schliesslich, dass der Zeitpunct
nicht geeignet sei auf die Zulassung zu dringen. Er erklärte den
Chinesen, dass die Frage in ihrer Integrität ruhen und zur Erledi-
gung offen bleiben müsse. Gützlaff übersetzte die betreffenden
Worte 89) in Ausdrücken, die zwar nach dem Zeugniss der kundigsten
Dolmetscher nicht missverstanden werden konnten, von den Chi-
nesen aber so gedeutet wurden, als gäbe England seine Ansprüche
auf. Bonham erhielt für die unklare Fassung von seinem Vor-
gesetzten eine Rüge, und in der That hat dieselbe zur Verschlim-
merung der Beziehungen wesentlich beigetragen. Siu und sein
Nachfolger Yi kamen bei allen späteren Erörterungen darauf zu-
rück und verwiesen auf Bonham’s öffentliche Bekanntmachungen
durch Maueranschlag und die Zeitungen, in welchen den englischen
Unterthanen der Eintritt in die Mauern von Kan-ton unter-
sagt wird. 90)

89) »The question at issue rests where it was and must remain in abeyance.«
90) Aus mehreren gedruckten Depeschen des Yi scheint hervorzugehen, dass
Herr Bonham oder ein Vertreter desselben den freien Zutritt in Kan-ton 1850 an
der Pei-ho-Mündung gefordert hätte. Er sei, erzählt Yi, von den kaiserlichen Be-
vollmächtigten abgewiesen worden, weil im Vertrage von Nan-kiṅ nichts davon
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <pb facs="#f0235" n="[213]"/>
        <div n="2">
          <head><hi rendition="#b">V.<lb/>
DER LORCHA-KRIEG.</hi><lb/>
BIS 1858.</head><lb/>
          <milestone rendition="#hr" unit="section"/>
          <p><hi rendition="#in">B</hi>ei <persName ref="http://d-nb.info/gnd/121769232">Davis&#x2019;</persName> Anwesenheit in <hi rendition="#k"><choice><sic>Kan--ton</sic><corr><placeName>Kan-ton</placeName></corr></choice></hi> 1847 wurde in den Ver-<lb/>
handlungen mit <hi rendition="#k"><persName ref="http://id.loc.gov/authorities/names/no89006795">Ki-yin&#x0307;</persName></hi> auch das im Vertrage von <hi rendition="#k"><placeName>Nan-kin&#x0307;</placeName></hi><lb/>
den Engländern gewährte Recht auf freien Zutritt in die Stadt<lb/><hi rendition="#k"><placeName>Kan-ton</placeName></hi> erörtert, und ausgemacht, dass die Ausführung dieser Be-<lb/>
stimmung wegen der feindseligen Haltung des Volkes auf weitere zwei<lb/>
Jahre hinausgeschoben werden solle. Nach Ablauf dieser Frist<lb/>
brachte <persName ref="http://d-nb.info/gnd/121769232">Davis&#x2019;</persName> Nachfolger, Herr <persName ref="nognd">Bonham</persName>, die Sache wieder zur<lb/>
Sprache, wechselte mehrere Schreiben darüber mit dem Vice-<lb/>
König <hi rendition="#k"><persName ref="http://id.loc.gov/authorities/names/nr91019968">Siu</persName></hi> und überzeugte sich schliesslich, dass der Zeitpunct<lb/>
nicht geeignet sei auf die Zulassung zu dringen. Er erklärte den<lb/>
Chinesen, dass die Frage in ihrer Integrität ruhen und zur Erledi-<lb/>
gung offen bleiben müsse. <persName ref="http://d-nb.info/gnd/118543350">Gützlaff</persName> übersetzte die betreffenden<lb/>
Worte <note place="foot" n="89)">»The question at issue rests where it was and must remain in abeyance.«</note> in Ausdrücken, die zwar nach dem Zeugniss der kundigsten<lb/>
Dolmetscher nicht missverstanden werden konnten, von den Chi-<lb/>
nesen aber so gedeutet wurden, als gäbe <placeName>England</placeName> seine Ansprüche<lb/>
auf. <persName ref="nognd">Bonham</persName> erhielt für die unklare Fassung von seinem Vor-<lb/>
gesetzten eine Rüge, und in der That hat dieselbe zur Verschlim-<lb/>
merung der Beziehungen wesentlich beigetragen. <hi rendition="#k"><persName ref="http://id.loc.gov/authorities/names/nr91019968">Siu</persName></hi> und sein<lb/>
