Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

[Bodmer, Johann Jacob]: Sammlung Critischer, Poetischer, und anderer geistvollen Schriften. Bd. 8. Zürich, 1743.

Bild:
<< vorherige Seite
Versuch einer Uebersetzung von Fa-
beln aus einer deutschen Handschrift des
vierzehnten Jahrhunderts.

WEr recht übersetzen will, muß vornehmlich
den Geist dessen haben, den er übersetzet;
und dann auch die Sprache desselben wohl ver-
stehen. Man hat darum in der neuen Vorrede
zu Hrn. Heinekens Longin dem Hr. Prof. G.
gerathen, daß er aus dem Beyerischen übersetzen
sollte; ohne Zweifel, weil man das Vertrauen
zu ihm gehabt hat, daß er den Geist der beyeri-
schen Scribenten glüklich erreichen, und sich da-
neben von ihrer Sprache leichter als von der la-
teinischen meister machen könnte. Der junge
Mensch, von welchem folgende Uebersetzung ist,
hat sich aus eben dieser Ursache nicht höher ge-
waget, als daß er einige Fabeln aus der alten
deutschen Handschrift des vierzehnten Jahrhun-
derts übersetzet hat, von welcher in dem Abschnitt
von der deutschen Poesie unter dem schwäbisch.
Stamme einige Nachrichten gegeben worden.
Es dünket mich in der That, daß er in den Geist
und die Sprache seines Originales geschikt ein-
geschlagen habe. Jch habe ihn darum angefri-
schet, daß er mit dieser Arbeit fortfahren sollte,
und ihm versprochen, daß ich eine Probe davon
in dieser Sammlung einrücken wollte, damit er
das Urtheil der Kunstverständigen darüber ver-
nehmen könnte.

Die
Verſuch einer Ueberſetzung von Fa-
beln aus einer deutſchen Handſchrift des
vierzehnten Jahrhunderts.

WEr recht uͤberſetzen will, muß vornehmlich
den Geiſt deſſen haben, den er uͤberſetzet;
und dann auch die Sprache deſſelben wohl ver-
ſtehen. Man hat darum in der neuen Vorrede
zu Hrn. Heinekens Longin dem Hr. Prof. G.
gerathen, daß er aus dem Beyeriſchen uͤberſetzen
ſollte; ohne Zweifel, weil man das Vertrauen
zu ihm gehabt hat, daß er den Geiſt der beyeri-
ſchen Scribenten gluͤklich erreichen, und ſich da-
neben von ihrer Sprache leichter als von der la-
teiniſchen meiſter machen koͤnnte. Der junge
Menſch, von welchem folgende Ueberſetzung iſt,
hat ſich aus eben dieſer Urſache nicht hoͤher ge-
waget, als daß er einige Fabeln aus der alten
deutſchen Handſchrift des vierzehnten Jahrhun-
derts uͤberſetzet hat, von welcher in dem Abſchnitt
von der deutſchen Poeſie unter dem ſchwaͤbiſch.
Stamme einige Nachrichten gegeben worden.
Es duͤnket mich in der That, daß er in den Geiſt
und die Sprache ſeines Originales geſchikt ein-
geſchlagen habe. Jch habe ihn darum angefri-
ſchet, daß er mit dieſer Arbeit fortfahren ſollte,
und ihm verſprochen, daß ich eine Probe davon
in dieſer Sammlung einruͤcken wollte, damit er
das Urtheil der Kunſtverſtaͤndigen daruͤber ver-
nehmen koͤnnte.