Nachfolger <hi rendition="#k"><persName ref="http://id.loc.gov/authorities/names/n2013019435">Yi</persName></hi> kamen bei allen späteren Erörterungen darauf zu-<lb/>
rück und verwiesen auf <persName ref="nognd">Bonham&#x2019;s</persName> öffentliche Bekanntmachungen<lb/>
durch Maueranschlag und die Zeitungen, in welchen den englischen<lb/>
Unterthanen der Eintritt in die Mauern von <hi rendition="#k"><placeName>Kan-ton</placeName></hi> unter-<lb/>
sagt wird. <note xml:id="note-0235" next="#note-0236" place="foot" n="90)">Aus mehreren gedruckten Depeschen des <hi rendition="#k"><persName ref="http://id.loc.gov/authorities/names/n2013019435">Yi</persName></hi> scheint hervorzugehen, dass<lb/>
Herr <persName ref="nognd">Bonham</persName> oder ein Vertreter desselben den freien Zutritt in <hi rendition="#k"><placeName>Kan-ton</placeName></hi> 1850 an<lb/>
der <placeName><hi rendition="#k">Pei-ho</hi>-Mündung</placeName> gefordert hätte. Er sei, erzählt <hi rendition="#k"><persName ref="http://id.loc.gov/authorities/names/n2013019435">Yi</persName></hi>, von den kaiserlichen Be-<lb/>
vollmächtigten abgewiesen worden, weil im Vertrage von <hi rendition="#k"><placeName>Nan-kin&#x0307;</placeName></hi> nichts davon</note></p><lb/>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[[213]/0235] V. DER LORCHA-KRIEG. BIS 1858. Bei Davis’ Anwesenheit in Kan-ton 1847 wurde in den Ver- handlungen mit Ki-yiṅ auch das im Vertrage von Nan-kiṅ den Engländern gewährte Recht auf freien Zutritt in die Stadt Kan-ton erörtert, und ausgemacht, dass die Ausführung dieser Be- stimmung wegen der feindseligen Haltung des Volkes auf weitere zwei Jahre hinausgeschoben werden solle. Nach Ablauf dieser Frist brachte Davis’ Nachfolger, Herr Bonham, die Sache wieder zur Sprache, wechselte mehrere Schreiben darüber mit dem Vice- König Siu und überzeugte sich schliesslich, dass der Zeitpunct nicht geeignet sei auf die Zulassung zu dringen. Er erklärte den Chinesen, dass die Frage in ihrer Integrität ruhen und zur Erledi- gung offen bleiben müsse. Gützlaff übersetzte die betreffenden Worte 89) in Ausdrücken, die zwar nach dem Zeugniss der kundigsten Dolmetscher nicht missverstanden werden konnten, von den Chi- nesen aber so gedeutet wurden, als gäbe England seine Ansprüche auf. Bonham erhielt für die unklare Fassung von seinem Vor- gesetzten eine Rüge, und in der That hat dieselbe zur Verschlim- merung der Beziehungen wesentlich beigetragen. Siu und sein Nachfolger Yi kamen bei allen späteren Erörterungen darauf zu- rück und verwiesen auf Bonham’s öffentliche Bekanntmachungen durch Maueranschlag und die Zeitungen, in welchen den englischen Unterthanen der Eintritt in die Mauern von Kan-ton unter- sagt wird. 90) 89) »The question at issue rests where it was and must remain in abeyance.« 90) Aus mehreren gedruckten Depeschen des Yi scheint hervorzugehen, dass Herr Bonham oder ein Vertreter desselben den freien Zutritt in Kan-ton 1850 an der Pei-ho-Mündung gefordert hätte. Er sei, erzählt Yi, von den kaiserlichen Be- vollmächtigten abgewiesen worden, weil im Vertrage von Nan-kiṅ nichts davon

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/berg_ostasien03_1873
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/berg_ostasien03_1873/235
Zitationshilfe: [Berg, Albert]: Die preussische Expedition nach Ost-Asien. Bd. 3. Berlin, 1873, S. [213]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/berg_ostasien03_1873/235>, abgerufen am 21.02.2019.