Die
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <pb facs="#f0054" n="54"/>
        <div n="2">
          <head> <hi rendition="#b">Ver&#x017F;uch einer Ueber&#x017F;etzung von Fa-<lb/>
beln aus einer deut&#x017F;chen Hand&#x017F;chrift des<lb/>
vierzehnten Jahrhunderts.</hi> </head><lb/>
          <p><hi rendition="#in">W</hi>Er recht u&#x0364;ber&#x017F;etzen will, muß vornehmlich<lb/>
den Gei&#x017F;t de&#x017F;&#x017F;en haben, den er u&#x0364;ber&#x017F;etzet;<lb/>
und dann auch die Sprache de&#x017F;&#x017F;elben wohl ver-<lb/>
&#x017F;tehen. Man hat darum in der neuen Vorrede<lb/>
zu Hrn. Heinekens Longin dem Hr. Prof. G.<lb/>
gerathen, daß er aus dem Beyeri&#x017F;chen u&#x0364;ber&#x017F;etzen<lb/>
&#x017F;ollte; ohne Zweifel, weil man das Vertrauen<lb/>
zu ihm gehabt hat, daß er den Gei&#x017F;t der beyeri-<lb/>
&#x017F;chen Scribenten glu&#x0364;klich erreichen, und &#x017F;ich da-<lb/>
neben von ihrer Sprache leichter als von der la-<lb/>
teini&#x017F;chen mei&#x017F;ter machen ko&#x0364;nnte. Der junge<lb/>
Men&#x017F;ch, von welchem folgende Ueber&#x017F;etzung i&#x017F;t,<lb/>
hat &#x017F;ich aus eben die&#x017F;er Ur&#x017F;ache nicht ho&#x0364;her ge-<lb/>
waget, als daß er einige Fabeln aus der alten<lb/>
deut&#x017F;chen Hand&#x017F;chrift des vierzehnten Jahrhun-<lb/>
derts u&#x0364;ber&#x017F;etzet hat, von welcher in dem Ab&#x017F;chnitt<lb/>
von der deut&#x017F;chen Poe&#x017F;ie unter dem &#x017F;chwa&#x0364;bi&#x017F;ch.<lb/>
Stamme einige Nachrichten gegeben worden.<lb/>
Es du&#x0364;nket mich in der That, daß er in den Gei&#x017F;t<lb/>
und die Sprache &#x017F;eines Originales ge&#x017F;chikt ein-<lb/>
ge&#x017F;chlagen habe. Jch habe ihn darum angefri-<lb/>
&#x017F;chet, daß er mit die&#x017F;er Arbeit fortfahren &#x017F;ollte,<lb/>
und ihm ver&#x017F;prochen, daß ich eine Probe davon<lb/>
in die&#x017F;er Sammlung einru&#x0364;cken wollte, damit er<lb/>
das Urtheil der Kun&#x017F;tver&#x017F;ta&#x0364;ndigen daru&#x0364;ber ver-<lb/>
nehmen ko&#x0364;nnte.</p><lb/>
          <fw place="bottom" type="catch"> <hi rendition="#fr">Die</hi> </fw><lb/>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[54/0054] Verſuch einer Ueberſetzung von Fa- beln aus einer deutſchen Handſchrift des vierzehnten Jahrhunderts. WEr recht uͤberſetzen will, muß vornehmlich den Geiſt deſſen haben, den er uͤberſetzet; und dann auch die Sprache deſſelben wohl ver- ſtehen. Man hat darum in der neuen Vorrede zu Hrn. Heinekens Longin dem Hr. Prof. G. gerathen, daß er aus dem Beyeriſchen uͤberſetzen ſollte; ohne Zweifel, weil man das Vertrauen zu ihm gehabt hat, daß er den Geiſt der beyeri- ſchen Scribenten gluͤklich erreichen, und ſich da- neben von ihrer Sprache leichter als von der la- teiniſchen meiſter machen koͤnnte. Der junge Menſch, von welchem folgende Ueberſetzung iſt, hat ſich aus eben dieſer Urſache nicht hoͤher ge- waget, als daß er einige Fabeln aus der alten deutſchen Handſchrift des vierzehnten Jahrhun- derts uͤberſetzet hat, von welcher in dem Abſchnitt von der deutſchen Poeſie unter dem ſchwaͤbiſch. Stamme einige Nachrichten gegeben worden. Es duͤnket mich in der That, daß er in den Geiſt und die Sprache ſeines Originales geſchikt ein- geſchlagen habe. Jch habe ihn darum angefri- ſchet, daß er mit dieſer Arbeit fortfahren ſollte, und ihm verſprochen, daß ich eine Probe davon in dieſer Sammlung einruͤcken wollte, damit er das Urtheil der Kunſtverſtaͤndigen daruͤber ver- nehmen koͤnnte. Die

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/bodmer_sammlung08_1743
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/bodmer_sammlung08_1743/54
Zitationshilfe: [Bodmer, Johann Jacob]: Sammlung Critischer, Poetischer, und anderer geistvollen Schriften. Bd. 8. Zürich, 1743, S. 54. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/bodmer_sammlung08_1743/54>, abgerufen am 31.05.2020.